Kolumne „Alles Kultur“  In ganz neue Welten eintauchen

Annie Heger
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Eine Kolumne von Annie Heger
| 02.09.2023 17:23 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Annie Heger
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Sie eröffnen für uns neue Welten und bleiben als Erinnerung aus der Kindheit: Bücher. Unsere Kolumnistin nimmt ihre Leser heute anlässlich eines Jubiläums mit auf eine persönliche Reise.

Es ist 50 Jahre her – länger, als ich auf der Welt bin. Meine Zeit auf dieser Erde kommt mir vor, als würde ich auf ihr wandeln, seit Zeit überhaupt erfunden wurde. Erzählungen von Zeiten und Menschen, die vor mir waren, fühlen sich oft an wie ausgedachte Geschichten. So wie Bücher, die in meinem Schrank bis heute stehen, weil sie mich in Welten haben eintauchen lassen: „Momo“ von Michael Ende ist 50 geworden.

Zur Person

Annie Heger, geboren in Aurich und heute hauptsächlich in Berlin lebend, singt, ist Schauspielerin und moderiert Shows, Festivals, Varietés und Galas. Außerdem ist sie Plattdeutsch-Aktivistin.

Momo, dieses dunkel gelockte Mädchen mit den dunklen Augen, sie war ein Mädchen oder? – Ein Kind auf alle Fälle. Ein Kind, das gegen alle Vorstellung von Zeit und ihren Dieben gekämpft hat. Das Buch „Momo“ mit dem Untertitel „Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte“ ist am 1. September 1973 erschienen – und ich habe es nie gelesen. Ich war noch zu klein, als ich der Welt Momos und ihren Gegenspielern, den grauen Herren, begegnete. Ich hatte die Hörspielkassetten, die ich zum Einschlafen gehört habe, bis ich jedes Wort mitsprechen konnte und Momo ein Teil meiner kleinen Welt wurde. Sie passte nicht in ihre Welt, zu großen Klamotten und Zeit. Momo war reich. Reich an Zeit. Als Kind war das einfach für mich zu verstehen, denn die Endlichkeit des Lebens war mir nicht bewusst. Es war trotzdem eine unheimliche Welt ohne Eltern. Momo traf auf Gigi, den Fremdenführer, der so gut erzählen konnte, wurde begleitet von ihrer Schildkröte Kassiopeia, die sie am Ende ohne Worte verstand, den grauen, Zeit stehlenden Herren und Beppo, dem Straßenkehrer, der so lange braucht, bis er antwortet, dass die meisten schon vergessen hatten, was sie wissen wollten.

Heute würde man es eventuell im Buchladen in der Kategorie „Fantasy für Kinder“ finden. Doch dieses Buch ist so voller philosophischer Fragen, dass ich uns allen wünsche, das Kind in uns zu finden, das mit Momos Augen durch die Welt geht und sich die Zeit einfach...nimmt. Für das kleine aber feine Gespräch, den Moment, dem anderen sein Ohr zu schenken und Bücher aus unserer Kindheit wieder in die Hand zu nehmen.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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