Umgang mit Unterrichtsausfall  Darum machen es andere Bundesländer anders als Niedersachsen

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 01.09.2023 11:45 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) mit einer „Augmented Reality“-Brille. Es geht dabei um erweiterte Realität. Wird irgendwann die Realität der niedersächsischen Schulen um eine Unterrichtsausfall-Statistik erweitert? Da ist nämlich – verglichen mit anderen Bundesländern – Luft nach oben. Foto: Matthey/dpa
Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) mit einer „Augmented Reality“-Brille. Es geht dabei um erweiterte Realität. Wird irgendwann die Realität der niedersächsischen Schulen um eine Unterrichtsausfall-Statistik erweitert? Da ist nämlich – verglichen mit anderen Bundesländern – Luft nach oben. Foto: Matthey/dpa
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Niedersachsens Schulverwaltung verschafft sich keinen Überblick, wie viel Unterricht ausfällt. Die meisten Bundesländer machen sich aber diese Mühe. Warum? Dortige Bildungsministerien nennen Gründe.

Ostfriesland/Hannover/Deutschland - Die Schulverwaltungen in den meisten Bundesländern betreiben Aufwand, um ausfallende Unterrichtsstunden zu erfassen, zu dokumentieren und auszuwerten – in Niedersachsen wissen Kultusministerium und Landesschulämter hingegen nicht, wie viel Unterricht beispielsweise in Ostfriesland ausfällt. Verschwenden die anderen Arbeitskapazität oder müsste die niedersächsische Landesregierung mehr tun? Die Kultus- und Bildungsministerien anderer Bundesländer nennen Gründe, warum sie wissen wollen beziehungsweise müssen, wie oft Schule ausfällt.

Was und warum

Darum geht es: Aus welchen Gründen andere Bundesländer – im Unterschied zu Niedersachsen – den Unterrichtsausfall statistisch erfassen und auswerten.

Vor allem interessant für: Schülerinnen und Schüler sowie Eltern

Deshalb berichten wir: Weil niemand weiß, wie viele Schulstunden in Ostfriesland ausfallen.

Den Autor erreichen Sie unter: a.ellinger@zgo.de

Warum erfasst Nordrhein-Westfalen den Unterrichtsausfall?

In Nordrhein-Westfalen wurde in diesem Jahr damit begonnen, den Unterrichtsausfall schulscharf zu erfassen, wie ein Sprecher des dortigen Bildungsministeriums mitteilt. Das sei lange diskutiert und von der Vorgängerregierung schon mal angepackt worden – dann aber wegen der Corona-Pandemie ausgesetzt worden.

Warum wird in Nordrhein-Westfalen jetzt dieser Mehraufwand für eine Statistik betrieben? „Wir müssen wissen, wie viel Unterricht ausfällt“, erklärt der Ministeriumssprecher. Wenn man Maßnahmen gegen den Unterrichtsausfall ergreifen wolle, dann benötige man einen Überblick, wie viel Unterricht ausfällt.

Warum erfasst Thüringen den Unterrichtsausfall?

„Die Erfassung dient der Planung von Maßnahmen zur Verbesserung der Unterrichtsversorgung“, antwortet Thüringens Bildungsministerium.

Warum erfasst Mecklenburg-Vorpommern den Unterrichtsausfall?

„Die Vertretungs- und Ausfallstatistik ist für strategische Planungen zum Umgang mit Unterrichtsvertretung und -ausfall von Bedeutung und schafft Transparenz“, so das Bildungsministerium Mecklenburg-Vorpommern. „Insbesondere können langfristige Trends aufgezeigt und die gefühlte Wahrnehmung kann empirisch eingeordnet werden.“

Warum erfasst Sachsen-Anhalt den Unterrichtsausfall?

Das Bildungsministerium Sachsen-Anhalt stellt zunächst einmal klar: „Es wird ja nicht einfach gefragt, wie viele Stunden denn im vergangenen Monat ausgefallen sind (das wäre in der Tat wenig hilfreich und aussagefähig), sondern mittels Erfassung der Ursachen und Maßnahmen sind schulfachliche Bewertungen/Schlussfolgerungen und so weiter möglich.“

In dem Bundesland werden unter anderem auch die Ursachen erfasst, warum Lehrkräfte nicht für den Unterricht zur Verfügung standen. Das Ministerium erläutert: „Unsere Auswertungen sind unter anderem Grundlage für zahlreiche Anfragen aus dem parlamentarischen Raum. Diese könnten nicht umfassend beantwortet werden (was Nachfragen auslösen würde) , könnten wir nur eine Zahl und Quote zum Totalausfall vorhalten.“

Warum erfasst Bremen den Unterrichtsausfall?

„Durch die Erstellung der Unterrichtsausfallstatistik wird deutlich, wie viel des zu erteilenden Unterrichts (Stundenplan) ausgefallen ist“, schreibt das Büro der Bremer Bildungssenatorin. „Erfasst werden Krankheit, Fortbildungen und Unterricht an anderem Ort und die erteilten Vertretungsstunden.“ Die Unterrichtsausfallstatistik sei aber kein Indiz für die Lehrkräfteversorgung der Schulen, da der zu erteilende Unterricht bislang grundsätzlich sichergestellt sei.

Warum erfasst Bayern den Unterrichtsausfall?

„Mittlerweile ist die Erhebung zum Unterrichtsausfall fester Bestandteil unseres Monitorings der Unterrichtsversorgung“, teilt das bayerische Kultusministerium mit. „Sie liefert wichtiges Steuerungswissen nicht nur in Bezug auf die Anzahl der ersatzlos entfallenen Unterrichtsstunden, sondern auch hinsichtlich der ersatzweise eingerichteten Unterrichtsstunden. So können beispielsweise ergriffene Maßnahmen zur Verringerung von Unterrichtsausfall evaluiert werden.“

Warum erfasst Rheinland-Pfalz den Unterrichtsausfall?

„Die Erfassung des Unterrichtsausfalls dient als Grundlage der Kommunikation zwischen Schulaufsicht und Schulen zu Vertretungsbedarfen und Vertretungskonzepten“, antwortet das Bildungsministerium Rheinland-Pfalz. „Für das Ministerium ist sie zudem ein wichtiger Hinweis, um gegebenenfalls nachzusteuern, wenn Bedarf besteht.“

Warum erfasst Sachsen den Unterrichtsausfall?

Das sächsische Kultusministerium erklärt: „Die Regelmäßige Veröffentlichungen machen den Unterrichtsausfall für alle transparent und sind eine Orientierung für das Krankheitsgeschehen einerseits und für die Lehrerversorgung andererseits.“

Warum erfasst Brandenburg den Unterrichtsausfall?

„Für die schulaufsichtliche Praxis sind die Daten von Bedeutung, um die Wirksamkeit des Vertretungskonzepts, das jede Schule erstellt, einschätzen und erforderlichenfalls die Schulleitung beraten zu können“, so Brandenburgs Kultusministerium – „um mit ihr Maßnahmen abzustimmen, wie die Schulleitung bei der Verbesserung des Vertretungsmanagements agieren und gegebenenfalls von der Schulaufsicht unterstützt werden kann.“

Brandenburg nutzt die Statistik also, um die Qualität der schulischen Vertretungskonzepte bewerten und verbessern zu können. In Niedersachsen scheint man sich auf die Schulen und ihre Vertretungskonzepte zu verlassen. Das Regionale Landesamt für Schule und Bildung (RLSB) in Lüneburg hat unserer Redaktion – im Auftrag des Kultusministeriums – auf die Frage nach dem Unterrichtsausfall in Ostfriesland geantwortet: „Jede Schule in Niedersachsen hat im Rahmen ihrer Eigenverantwortlichkeit ein schulinternes Vertretungskonzept, mit dem kurzfristige Lehrkräfteausfälle aufgefangen werden können. Diese kurzfristigen Vertretungen oder Ausfälle sowie Krankmeldungen von Lehrkräften werden den RLSB nicht gemeldet, so dass wir Ihnen hierzu keine statistischen Daten nennen können.“

Welche Voraussetzungen gibt es in Niedersachsen für eine Statistik?

Eine Grundlage für eine niedersächsische Unterrichtsausfall-Statistik könnten die schulischen Vertretungspläne sein. Sie sind zumindest bei vielen Schulen auf der Schulplattform Iserv im Internet abgespeichert. Das heißt, die Daten sind vorhanden – sie müssten nur zusammengeführt werden.

Obendrein sieht Niedersachsens Schulgesetz eine Möglichkeit zur Datenerhebung vor. Auszug aus Paragraf 30: „Für Zwecke der Schulverwaltung und der Schulaufsicht können schulbezogene statistische Erhebungen durchgeführt werden, soweit die für diese Zwecke bereits erhobenen Daten nicht ausreichen.“

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