Osnabrück Tierseuchen und Klimakrise – droht den letzten Pelztierfarmen in der EU das Aus?
Auch europäische Produzenten stillen den Hunger reicher Chinesen nach Pelz. Dabei belastet die Zucht die Umwelt. Und auch die Risiken für die öffentliche Gesundheit durch die Tierfarmen wachsen.
Modische Todsünde, gesellschaftliches Todesurteil – wer hierzulande in der Öffentlichkeit Pelz trägt, erntet Belästigung statt Bewunderung. Doch weltweit hat das tierische Kuschel-Flausch als Statussymbol und Accessoires des Jet-Sets längst nicht ausgedient. In Russland und Asien, allen voran China, erfreut sich Pelz großer Beliebtheit. Und europäische Produzenten verdienen ordentlich mit.
Tierfarmen aus der EU befriedigen fast ein Drittel der weltweiten Nachfrage. Ganz vorn dabei: Dänemark, Polen und Finnland mit Nerz, Marder und Fuchs. Doch nun wird die Luft für sie dünner.
Eine Hiobsbotschaft für die Branche kam dieser Tage aus Finnland: Im Kampf gegen die Verbreitung der Vogelgrippe wurden dort rund 120.000 Füchse und Nerze getötet. Das Argument: Die Tiere könnten wirkungsvollere Zwischenwirte für die Vogelgrippe sein als andere Säugetiere und es dem Virus so erleichtern, in eine für Menschen gefährliche Form zu mutieren.
Bereits mit der Corona-Pandemie waren die Pelztierfarmen in den Fokus öffentlicher Aufmerksamkeit geraten. Dänemark hatte damals mehr als 15 Millionen Nerze keulen lassen; das Virus war in den Tieren mutiert. Ein vorübergehendes Zuchtverbot wurde später jedoch wieder aufgehoben – für Tierschützer völlig unverständlich.
„Wir müssen uns fragen, ob die grausame Haltung von Nerzen und Füchsen zur Herstellung leicht ersetzbarer Modeaccessoires es wirklich wert ist, unkalkulierbare Risiken für die öffentliche Gesundheit in Kauf zu nehmen“, sagt Thomas Pietsch von „Vier Pfoten - Stiftung für Tierschutz“. 19 EU-Staaten hätten die Pelzfarmenzucht aus Gründen des Tierschutzes und der öffentlichen Gesundheit inzwischen ganz oder teilweise verboten. In Deutschland schloss die letzte Nerzfarm 2019 ihre Tore.
„Die jüngsten Nachrichten aus Finnland unterstreichen die Notwendigkeit, diesen Schritt in der gesamten EU zu gehen“, sagt Pietsch.
Auch Umweltschützer wittern im Kampf gegen die letzten Pelztierfarmen der Gemeinschaft Morgenluft. Beim Stichwort Nachhaltigkeit setzt ein neuer Report der Tierschutzorganisation Humane Society International/Europe (HSI) an, demzufolge die Umweltauswirkungen der Pelztierhaltung sehr problematisch seien.
Laut dem Bericht ist die CO₂-Bilanz von Nerzfell im Vergleich zu Lebensmitteln mit niedrigem CO₂-Fußabdruck besonders hoch: Sie beträgt beispielsweise das 115-fache gegenüber Tomaten und das 775-fache gegenüber Kartoffeln.
Zudem erfordere die Zucht von Millionen von fleischfressenden Nerzen, Füchsen und Marderhunden große Mengen Futterfleisch. Für die Herstellung eines Kilogramms Nerzfell sind demnach 563 Kilogramm Nahrungsmittel erforderlich. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Fleischkonsum in Deutschland lag 2022 pro Kopf bei 52 Kilogramm pro Jahr.
Auch der durchschnittliche Wasserverbrauch wird negativ beurteilt: Mit gut 29 Liter pro Kilogramm fertigem Pelz sei er fünfmal höher als bei Baumwolle.
So geht die HSI-Analyse davon aus, dass sich durch die Einstellung der Zucht von Füchsen, Nerzen und Marder für Pelz in Europa jährlich fast 300.000 Tonnen Kohlendioxidäquivalent einsparen ließen. Zudem gäbe es 3.700 Tonnen Wasserverschmutzung sowie 11.800 Tonnen Luftemissionen weniger.
„Pelztierzucht in Europa verursacht desaströse Umweltschäden. Unternehmer und Verbraucher müssen sich der wahren Umweltkosten von Pelz endlich bewusst werden“, sagt Martin Häusling, Agrarexperte der Grünen im Europaparlament. Ein Stopp der Pelztierproduktion sei überfällig.
Die Branche selbst freilich wirbt mit dem Stichwort Nachhaltigkeit für sich. „Als langlebiges natürliches Material haben Pelze per se umweltfreundliche Qualitäten. Sie sind eine nachhaltige Alternative zu den Synthetikmaterialien, von denen die heutige ‘Fast Fashion‘ abhängt“, heißt es beispielsweise beim Deutschen Pelzinstitut. Es gelte aber auch: „Pelze erfüllen die Nachhaltigkeitskriterien in unterschiedlicher Weise – abhängig davon, ob es sich um Tiere aus einer Pelzfarm oder um Wildfang handele.
Auf internationaler Ebene soll das Zertifizierungs- und Rückverfolgbarkeitssystem für Naturpelze „Furmark“ potenziellen Kunden ein ruhiges Gewissen garantieren; es stehe für „strenge Tierschutznormen und Umweltstandards“. Zahlreiche Modemarken haben Echtfell gleichwohl inzwischen aus ihren Kollektionen verbannt.
Dessen ungeachtet macht sich Deutschland nun mit Österreich und den Niederlanden für ein EU-weites Verbot der Pelztierzucht stark. Es sei ein Unding, dass immer noch Millionen Nerze in Europa gehalten werden, um aus ihnen „ein Luxusprodukt herzustellen, das längst der Vergangenheit angehört“, sagte Bundesagrarminister Cem Özdemir (Grüne) der Nachrichtenagentur dpa kürzlich.
Die EU-Kommission solle einen Vorschlag für ein entsprechendes Verbot ausarbeiten und prüfen, ob auch ein Verbot des Verkaufs und der Vermarktung von Pelztierprodukten auf dem europäischen Markt möglich wäre. Auf die europäische Bürgerinitiative „Pelzfreies Europa“ muss die Kommission bis zum 14. Dezember 2023 reagieren. Der nächste Schritt, sagte ein Sprecherin, sei eine Anhörung zum Thema im Europäischen Parlament im Herbst.