Brauner Sumpf  Rechtsextreme auf Tiktok – erst unscheinbar, dann national

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 28.08.2023 18:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Rechtsextreme haben Tiktok schon länger für sich entdeckt. Symbolfoto: Omar Marques/SOPA Images via ZUMA Press Wire/dpa
Rechtsextreme haben Tiktok schon länger für sich entdeckt. Symbolfoto: Omar Marques/SOPA Images via ZUMA Press Wire/dpa
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Ein Emder Neonazi aus dem Umfeld des viel diskutierten Konzerts in der Krummhörn ist auf Tiktok. Seine „Folge ich“-Liste zeigt, wie Rechtsextreme auf der Videoplattform agieren.

Krummhörn/Emden - Auch Rechtsextreme haben die sozialen Medien schon lange für sich entdeckt. Ein Neonazi aus Emden, der Anfang August bei der Durchführung des Konzerts in der Krummhörn beteiligt war, hat beispielsweise ein Profil auf der Videoplattform Tiktok. Dort lädt er selbst zwar keine Videos hoch, aber seine „Folge ich“-Liste zeigt beispielhaft, welche Inhalte man heute so konsumiert, wenn man als Rechter auf Tiktok unterwegs ist. Sie zeigt aber auch, wie Rechtsextreme versuchen, Nutzer auf ihre Inhalte zu locken.

Erst im März titelte dazu „Zeit Online“: „Influencer mit rechter Mission“. Seit einigen Monaten nutzt nämlich beispielsweise der Dortmunder Neonazi Steven Feldmann vor allem Tiktok, um neue Zielgruppen zu erschließen. Sein Konzept: Er spricht beispielsweise mit Rappern mit Migrationshintergrund. In den Videos präsentiert „er sich als umgänglicher Neonazi von nebenan“, so „Zeit Online“. Aber das ist nur ein Beispiel für rechte und rechtsextreme Inhalte auf der vor allem bei Jugendlichen beliebten Plattform Tiktok.

Beispiele: Codes

Schaut man sich an, wem der besagte Emder so folgt, stellt man zunächst fest: vielen Frauen. Vereinzelt ist mal eine schwarz-weiß-rote Fahne in Profilbildern zu sehen. Auffälliger wird es, wenn man sich mit den Codes der rechten Szene auskennt. In den Profilnamen findet sich beispielsweise sehr oft die Zahl „88“. Diese kann theoretisch auch für das Geburtsjahr 1988 stehen, aber in Verbindung mit den Inhalten der Profile wird klar: Die 8 steht für den achten Buchstaben im Alphabet, das H. „88 steht für die Buchstaben HH und für den Gruß ‚Heil Hitler!‘“, erklärt die Internetseite „Das Versteckspiel“, die sich mit den Codes und Symbolen der rechten Szene befasst. Auch die „18“, nach gleichem Prinzip Code für „Adolf Hitler“ findet sich mehrfach.

Weiterhin auffällig sind die Herzen, die vor allem bei vielen der Nutzerinnen in der Liste zum Namen gehören. Oft sind es drei in der farblichen Reihenfolge schwarz, weiß und rot. „Viele Motive auf Fahnen, Shirts oder Aufnähern werden von Rechten bewusst Schwarz-Weiß-Rot gestaltet. Dies drückt die Ablehnung der parlamentarischen Demokratie aus, auch wird eine farbliche Annäherung an die Symbolik des NS vollzogen“, so „Das Versteckspiel“. Auch in den Beschreibungen zu den Tiktoks findet man diese drei Herzen häufig.

Internationale Anspielungen finden sich auch. So zum Beispiel „Fourteen Words“ (deutsch: „vierzehn Wörter“). Dies bezieht sich auf einen in den Vereinigten Staaten entstandenen Glaubenssatz von Neonazis: „We must secure the existence of our people and a future for white children.“ Zu Deutsch: „Wir müssen die Existenz unseres Volkes und eine Zukunft für weiße Kinder sichern.“

Beispiele: Inhalte

Vor allem bei den Nutzerinnen in der Folge-Liste ist das sogenannte Lip-Sync beliebt. Dabei läuft ein Lied im Hintergrund und die Tiktokerinnen tun so, als würden sie mitsingen. Diese Art von Tiktoks finden sich auch bei nicht-rechten Kanälen, für unbedarfte Nutzer ist also nicht immer auf den ersten Blick erkennbar, was für Lieder da laufen. Andere Lieder sind da eindeutiger.

Ein Beispiel: Das Video zeigt eine junge Frau auf einem Balkon. Das Video ist von einer leicht erhöhten Selfie-Position aus aufgenommen, das Top lässt einen tiefen Blick ins Dekolleté zu. „Sex sells“ auch bei männlichen Neonazis. Über das Tiktok ist zudem ein Filter gelegt. Die Frau bewegt die Lippen zum Lied, das im Hintergrund läuft. Eine Machart, wie man sie hunderttausendfach jeden Tag auf Tiktok sieht. Die Melodie des Liedes: „The Cure - Friday, I‘m in love“. Der Text ist allerdings deutsch.

Eine männliche Stimme singt: „Weiße Frauen, deutsches Bier, schwarz-weiß-rot, wir stehen zu Dir. Das Land unserer Väter, das Land unserer Vorfahren, wie könnte ich vergessen, woher ich komme.“ Das Lied stammt von der rechten Band „Freikorps“, die auch Lieder wie „Arische Skinheads“, „Lieber tot als rot“ oder „Deutschland den Deutschen“ geschrieben und gesungen hat.

Zwei weitere Beispiele: Eine stark tätowierte Frau im BH singt ein Lied von den „Zillertaler Türkenjägern“ beziehungsweise „Zillertaler Virenjäger“. Viele „Gefällt mir“-Angaben haben beide Videos nicht, aber die Zielgruppe ist eindeutig. aber auch Männer bewegen ihre Lippen auf Tiktok gerne zu rechter Musik. Ein Nutzer, gepierct, Tunnel im Ohr, Basecap blickt ernst in die Kamera und „singt“ das Lied „Rudolf Heß“ von Landser mit. Sowohl bei den „Zillertaler Türkenjägern“ als auch bei Landser handelt es sich um bekannte Bands der rechten Szene. Die Gruppe Landser war bis zu ihrer Auflösung 2003 die wohl erfolgreichste deutsche Neonazi-Band.

Erste Kontakte knüpfen

Die genannten Beispiele klingen eindeutig, aber tatsächlich könnten sie zum Teil auch von Bands wie „Freiwild“ stammen, die ebenfalls gerne Themen wie Patriotismus, Heimatliebe und so weiter besingen. Nicht umsonst finden sich unter einigen der Videos Schlagworte wie „Deutschrock“.

Viele Accounts, die rechtsextreme Inhalte verbreiten, erstellen allerdings nicht nur eindeutige Videos. Es finden sich auch Tiktoks mit Musik von Rammstein, Freiwild oder „Böhse Onkelz“, die allesamt nicht als rechtsextrem einzustufen sind. Mitunter finden sich auch Videos, in denen der neue Hundewelpe vorgestellt wird.

Und genau hier liegt die Gefahr: „Tiktok ist in dem Fall nur eine Erstkontakt-Plattform. Also, wo es überhaupt erst einmal darum geht, auf sich aufmerksam zu machen“, erklärte im März Daniel Hajok, Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Erfurt, gegenüber dem MDR im Bericht „Zielgruppe Kinder: Mit rechtsextremen Inhalten auf Tiktok“. Erste Kontakte sollen demnach „etwa durch Menschen aufgebaut werden, die weder vom Aussehen noch vom Auftreten an das klassische Bild aus der rechten Ecke erinnern“, so der MDR.

Erstkontakt und dann die „Influencer“

Dank des Algorithmus‘ von Tiktok geht es auf dieser Plattform noch deutlich schneller als beispielsweise bei Instagram oder Youtube, dass man als Nutzer zunächst auf die „Erstkontakte“ stößt und dann auf die „Influencer“. Eine besondere Gefahr gerade für Jugendliche, die über Musik und entsprechende Schlagworte angelockt werden. Die Amadeu-Antonio-Stiftung beschreibt das so: „Tiktok-Sounds sind ein häufiges Mittel der rechtsextremen Mobilisierung. Viele rechtsextreme Tiktokerinnen tanzen [...] und trainieren zu Rechtsrock. Dabei dient die Videoinszenierung der Selbstverharmlosung und Normalisierung ihrer rechtsextremen Positionen. Das Ziel lautet: Zuschauer*innen vom rechten Lifestyle zu überzeugen. Prominente Tanz-Challenges, virale Tiktok-Trends werden immer wieder nachgeahmt, gekapert und rechtsextrem remixed. Die extra-niedrigschwellig konzipierten Videobotschaften sollen bei Zuschauer*innen Neugierde und Gemeinschaftsgefühle wecken.“

„Nazi-Influencer“ finden sich auch welche auf der Liste des Emders. Da wäre Tim K., ehemaliger Polizist und heute einflussreicher rechter Influencer. 18.000 Menschen folgen ihm. Da wäre der Organisator vom „Kampf der Nibelungen“, Deutschlands größte rechtextreme Kampfsportveranstaltung, der auch gerne Videos mit eingangs erwähnten Steven Feldmann macht. Er kommt auf etwas mehr als 7000 Follower. Mit fast 15.000 Followern findet sich auch Tommy Frenck auf der Liste. Belltower.News fasst den „Unternehmer, Autor, Koch und Versandhändler“ so zusammen: „Tommy Frenck ist ein neonazistischer Aktivist, ehemaliger Politiker der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) und Kreistagsabgeordneter von ‚Bündnis Zukunft Hildburghausen’ in Hildburghausen, Südthüringen. Im Dezember 2014 kaufte er das Lokal ‚Goldener Löwe’ im 300 Einwohner Ort Kloster Veßra, wo seitdem regelmäßig Veranstaltungen der freien Kameradschaftsszene in Thüringen stattfinden. Jährlich am 20. April (dem Geburtstag von Adolf Hitler) verkauft Frenck Führerschnitzel für 8,88 Euro. Er organisiert 2018 außerdem zwei Rechtsrock-Festivals in Themar.“

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