Neonazi-Konzert in der Krummhörn „Scheiß Antifa!“ und besondere Tanzhinweise
Zwei Tonaufnahmen vom Neonazi-Konzert in der Krummhörn geben einen kurzen Einblick in den Abend. Dabei werden typische Taktiken der rechten Szene deutlich.
Krummhörn - Auf dem von Mitgliedern der rechten Szene organisierten Konzert in der Krummhörn sollte ein Wolfgang-Petry-Double auftreten. Der Sänger sagte vor Ort seinen Auftritt ab. Die vermeintliche Begründung sorgte für Buh-Rufe und den Kommentar „Scheiß Antifa!“ aus dem Publikum.
Das belegt ein bei Tiktok hochgeladenes Video von dem Abend. Darauf zu sehen und zu hören, ist eine Ansage zur Absage des Künstlers. Hochgeladen wurde es von zwei hiesigen Tiktokern, die auch nach eigenem Bekunden die AfD wählen. Aber das ist nicht der einzige Mitschnitt, der dieser Redaktion vorliegt.
„Die Antifa hat alles getan um die Party zu versauen“
Über die Videoaufnahme ist unter der Überschrift „Live in Krummhörn“ folgender Text gelegt: „Die Antifa hat alles getan um die Party zu versauen. Die haben sogar das Wolfgang Petry Double bedroht und dessen Frau. Also Mal ehrlich Wolfgang ein Nazi? [drei tränenlachende Smileys] Die Antifa ist ist für mich die kriminelle Vereinigung die abgeschafft werden sollte. Auch die übertriebenen Kontrollen der Polizei ist ein Witz. Allgemeine Verkehrskontrolle [tränenlachender Smiley] Es gibt mit Sicherheit bessere Orte wo die Polizisten sich hätten nützlich machen können. Armes Deutschland“.
Zu sehen ist auf dem Video die improvisierte Bühne in der Halle des Canumer Lohnunternehmens, das Plakat der Band „Gehasst, verdammt, vergöttert“ und mehrere Konzertteilnehmer. Auch eindeutig zu erkennen sind die rechten Musiker Marco E. und Patrick J. Auch einer der Organisatoren aus Emden, ebenfalls der rechten Szene zuzuordnen, ist erkennbar.
Wolfgang-Petry-Double hat „kein Interesse“ an einer Stellungnahme
Zu hören ist ein weiterer Mann. Um wen es sich genau handelt, ist noch nicht zweifelsfrei nachgewiesen. Verlesen wird die angebliche Stellungnahme des Wolfgang-Petry-Doubles Thomas Berger aus Brandenburg. Das Video setzt mitten in der Verlesung ein. Zu hören ist, dass unter anderem Fotos von Berger und seinem Dienstwagen gemacht wurden. Er nehme auch aus beruflichen Grünen Abstand von der Veranstaltung. Die Worte werden mit Buh-Rufen quittiert. Mindestens eine Person aus dem Publikum brüllt „Scheiß Antifa!“. Im Mitschnitt fällt ansonsten nicht das Wort Antifa. Der Begleittext und die Reaktion legen aber nahe, dass „die Antifa“ als Grund für die Absage Bergers angegeben wurde. Auch wird Berger im Mitschnitt nirgends als Nazi bezeichnet, wie es der begleitende Text nahelegt. Es ist aber davon auszugehen, dass beides außerhalb des Mitschnitts thematisiert wurde, denn: Berger teilt auf seinem öffentlichen Facebook-Profil eine bunte Mischung aus Klimawandel-Leugnung, Verschwörungsideologien und rechtspopulistischer Proaganda unter anderem von der AfD.
Auf Facebook hat Berger unter anderem über sein Management eine andere Begründung verbreiten lassen. Dabei handelt es sich fast wortgenau um die gleiche Begründung, die auch die Band „Goethes Jungs“ verbreitete. In der Begründung heißt es unter anderem: „Nach ankommen am Veranstaltungsort habe ich die Sache natürlich sofort sehr Ernst genommen. Und wir haben sofort mit einer Recherche begonnen. Leider, konnten wir die im Raum stehenden rechtsextremistischen Vorwürfe, die rund um die Veranstaltung kursieren nicht zweifelsfrei entkräften. Allerdings kann ich aber auch nicht mit Sicherheit sagen, welche Vorwürfe nun wirklich stimmen oder nicht und welche Aussagen und Tatsachen wirklich noch aktuell sind oder nicht. Was für mich bleibt, das ist das große Zweifeln und viele Fragen und Unklarheiten.“ Da er sich aber von jeglicher Form des Extremismus‘ distanziere, habe er mit der Absage ein klares Zeichen setzen wollen.
Weder Berger noch sein Management äußerten sich auf Nachfrage zum Konzert und zu den Beweggründen der Absage. „Kein Interesse“, hieß es.
Einordnung: Antifa als Feindbild
Donald Trump hat sie als ein Feindbild auserkoren. Die „-gida“-Gruppen landauf, landab hatten sie als Feind identifiziert. Selbst die „Querdenker“ bezeichneten gerne alle, die kritisch über sie berichtet haben, als: Antifa oder „die Antifa“. Antifa ist an sich die Abkürzung für „Antifaschismus“ oder auch für die „Antifaschistische Aktion“. Spätestens seit den „-gida“-Aufmärschen wird von Rechten, Rechtspopulisten und Verschwörungsideologen immer wieder die Antifa als Feindbild gezeichnet.
Gibt es "die Antifa"?
Nein. Das stellt auch das Bundeskriminalamt fest: „Der Begriff Antifaschismus ist umstritten, eine einheitliche Definition kaum möglich. Für die einen ist Antifaschismus ein demokratisches Grundprinzip, für die anderen ein linksextremistischer Kampfbegriff. Bedeutsam für das jeweilige Verständnis ist vor allem, was die jeweiligen Akteure konkret unter dem Begriff des Faschismus verstehen.“ Und weiter: „Wer im linksextremistischen Kontext von ‚der Antifa’ spricht, meint damit die ‚Antifaschistische Aktion‘. Bundesweit gibt es mehrere lokale Gruppierungen und Initiativen, die sich in lockeren Verbindungen, oft zeitlich begrenzt und mit wechselnden Personen unter dieser Bezeichnung zusammenfinden. Die ‚Antifa’ im Sinne einer bundesweit agierenden, klar umgrenzten Organisation oder strukturell auf eine gewisse Dauer verfestigten Gruppierung existiert derzeit nicht.“
Das gesellschaftliche Bild der Antifa ist in Deutschland geprägt vom sogenannten „Schwarzen Block“, also militanten Linksextremen, die zum Teil auch vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Das ist aber nur ein Teil derjenigen, die sich selbst als Antifa bezeichnen würden. Auch die Berichterstatter beim von Neonazis organisierten Konzert in der Krummhörn wurden mehrfach von Gästen als „Antifa“ bezeichnet, meist in Verbindung mit schmähenden Begriffen wie „scheiß“. Als Feindbild ist „die Antifa“ tief in der Szene verwurzelt. Antifa ist jeder, der kritisch berichtet; jeder, der sich gegen Rechts ausspricht. Im Feindbild, das sich auch in Äußerungen wie „Scheiß Antifa“ abzeichnet, wird nicht unterschieden. Antifa ist, wer nicht dem eigenen konservativen oder rechten/rechtsextremen Weltbild entspricht.
„Achtet auf eure Gestiken, okay?“
Dieser Zeitung liegt eine weitere Tonaufnahme vom Konzert vor, die „Recherche-Nordwest“ zur Verfügung gestellt hat. Zu hören ist vermutlich der gleiche „Ansager“ wie in der anderen Aufnahme. Dieses Mal kündigt er die Band „Viva Los Tioz“ an. Hier blieb man bei der offiziellen Ankündigung, dass statt „Gehasst, verdammt, vergöttert“ eine alternative Böhse-Onkelz-Coverband auftreten werde. Dass auf der Bühne das Banner von „Gehasst, verdammt, vergöttert“ hing und vor der Bühne Merchandise der gleichen Band verkauft wurde: Details.
In der Ansage spricht der Mann davon, dass sicherlich jeder nachvollziehen könne, warum er auf der Bühne eine Maske „umhabe und so“. Laut „Recherche-Nordwest“ kann der Ansager als „vermummt“ bezeichnet werden. Interessanter ist aber der weitere Verlauf der Ansage: „Ich bitte euch alle, gebt niemandem einen Grund, das hier als rechte Veranstaltung auszulegen, ja?“ Und weiter: „Benehmt euch gleich bei der Band, die spielt. Achtet auf eure Gestiken, okay? Wir wollen keine Politik, das ist eine unpolitische Veranstaltung. Danke.“ Das Publikum quittiert dies mit Jubel. Auch die Band kommentierte das „was hier so los ist“ unter anderem mit den Worten, dass das hier eine unpolitische Veranstaltung sei.
Einordnung: Unpolitische Vermummung und Gestik
Seit Beginn der Berichterstattung über das Konzert gab es immer wieder Versuche, den Abend als unpolitisch darzustellen. Auch im Nachgang hieß es immer wieder, dass ja keine verbotenen Lieder gespielt wurden und auf der Bühne ja keine Rechtsrock-Band, sondern nur eine Böhse-Onkelz-Coverband stand.
Diese Aussagen blenden allerdings komplett aus, dass mindestens zwei der anwesenden Musiker in Rechtstrock-Bands spielen und der rechten Szene angehören. Ebenfalls ausgeblendet werden dabei die sonstigen, durch unsere Recherchen offengelegten, Bezüge zur rechten Szene. Die Taktik ist allerdings nicht neu. Auch andere Auftritte der Böhse-Onkelz-Coverband „Gehasst, verdammt, vergöttert“ laufen unter einem unpolitischen Mantel.
Dass sich der Ansager nicht ohne „Vermummung“ zeigen wollte, zeigt außerdem, wie „unpolitisch“ man ist. Mit seinem Gesicht wollte man dann wohl doch nicht zur Veranstaltung stehen. Wahrscheinlich auch, weil man sich nicht sicher sein konnte, ob alle im Publikum die gleiche politische Ausrichtung vertreten. Interessant ist darüber hinaus der Hinweis auf die Gestik. Vom Konzert im vergangenen Jahr existiert eine Aufnahme, auf der jemand sehr offensichtlich einen Hitlergruß zeigt. Solche Aufnahmen wollte man offenbar in diesem Jahr vermeiden.