Strenge Abgabekriterien trotz voller Tierheime  Tierheim wollte Kätzchen nicht an Senioren-Ehepaar vermitteln

Tatjana Gettkowski
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Von Tatjana Gettkowski
| 25.08.2023 08:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Silke Heilig aus dem Tierheim in Stapelmoor spielt mit einigen jungen Katzen. Interessenten, die ihnen ein neues Zuhause geben wollen, müssen einige Kriterien erfüllen. Archivfoto: Ortgies
Silke Heilig aus dem Tierheim in Stapelmoor spielt mit einigen jungen Katzen. Interessenten, die ihnen ein neues Zuhause geben wollen, müssen einige Kriterien erfüllen. Archivfoto: Ortgies
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Waltraud Nischwitz fühlt sich diskriminiert. Die Bunderin wollte einem Kätzchen aus dem Tierheim Stapelmoor ein neues Zuhause geben. Die 67-Jährige blitzte dort ab – auch wegen ihres Alters.

Rheiderland - Waltraud Nischwitz versteht die Welt nicht mehr. „Überall hört man, dass die Tierheime überfüllt sind und zum Teil sogar schon Aufnahmestopps verhängt haben“, erzählt die Frau aus Bunde. Wenn die Kriterien für die Vermittlung eines Tiers so hoch gehängt würden, sei es kein Wunder, dass die Einrichtungen voll seien. Die Rentnerin wollte einem Kätzchen aus dem Tierheim ein neues Zuhause geben. Doch im Tierheim Stapelmoor sei sie „unfreundlich abgebügelt“ worden.

Was und warum

Darum geht es: Tierheime in der Region sind voll. Dennoch wird nicht an jeden Interessenten ein Hund oder eine Katze vermittelt.

Vor allem interessant für: Tierfreunde

Deshalb berichten wir: Eine verärgerte Bunderin hat sich bei uns gemeldet und sich beschwert, dass sie aus dem Tierheim kein Kätzchen mitnehmen durfte.

Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de

Waltraud Nischwitz lebt gemeinsam mit ihrem Mann in einem Haus mit Garten in Bunde. Das Ehepaar hat nach eigenen Angaben jahrelange Erfahrung mit Katzen. Auch jetzt leben im Haushalt noch zwei Samtpfoten, Maria (7) und Joseph (21), heißen die beiden. „Seppi haben wir auch aus dem Tierheim.“ Der Kater sei gesundheitlich nicht ganz fit. Er genieße es aber immer noch seinen Freigang im Garten. Genau die beiden vorhandenen Katzen waren für Tierheimleiterin Iris Holzapfel der Hauptgrund, Waltraud Nischwitz kein Kätzchen zu vermitteln.

Am liebsten vermitteln die Tierheime Katzen wie Rosie und Minnie, die sich gut verstehen oder aus einem Wurf stammen, gemeinsam. Damit ist gewährleistet, dass sie in ihrem neuen Zuhause immer Gesellschaft haben. Foto: Gettkowski
Am liebsten vermitteln die Tierheime Katzen wie Rosie und Minnie, die sich gut verstehen oder aus einem Wurf stammen, gemeinsam. Damit ist gewährleistet, dass sie in ihrem neuen Zuhause immer Gesellschaft haben. Foto: Gettkowski

Bedürfnisse der Tiere haben Priorität

„Der Unterschied zwischen den alten Katzen zu einem Katzenwelpen ist zu groß“, macht Iris Holzapfel deutlich. Andrea Pastoor, Vorsitzende der Streunerkatzen Rheiderland, vertritt einen ähnlichen Standpunkt. „Die Erfahrung zeigt, dass ältere Tiere von sehr jungen Artgenossen genervt sind.“ Einige ziehen sich zurück, verweigern das Fressen oder werden unsauber – „das ist alles ein Ausdruck dafür, dass sie unglücklich mit der Situation sind“.

Das Tierheim Jübberde bemüht sich um Kompromisse. „In dem genannten Fall hätte man die Aufnahme von zwei Kitten empfehlen können, die miteinander spielen können und so auch die älteren Katzen nicht belästigen müssen“, so Christina Busch. „Der Altersunterschied zu vorhandenen Tieren sollte nicht größer als zwei bis drei Jahre sein“, sagt Iris Holzapfel und betont, dass diese Maßgabe nicht auf ihrer persönlichen Meinung basiere. „Das denke ich mir doch nicht aus, weil mir die Nase von einem Interessenten nicht passt„ Die Einschätzung basiert auf wissenschaftlichen Untersuchungen von Verhaltensbiologen“, hält sie Kritikern dieser Vergabepraxis entgegen.

Andrea Pastoor hat kein Problem damit, Kätzchen wie diese beiden, an ältere Menschen zu vermitteln, wenn diese körperlich in der Lage sind, sich um die Tiere zu kümmern. Foto: Gettkowski
Andrea Pastoor hat kein Problem damit, Kätzchen wie diese beiden, an ältere Menschen zu vermitteln, wenn diese körperlich in der Lage sind, sich um die Tiere zu kümmern. Foto: Gettkowski

Ärger über Vergabekriterien

Auch das Tierheim Jübberde sieht keine Veranlassung, die Vergabekriterien zu lockern, nur weil das Haus voll ist. „Wir bemühen uns bereits jetzt sehr, Vermittlungen möglich zu machen oder Alternativen aufzuzeigen“, sagt die 3. Vorsitzende Christina Busch vom Tierschutz im Landkreis Leer, der die Einrichtung in Jübberde betreibt. „Jeder unserer Schützlinge hat ein gutes Zuhause verdient. Und niemandem ist geholfen, wenn die Tiere zurückkommen, weil sie dann auf einmal doch nicht passen.“

Dass die meisten Menschen enttäuscht reagierten, sei verständlich. „Sie haben sich vielleicht schon in das Tier verliebt, Pläne geschmiedet und sich gefreut, einem Tierschutz-Tier ein neues Zuhause zu geben. Viele verstehen unsere Argumente und entscheiden sich vielleicht für ein anderes Tier.“ Einige Menschen würde aber auch sehr verärgert reagieren und böse Nachrichten und schlechte Bewertungen im Internet schreiben.

Lebensumstände müssen zum Tier passen

Für Tierheimleiterin Iris Holzapfel spielte im Fall des älteren Ehepaares aus Bunde auch das Alter eine Rolle. Sie hält es für sinnvoller, wenn ältere Leute auch ältere Tiere aufnehmen. Andrea Pastoor von den Streunerkatzen sieht das etwas lockerer. „Man sollte niemanden wegen des Alters ausgrenzen oder diskriminieren“, findet sie, „so lange sie körperlich dazu in der Lage sind, kann man Kätzchen auch an ältere Leute vermitteln.“ Christina Busch gibt zu bedenken, dass Katzen über 20 Jahre alt werden können. „Wenn wir junge Katzen an ältere Leute vermitteln, möchten wir im Interesse unserer Schützlinge wissen, wer sich im Krankheits- oder Todesfall um das Tier kümmert.“

Die eigenen Grenzen und Möglichkeiten zu erkennen, damit täten sich nach der Erfahrung von Iris Holzapfel aber viele schwer. „Wir hatten hier im Tierheim ein älteres Paar. Der Mann lief am Rollator“, nennt sie ein Beispiel. Die beiden wollten einen zweijährigen Beagle aufnehmen. „So ein junges Tier mit viel Bewegungsdrang passt einfach nicht in die Lebenssituation“, macht die Tierheimleiterin klar. Häufig müsse sie sich üble Beschimpfungen anhören, wenn sie die Vermittlung ablehne. „Die Leute sind erklärungsresistent und gehen regelmäßig ab“, schildert sie die Schattenseite der Vermittlungstätigkeit.

Iris Holzapfel (links) vom Tierschutz Rheiderland, der das Tierheim Stapelmoor betreibt, und Andrea Pastoor, Vorsitzende der Streunerkatzen Rheiderland und ihre Kollegen überprüfen auch stichprobenartig, ob es die vermittelten Tiere in ihrem neuen Zuhause wirklich gut haben. Foto: Gettkowski
Iris Holzapfel (links) vom Tierschutz Rheiderland, der das Tierheim Stapelmoor betreibt, und Andrea Pastoor, Vorsitzende der Streunerkatzen Rheiderland und ihre Kollegen überprüfen auch stichprobenartig, ob es die vermittelten Tiere in ihrem neuen Zuhause wirklich gut haben. Foto: Gettkowski

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