Steueroase mit Motor?  Oldtimerfahrer lieben ihre Autos – der Fiskus ist eher Nebensache

Karin Lüppen
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Von Karin Lüppen
| 24.08.2023 19:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Den Mercedes 190 entdeckte Thorben Malchus vor fast zehn Jahren bei einem Landwirt in einer Scheune. Es war genau das Modell, das er gesucht hatte. Foto: Ortgies
Den Mercedes 190 entdeckte Thorben Malchus vor fast zehn Jahren bei einem Landwirt in einer Scheune. Es war genau das Modell, das er gesucht hatte. Foto: Ortgies
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Der Bundesrechnungshof hat beanstandet, dass viele Besitzer von Oldtimern mit H-Kennzeichen kräftig Steuern sparen, aber ihr Auto im Alltag fahren. Aber ist das so?

Leer - Ostfriesen mögen alte Autos, Traktoren oder Motorräder: Das zeigen die vielen Treffen im Sommer, bei denen die Fahrzeuge auch von denen bestaunt werden, die selbst nicht so einen Schatz in der Garage stehen haben. Viele nutzen die Möglichkeit, dem Oldtimer ein H-Kennzeichen geben zu lassen. Der Vorteil: Für das Fahrzeug werden dann pauschal 191,73 Euro Steuern pro Jahr fällig. Der Bundesrechnungshof hatte kürzlich moniert, dass dem Staat durch diese Subventionierung 170 Millionen an Einnahmen jährlich entgingen.

Was und warum

Darum geht es: Drei Ostfriesen mit Oldtimern erzählen, warum sie ihr Auto mit H-Kennzeichen fahren. Sie berichten auch, wie oft sie sich hinter das Lenkrad setzen.

Vor allem interessant für: Menschen, die alte Fahrzeuge mögen

Deshalb berichten wir: Wir wollten wissen: Was ist so interessant an einem Oldtimer mit H-Kennzeichen? Dazu haben wir drei Fahrer getroffen: Einen „Schönwetterfahrer“, einen „Gelegenheitstäter“ und einen „Alltagsnutzer“.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.lueppen@zgo.de

Denn die Oldtimer seien längst nicht alle gehütete Sammlerobjekte, sondern würden von vielen im Alltag genutzt. Der Bundesrechnungshof verlangt eine Gesetzesänderung nicht nur wegen der niedrigeren Einnahmen. Die älteren Fahrzeuge seien häufig zudem eine Belastung für die Umwelt durch schlechtere Abgaswerte, so die Finanzwächter. Aber stimmt das?

„Kraftfahrzeugtechnisches Kulturgut“

Laut Kraftfahrtbundesamt in Flensburg waren zum 1. Januar 2023 793.589 Kraftfahrzeuge (Kfz) und Kfz-Anhänger mit und ohne Historienkennzeichen (H-Kennzeichen) registriert, die als Oldtimer anerkannt sind – 8,4 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Das Amt zählt dazu alle Fahrzeuge, „die vor mindestens 30 Jahren erstmals in den Verkehr gekommen sind, weitestgehend dem Originalzustand entsprechen, in einem guten Erhaltungszustand sind und zur Pflege des kraftfahrzeugtechnischen Kulturgutes dienen“.

Unter diesen Voaussetzungen wird ein H-Kennzeichen erteilt. Aber sind VW Käfer, Mercedes Heckflosse oder Ford Capri deswegen gleich rollende Steueroasen mit Motor? Nicht unbedingt, denn ältere Modelle mit wenig Hubraum sind steuerlich sogar ohne H-Status vergleichsweise günstig: Für einen Opel Kadett, Baujahr 1988, 1600 Kubikzentimeter Hubraum und Schadstoffklasse Euro 3 werden laut dem Kfz-Steuerrechner des Bundesfinanzministeriums 108 Euro jährlich fällig – weit weniger als die 191,73 Euro mit H-Kennzeichnen.

Dass Ostfriesen sich für Oldtimer begeistern können, belegen die vielen Treffen an verschiedenen Orten, hier in Wiesmoor. Foto: Archiv/Ortgies
Dass Ostfriesen sich für Oldtimer begeistern können, belegen die vielen Treffen an verschiedenen Orten, hier in Wiesmoor. Foto: Archiv/Ortgies

Welche Gründe gibt es denn sonst, einen Oldtimer zu fahren und ihm ein H-Kennzeichen zu geben? Das wollten wir von drei Oldtimerbesitzern wissen. Sie nutzen ihren Wagen – dass es sich bei unseren Beispielen um Wagen der Marke Mercedes Benz handelt, ist Zufall – entweder täglich, nur hin und wieder oder ausschließlich bei schönem Wetter.

Der Alltagsfahrer

Thorben Malchus fährt mit seinem 190er Mercedes, Baujahr 1990, täglich zur Arbeit als Mediengestalter bei der Zeitungsgruppe Ostfriesland. „Ich fand alte Autos schon immer schön“, sagt der 27-Jährige. Den Mercedes hat Malchus gekauft, als er 18 Jahre alt war und den Führerschein hatte. Dieses Modell sei damals für ihn erschwinglich gewesen, ein H-Kennzeichen hatte der Wagen damals noch nicht, das kam 2020. Natürlich fahre er damit günstiger, aber vor allem habe er das Kennzeichen beantragt, weil es „eine coole Sache“ für ihn ist.

Wenn Jens Lüning Auto fährt, dann mit diesem Mercedes von 1989. Foto: Ortgies
Wenn Jens Lüning Auto fährt, dann mit diesem Mercedes von 1989. Foto: Ortgies

Den 190 D will Malchus auf jeden Fall weiterfahren, und verkaufen würde er ihn nicht mehr, „obwohl ich schon manchmal Angebote dafür bekomme“, sagt er. Häufig erlebe er, dass sein Wagen auf einem Parkplatz bewundert wird. Er schätzt daran, dass er so robust ist. „Im Sommer fehlt mir schon manchmal die Klimaanlage“, sagt er. Dass der Mercedes mit 75 PS nicht sehr schnell ist, störe ihn weniger, „ich mag gemütliches Fahren“. Im Jahr komme er wegen der kurzen Fahrtstrecken auf rund 4000 Kilometer pro Jahr.

Der Gelegenheitsfahrer

Der Mercedes 300 SE, Baujahr 1989, von Jens Lüning ist für ihn zwar ein „Alltagsklassiker“. Aber jeden Tag fährt er ihn trotzdem nicht. Vor allem im Winter, erst recht wenn Streusalz verteilt wurde, bleibt der Oldtimer zu Hause stehen. „Dann versuche ich lieber, mit dem Fahrrad zu fahren“, sagt Lüning, der als Amtsleiter beim Landkreis Leer arbeitet. Er fahre viel mit dem Rad, aber „wenn ich das Auto nehmen muss, dann ist es der Alte“. Lüning hat ausgerechnet, dass für ihn die Steuerersparnis durch das H-Kennzeichen knapp 30 Euro beträgt. Für ein vergleichbares Neufahrzeug wären dagegen dagegen 200 Euro jährlich fällig, also nur noch 8,27 Euro mehr als für den Oldtimer.

Der Mercedes ist nicht der einzige Oldtimer, den der 49-Jährige besitzt. Neben Traktoren ist auch ein Schaustellerwagen dabei, mit dem Lüning und seine Frau kürzlich unterwegs waren. „Für die anderen Fahrzeuge haben wir eine 07er Nummer“, sagt er. Das ist ein Kennzeichen, das eigentlich für Probe- oder Überführungsfahrten gedacht ist, aber auch für Fahrten zu Oldtimertreffen genutzt werden darf. Für dieses braucht man ein Oldtimergutachten wie für das H-Kennzeichen. Seine Liebe für alte Fahrzeuge entdeckte Lüning mit zwölf Jahren: Statt des erhofften Rasenmähertraktors stand am Geburtstag ein betagter Güldner-Traktor auf dem Hof. Die anfängliche Enttäuschung wich einer dauerhaften Leidenschaft für Oldtimer. Den Mercedes bekam er 2019, seine Fahrleistung schätzt er auf 7000 Kilometer im Jahr.

Der Schönwetterfahrer

Wenn ZGO-Fotograf Klaus Ortgies bei seinen Terminen ankommt, steigt er immer aus einem blauen VW Polo. Privat allerdings besitzt er seit 21 Jahren einen Mercedes /8 (Strich-acht) von 1972. „Damals war das Auto gerade 30 Jahre alt geworden“, sagt er. Eine gute Gelegenheit, das H-Kennzeichen zu beantragen. Genau ausgerechnet, wie viel Steuern er damit spart, habe er jedoch nie. Das Auto kommt aber nur raus, wenn wirklich trockenes Wetter ist, sagt der 58-Jährige. Zwar auch im Winter, aber nur wenn die Straßen trocken und salzfrei sind.

Am Steuer seines Mercedes /8 von 1971 sitzt Klaus Ortgies meist nur einmal in der Woche und nur bei gutem Wetter. Foto: Lüppen
Am Steuer seines Mercedes /8 von 1971 sitzt Klaus Ortgies meist nur einmal in der Woche und nur bei gutem Wetter. Foto: Lüppen

„Meine Lieblingsfahrzeit ist Sonntagvormittags, dann ist es im Sommer noch nicht so warm und es ist nur wenig Verkehr“, so Ortgies. „Nebenstrecke statt Bundesstraße“, nach dem Motto sucht der Fotograf die Fahrstrecken aus. Alles in allem komme er so auf rund 1000 Kilometer im Jahr. „Zu wenig, sagt mein Schrauber“, verrät Ortgies. Der sage ihm nämlich immer, dass ein altes Auto unbedingt bewegt werden müsse. „Wenn es das Wetter zulässt, fahre ich einmal in der Woche“, sagt er. Für Oldtimer habe er sich schon immer begeistert, er hatte auch 1986 schon einmal einen Mercedes /8.

So bekommt man das H-Kennzeichen

Seit 1997 gibt es in Deutschland das H-Kennzeichen. Um dieses für sein Fahrzeug zu bekommen, muss es vor mindestens 30 Jahren zum ersten Mal zugelassen worden sein. Laut TÜV Nord muss es weitestgehend so aussehen wie zu dem Zeitpunkt, an dem es die Fertigungshalle verlassen hat. Es darf höchstens im damals üblichen und zulässigen Rahmen modifiziert worden sein. Weitere Voraussetzungen sind ein wirklich guter Erhaltungszustand, keine technischen Mängel oder Unfallschäden, nur sachgemäße Instandsetzungen und das ganze Fahrzeug muss im Originalzustand sein.

Neben der Versicherungsbestätigung, Zulassungsbescheinigung I und II (Schein und Brief), einem gültigen Bericht zur Hauptuntersuchung muss bei der Zulassung ein gültiges Oldtimergutachten vorgelegt werden. Mit dem Gutachten stuft ein amtlich anerkannter Sachverständiger oder Prüfingenieur das Fahrzeug offiziell als Oldtimer ein. Die Kosten für dieses Gutachten hängen von Art und Zustand des Wagens ab und kommen zusätzlich zu den Kosten für Zulassungsgebühren, eventuelles das Wunschkennzeichen und das Prägen der Nummernschilder hinzu.

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