Hamburg  Warum sieht Norddeutschland in den Krimis von ARD und ZDF so albern aus?

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 23.08.2023 19:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Schafe unterlaufen die Ermittlungen: der ZDF-Nordkrimi „Friesland“ mit Sophie Dal und Maxim Mehmet. Foto: ZDF/Willi Weber
Schafe unterlaufen die Ermittlungen: der ZDF-Nordkrimi „Friesland“ mit Sophie Dal und Maxim Mehmet. Foto: ZDF/Willi Weber
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Kein Abend vergeht, ohne dass die Öffentlich-Rechtlichen eine Leiche aus dem Meer fischen. Wie sieht Norddeutschland in den Regionalkrimis von ARD und ZDF aus? Und wie ist es wirklich? Ein Reisebericht aus dem Fernsehsessel.

Kein Mensch ist gerne da, wo andere ermordet werden. Außer natürlich, man guckt fern. Die Öffentlich-Rechtlichen verwandeln Tatorte regelmäßig in attraktive Places-to-be. Abend für Abend sterben hier Menschen an den schönsten Orten der Welt. Welches Bild zeichnen ARD und ZDF dabei vom Norden? Schauen wir’s uns an! Ein Reisebericht aus dem Fernsehsessel:

Dass TV-Redaktionen beim Regionalkrimi schon in der Konzeption aufgeben, hört man gleich am Titel: „Friesland“, „Stralsund“, „Usedom-Krimi“. Klingt alles eher nach Reisekatalog als nach Fernsehzeitung. Trotzdem sind selbst diese Namen noch fantasievoller als der Rest der Produktion. Die meisten Nordkrimis heißen schließlich einfach genau so: Nordkrimi. Es gibt „Nord Nord Mord“, „Nord bei Nordwest“, „Morden im Norden“ und auch „Nordholm“. An den Titeln sind die Formate nicht mehr zu unterscheiden. Man muss schon genau hingucken, was gerade läuft. Oder vielleicht auch gerade nicht. Es sieht dann ja auch alles ziemlich gleich aus.

Die Mordopfer im Strandhafer sind vielleicht etwas bedrückend. Ansonsten aber ist die Aussicht im Nordkrimi einfach nur schön. Öffentlich-rechtliche Ermittler wohnen grundsätzlich mit Meerblick. Einfache Gebührenzahler könnten sich die reetgedeckten Wohnträume nicht mal für einen einzigen Urlaubstag leisten. Nina Petersen zum Beispiel, Kommissarin in der ZDF-Serie „Stralsund“, bewohnt ein Backstein-Kleinod direkt am Strand. Genauer gesagt: am Strand des schleswig-holsteinischen Heilbads Dahme. Für die gute Lage müsste sie knappe 300 Kilometer Dienstweg in Kauf nehmen. Aber es ist ja nur Fiktion. In Mecklenburg-Vorpommern hatte der Location Scout wahrscheinlich kein freies Häuschen mehr gefunden.

Regional gleich original! Das bärtige Küstenoriginal gehört zum Nordkrimi wie der Brummschädel zum Linie-Aquavit. Jeder gute Fall präsentiert einen verwitterten Wattführer, Ornithologen oder Hafensäufer, der seine Jacke von Käpt’n Iglo geklaut hat und sein Plattdeutsch von Käpt’n Blaubär. Deko-Nordlichter, die so authentisch sind wie die Möwe mit Gummistiefeln im Souvenirladen. Als Zeuge ist das maritime Faktotum in der Regel nutzlos. (Zu besoffen.) Als humoriger Farbtupfer beweist es dafür die Grundüberzeugung des Genres: In der Provinz ist sogar der Alkoholismus lustiger als in der seelenlosen Stadt. Für echte Norddeutsche mag das etwas peinlich sein, aber was soll’s. Das Dolce Vita deutscher Donna-Leon-Darsteller war auch nicht besser.

Regionalkrimis sind wie Heimatmuseen; und nichts fasziniert hier mehr als das bizarre Brauchtum der Ureinwohner: der Rum im Kaffee, Volksfeste wie das Biikebrennen und natürlich der Friesennerz. Denn das Schönste am Norden im Fernsehen ist und bleibt ja sein traditionelles Schietwetter. Wie stimmungsvoll der Sturm um die in der Takelage baumelnde Tote pfeift! Wie romantisch der Regen auf den Toten im Hafenbecken prasselt! Und wie duftig der Pharisäer am Ende in der Hand des nassen Ermittlers dampft! Man möchte selbst den Südwester auf den Kopf setzen und mitermitteln. Aber in Wahrheit ist es eben doch nur schlechtes Wetter.

Im Fernsehnorden leben natürlich viel mehr Mörder als im realen Norddeutschland. Eine nicht weniger gefürchtete Bevölkerungsgruppe ist dafür radikal unterrepräsentiert: die Touristen. Menschenleere Dünen und Dorfkirchen ohne Flipflop- und Badehosenträger, kuschelige Hafenkneipen, in denen Einheimische noch unter sich sind, Pferdekarren anstelle dieselbetriebener Bimmelbahnen: Wer das erleben will, darf nicht an die Küste fahren. Den puren, den authentischen Norden gibt es nur auf der Postkarte und im Küstenkrimi. Paradoxerweise müssen die Filme für diese Bilder die Touristen ausblenden, die sie selber anlocken.

Die Fernsehfantasien wirken. In einem anderen Genre ist das schon sprichwörtlich geworden. Dass zwei Drittel der Cornwall-Touristen aus dem Sendegebiet des ZDF stammen, hat das dortige Fremdenverkehrsamt nämlich einmal als „Pilcher-Effekt“ bezeichnet. Im Fall der Krimis haben norddeutsche Touristiker längst reagiert. Wenn Krimi-Fans sich mal ans echte Meer verirren, können sie in Kiel eine „Tatort”-Radtour machen und in Wismar auf den Spuren der ZDF-SOKO wandeln. Vielleicht mildert der Tag an den Drehorten dann ja den Wirklichkeitsschock.

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