Kolumne „Alles Kultur“ Wann werden endlich alle verstehen?
Wie mutig und kreativ Menschen sein können, daran erinnert unsere Kolumnistin mit Blick auf ein Lied, das in einem KZ geschrieben worden ist.
Manche Lieder sind so mächtig, dass man sie schmuggeln muss. Der Gefangene Hanns Kralik hat im September 1933 im KZ Börgermoor bei Papenburg den Text des „Moorsoldatenliedes“ in einer Bastschale versteckt und bei einem der raren Besuche seiner Frau Lya gegeben, die ihn aus dem Lager schmuggelte. Das Lied „Die Moorsoldaten“ war nun frei, die Gefangenen noch lange nicht, manche davon nie.
Zur Person
Annie Heger, geboren in Aurich und heute hauptsächlich in Berlin lebend, singt, ist Schauspielerin und moderiert Shows, Festivals, Varietés und Galas. Außerdem ist sie Plattdeutsch-Aktivistin.
Vor 90 Jahren wurde das Lied von Häftlingen des Konzentrationslagers geschrieben, die hauptsächlich politische Gegner des NS-Regimes waren. Ein Bergmann, ein Schauspieler und ein kaufmännischer Angestellter schrieben Text und Melodie im Widerstand und unmenschlichen Überlebensbedingungen vereint. Ihre Namen: Johann Esser, Wolfgang Langhoff und Rudi Goguel. Sie überlebten und konnten davon berichten.
Die Erzählungen über die Premiere des Liedes am 27. August 1933 jagen mir stets einen heiß-kalten Schauer über den Rücken – welch ein Mut. 16 Häftlinge zogen mit ihren Spaten in die Manege des „Zirkus Konzentrazani“ und sangen. Ab dem zweiten Refrain stiegen die fast 1000 Mitinhaftierten ein, am Ende sangen sogar die Kommandeure und SS-Leute mit – sie entschlüsselten die verstecken Botschaften zum Widerstand nicht.
„Dann zieh’n die Moorsoldaten nicht mehr mit den Spaten ins Moor.“ Nach dieser letzten Zeile zogen sie aus der Manege, dabei die Spaten wie Grabkreuze zurückgelassen. Das Lied wurde verboten, war jedoch nicht aufzuhalten. Es verbreitete sich in ganz Europa und schuf Hoffnung und Solidarität.
Letzte Woche schrieb ich über die Lieder derer, die genau diese Zeit der menschlichen Grausamkeit glorifizieren und sich zurückwünschen. Reicht es, dass wir unsere Lieder dagegen halten? Und wie oft müssen wir die Lieder der Schrecken der Vergangenheit noch singen, damit alle endlich verstehen?
Am 27. August wird mit einem vom DIZ e.V. organisierten Konzertabend mit dem Ensemble „Die Grenzgänger“ im Theater im Forum Alte Werft in Papenburg an die Uraufführung erinnert. An einem Sonntag, so wie damals 1933.
Den Kampf gegen Rechts nicht aufgeben
Wenn das Leben Geschichten schreibt
Eine neue Hymne braucht das Land