Bremen Musikfest Bremen: Christian Brückner begeistert mit Gedichten von Heinrich Heine
Eine Große Nachtmusik eröffnet traditionell das Musikfest Bremen. Und wieder einmal wird an dem Abend klar: Damit spielt Bremen in der Champions League der europäischen Musikfestivals mit.
Wie recht Christian Brückner doch hat. „Denk ich an Deutschland in der Nacht“, sagt er, und in seiner rauen Stimme mit ihrem festen Kern und im brüchigen Sprachduktus scheint sich die Stimmung zu spiegeln, die uns derzeit doch alle umtreibt, individuell und als Gesellschaft. Krieg, Klima, Inflation ziehen uns den Teppich aus Stabilität und Sicherheit unter den Füßen weg. Und spricht uns Brückner da nicht aus tiefstem Herzen, wenn er fortfährt: „Dann bin ich um den Schlaf gebracht“?
Gemeinsam mit dem Pianisten Michael Wollny befindet sich Brückner auf der Bühne im Veranstaltungssaal der Bremer Bürgerschaft, zweiter Stock. Wo sonst Politik gemacht wird, regiert jetzt die Musik; traditionell bespielt Intendant Thomas Albert das Haus zum Auftakt seines Musikfests Bremen.
Der Ort eignet sich wie kein zweiter für den Start in die „Große Nachtmusik“, wie der Festivalauftakt heißt. Durch die Fensterfronten blickt man auf den Marktplatz mit Rathaus, Bürgerhäusern und dem Bremer Roland; der steinerne Wächter über die Freiheitsrechte der Bremer blickt auf das Treiben an diesem schwülen Sommerabend.
Auf der Bühne schafft der Jazzer Wollny nicht nur das klingende Umfeld für Heines Lyrik und Brückners große Stimme. Vielmehr greift er die Atmosphäre der Gedichte auf, er schafft eigene Kontexte, gibt Impulse an den großen Textinterpreten Brückner, nimmt seinerseits dessen Impulse auf. Da wird es mal traurig-melancholisch, bitterböse-ironisch, scharfsichtig beobachtend, aber immer besticht, wie Wollny und Brückner gemeinsam die verblüffende Aktualität von Heines präzisen Analysen des deutschen Gemüts herausarbeiten. Und das mit den Mitteln der Improvisation. Der zweite Auftritt an diesem Abend habe ein höheres Energielevel gehabt, sagt Brückner nachts beim Feierabendbier im Innenhof der „Glocke“.
Der erste Auftritt bestach indes durch seine Intensität, durch die Stimmigkeit, mit der Texte ihre Neudeutung erfahren – und durch Heines beißende Ironie. Die Stadt „Göttingen“ – ein Abschnitt aus der „Harzreise“ – versinkt in Chaos und Spott, „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“, das berühmte Lied von der Loreley, rezitiert Brückner in ruhigem Ton, von Pausen durchzogen, während Wollny das sentimentale Volkslied mit seinen Erweiterungen in Spannung versetzt. „Aber ach! Jeder Zoll, den die Menschheit weiterrückt, kostet Ströme Blutes“, sagt Brückner schließlich, und wer denkt dabei nicht an Krieg und Elend? Wieder schmiegen sich die Worte perfekt in die Musik, ja, Brückner rezitiert, ohne zu singen, hochmusikalisch. Schließlich heißt es, „Der Vorhang fällt, das Stück ist aus.“ Ein grandioser Auftakt für diese „Nachtmusik“ zum Start das Musikfestes Bremen.
Denn während Heine schreibt, „Und Herrn und Damen gehn nach Haus“ geht es in die Unser Lieb Frauen Kirche hinter dem Rathaus. Der Tölzer Knabenchor singt da unter der Leitung von Gerhard Jacobs Kompositionen der musikalischen Großfamilie Bach: Johann und Johann Christoph und Johann Ludwig heißen die Onkel und Cousins des großen Johann Sebastian, und am Ende mündet das Konzert dann, na logisch, in dessen Motette „Singet dem Herrn“ BWV 225.
Da geht es bereits auf halb zehn, und ein bisschen wünscht man dem ein oder anderen Knabensopran, dass er um diese Zeit doch besser im Bett liegen dürfte, statt hier in der gut besuchten Kirche zu singen. Andererseits begeistert die sichtbare Hingabe und Leidenschaft, mit der die Sänger bei der Sache sind.
Tatsächlich fodert die Musik ein hohes musikalisches Verständnis, jeder einzelne muss sie intellektuell durchdringen, um sie adäquat umsetzen zu können. Dabei gelingt nicht alles perfekt, und die hohe Kompositionskunst der Bach-Familie kommt dabei nicht immer in allen Details zu Geltung. Aber der satte Gesamtklang des Chores und die hörbare Freude am Singen machen diese Stunde doch zu einem bezaubernden Erlebnis.
Zum Finale führt der Weg schließlich in die Glocke, den hochgelobten Konzertsaal der Bremer. Schon länger denkt man über eine Erweiterung nach, offenbar stehen sogar schon Bundesgelder bereit. Damit wäre es am Bremer Senat, für die Erweiterung zu stimmen, und vielleicht hat das Projekt ja im Bremer Bürgermeister und Präsidenten des Bremer Senats, Andreas Bovenschulte, einen wichtigen Fürsprecher: „In schwierigen Zeiten brauchen wir mehr Kultur“, sagt Bovenschulte beim Empfang im Rathaus anlässlich des Musikfests. Und schwierig genug dürften die Zeiten gegenwärtig ja sein.
An diesem Abend residiert das Budapest Festival Orchestra unter Ivan Fischer in der Glocke. Im dritten und letzten Konzert steht Beethovens dritte Sinfonie, die „Eroica“, auf dem Programm, und wenngleich die Interpretation an alte Furtwängler- und Karajan-Zeiten erinnert, wird deutlich, worum es in dieser Musik geht: um den Kampf fürs Gute, ums Leben an sich. Satt und sämig klingt das, aber auch leidenschaftlich und existenziell. So soll es sein.