Bern  Könnte ein künstliches Abdunkeln der Sonne die Eisschmelze verhindern?

Eva Dorothée Schmid
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Von Eva Dorothée Schmid
| 18.08.2023 13:43 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Wenn weniger Sonnenstrahlen die Erde erreichen, schmilzt das Eis langsamer - so die Hoffnung. Foto: Imago Images/Christian Ohde
Wenn weniger Sonnenstrahlen die Erde erreichen, schmilzt das Eis langsamer - so die Hoffnung. Foto: Imago Images/Christian Ohde
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Mit Methoden des sogenannten Geoengineering könnte das Klima theoretisch künstlich beeinflusst und abgekühlt werden. Forscher haben nun untersucht, ob man mit einer künstlichen Abdunkelung der Sonne das Abschmelzen des Eisschildes in der Antarktis verhindern könnte. Das sind ihre Ergebnisse.

Gibt es eine Notlösung, mit der sich der Klimawandel aufhalten ließe? Unter dem Begriff Geoengineering werden technische Methoden, die das Klima künstlich beeinflussen, seit längerem diskutiert. Forscher der Universität Bern haben nun in einer Studie untersucht, ob sich durch künstliche Beeinflussung der Sonneneinstrahlung das Abschmelzen des Eises in der Westantarktis verhindern ließe. Ihre Ergebnisse haben sie in der Fachzeitschrift „Nature Climate Change“ veröffentlicht.

Ein entscheidender Grund für das gestiegene Interesse am Geoengineering liegt im Vermeiden von Kipppunkten, bei denen sich das Klima abrupt und unumkehrbar verändern könnte. Dazu zählen unter anderem das Abschmelzen des Westantarktischen und des Grönländischen Eisschilds und der damit verbundene meterhohe Anstieg des Meeresspiegels.

„Beobachtungen der Eisflüsse in der Westantarktis deuten darauf hin, dass wir uns sehr nahe an einem sogenannten Kipppunkt befinden oder ihn bereits überschritten haben“, erklärt Johannes Sutter, einer der Autoren der Studie. „Deshalb wollten wir mit unserer Studie herausfinden, ob sich ein Kollabieren des Eisschilds mit Solar Radiation Management theoretisch verhindern ließe.“

Konkret haben Sutter und seine Kollegen untersucht, was geschehen würde, wenn es gelänge, mit in die Stratosphäre eingebrachten sogenannten Aerosolen – Schwebeteilchen in einem Gas – Sonnenstrahlung von der Erde abzuhalten. Die Sonne würde so gewissermaßen abgedunkelt.

Die Studie zeigt mithilfe von Eismodellsimulationen, welche Wirkung eine solche Maßnahme auf den Antarktische Eisschild hätte. Das sind die Ergebnisse:

Gehen die Treibhausgas-Emissionen ungebrochen weiter und fängt man um 2050 damit an, die Sonne zu verdunkeln, dann ließe sich der Kollaps des Westantarktischen Eisschildes etwas hinauszögern, aber nicht verhindern.

In einem mittleren Emissionsszenario, also wenn wir weniger CO2 als bisher verursachen, könnte sich bis Mitte des Jahrhunderts eingesetztes SRM als „effektives Werkzeug“ erweisen, um das Kollabieren des Eisschilds zu verlangsamen oder sogar zu verhindern. Gemäß den Modellberechnungen wirkt die Verdunklung der Sonne dann am besten, wenn sie möglichst früh erfolgt und mit ehrgeizigen Klimaschutzmaßnahmen kombiniert wird.

Alleedings betonen die Studienautoren, dass ihre Simulationen zeigen, „dass der effektivste Weg zur Verhinderung eines langfristigen Zusammenbruchs des Westantarktischen Eisschildes eine rasche Dekarbonisierung ist“. Die Chancen auf einen längerfristig stabilen Eisschild sind dann am größten, wenn die Treibhausgasemissionen „ohne Verzögerung“ auf Netto-null reduziert würden.

Laut Johannes Sutter müsste eine ganze Flotte von extrem hochfliegenden Flugzeugen Millionen von Tonnen Aerosole in der Stratosphäre ausbringen. Dieser technische Eingriff ins Klima müsste jedoch ohne Unterbrechung und über Jahrhunderte aufrechterhalten werden. Würde die Intervention gestoppt, solange die Treibhauskonzentration in der Atmosphäre hoch bleibt, stiege die Temperatur auf der Erde sprunghaft um mehrere Grad an.

Die Folgen eines solchen Abbruchschocks, gibt Johannes Sutter zu bedenken, sind nur eine der möglichen Gefahren, die von Maßnahmen wie der Verdunklung der Sonne ausgehen. Noch sind die potenziellen Nebenwirkungen ungenügend erforscht, aber sie reichen von einer Verschiebung des Monsunregimes bis zur Veränderung der Meeres- und Atmosphärenströmungen.

Auch würde die Versauerung der Ozeane weiter voranschreiten. Kritische Stimmen mahnen zudem vor politischen und gesellschaftlichen Effekten: Der Einsatz von Techniken wie dem Abdunkeln der Sonne könnte dazu führen, dass Klimaschutzmaßnahmen verlangsamt oder gar verhindert würden.

Thomas Stocker, Professor für Klima- und Umweltphysik an der Universität Bern und Mitautor der Studie, sagt: „Geoengineering wäre ein weiteres globales Experiment und ein potenziell gefährlicher Eingriff der Menschen in das Klimasystem, was gemäß Artikel 2 der UNO-Klimarahmenkonvention auf jeden Fall verhindert werden sollte.“

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