Neonazi-Konzert in der Krummhörn  50 Euro pro Konzertbesucher – für nur eine statt drei Bands

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 18.08.2023 15:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Wie viel Geld tatsächlich eingenommen wurde, lässt sich schwer sagen. Die Beispielrechnung gibt aber einen Anhaltspunkt. Symbolfoto: Pixabay
Wie viel Geld tatsächlich eingenommen wurde, lässt sich schwer sagen. Die Beispielrechnung gibt aber einen Anhaltspunkt. Symbolfoto: Pixabay
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Statt drei Bands trat Anfang August in der Krummhörn nur eine Band bei einem von Neonazis organisierten Konzert auf. Verdient haben die Veranstalter deswegen wohl besonders gut.

Krummhörn - Konzerte sind seit Jahren eine feste Einnahmequelle der rechtsextremistischen Szene. Bei dem am 5. August in der Gemeinde Krummhörn veranstalteten Konzert ist aufgrund der Recherchen davon auszugehen, dass das eingenommene Geld+ zu größten Teilen in die Hände von Rechtsextremen geflossen sind.

Wie viel die Veranstalter genau eingenommen haben, ist unbekannt. Es sind aber genug Einzelheiten bekannt, um einen ersten Blick auf die Einnahmequellen des Abends zu werfen.

Grundannahmen

Die nachfolgenden Berechnungen beziehen sich auf die offiziellen Schätzungen der Teilnehmerzahl. Diese bewegen sich zwischen 150 und 200 Personen. Wie viele Karten tatsächlich verkauft wurden, ist unbekannt. Es ist davon auszugehen, dass einige Besucher dem Konzert aufgrund der im Vorfeld erschienenen Berichterstattung ferngeblieben sind. Für die Rechnung geht diese Zeitung von der Minimalschätzung von 150 Personen aus.

Erste Einnahmequelle: Eintritt – 4500 Euro

Karten für das Konzert schlugen im Verkauf mit 30 Euro zu Buche. Die Karten wurden nicht über gängige Vorverkaufsstellen vertrieben. Eine Vorverkaufsgebühr wurde entsprechend nicht fällig. Somit kommen auf 150 Gäste so fixe Einnahmen von 4500 Euro.

Zweite Einnahmequelle: Verzehr – 3000 Euro

Wie Besucher des Konzerts gegenüber dieser Zeitung erklärten, war jeder Besucher verpflichtet, vor Ort eine 20 Euro Verzehrkarte zu erwerben. Das würde bei 150 Gästen weitere fixe Einnahmen von 3000 Euro bedeuten, oder sogar mehr, wenn Verzehrkarten nachgekauft wurden. Auf den dieser Zeitung vorliegenden Verzehrkarten ist vermerkt, dass nicht verbrauchtes Guthaben nicht wieder ausgezahlt wird. Allein für das Betreten des Veranstaltungsortes wurden somit 50 Euro pro Gast fällig. Übernommen wurde das Kassieren am Eingang laut Erkenntnissen von „Recherche-Nordwest“ von Crew-Mitgliedern, die nicht dem Veranstaltungsort zuzurechnen sind.

Die aufgerufenen Preise belaufen sich laut „Recherche-Nordwest“ zwischen 2 Euro für alkoholfreie Getränke, 4 Euro für das 0,33 Bier und zwei Flaschen Cola plus beispielsweise Korn für 60 Euro. Zusätzlich wurde Pfand auf Becher erhoben. Laut regionalen Veranstaltern muss man aktuell ungefähr 120 Euro für ein 50-Liter-Fass Bier rechnen. Ein 0,33-Liter-Glas kostet demnach im Einkauf ungefähr 0,80 Euro. Ohne Personalkosten liegt der Gewinn pro Glas bei 3,20 Euro. 140 bis 150 Gläser kann man einem Bierfass problemlos abgewinnen, wenn man nicht zu verschwenderisch zapft – macht 480 Euro Gewinn pro Fass.

Dritte Einnahmequelle: Merchandise – 750 Euro

Vor Ort wurden sowohl Merchandise wie T-Shirts der Band „Gehasst, verdammt, vergöttert“ als auch Kleidung mit der Werbung für das Konzert verkauft. Laut „Recherche Nordwest“ lag der Verkaufspreis für die Veranstaltungsshirts bei 20 Euro das Stück. Konservativ geschätzt haben sich vielleicht rund ein Viertel der Gäste (38 Personen, gerundet) ein solches Shirt zugelegt: 750 Euro.

Erste Zwischenrechnung

Insgesamt sind so mindestens um die 8250 Euro in die Taschen der Veranstalter geflossen. Hier eingerechnet sind nur die 3000 Euro durch die Verzehrkarten, nicht der Gewinn durch den Verkauf von Getränken.

Einnahmen: Das sagen Experten

Mit der Finanzierung der rechtsextremen Szene durch Musikveranstaltungen hat sich auch schon das „Counter Extremism Project“ (CEP) beschäftigt. Zum Beispiel im Sammelband „Finanzierungsmuster und Netzwerke gewaltorientierter rechtsextremer Akteur:innen in Deutschland“ aus dem Jahr 2021.

Maximilian Kreter schreibt dort: „Um ihre politischen Aktivitäten durchzuführen und Strukturen aufzubauen, benötigt die rechtsextreme Bewegung neben leistungsbereiten Basisaktivist:innen, die ihre Zeit und Fähigkeiten zur Verfügung stellen, Geld, das im Kern aus vier Quellen stammt: Parteienfinanzierung, Organisierte Kriminalität, Spenden und Erlöse aus dem Musik- und Kampfsportgeschäft“. Außerdem führt er eine Beispielrechnung durch. Demnach liegen die Gewinne beziehungsweise Verluste bei einem durchschnittlichen Konzert (120 bis 150 Besucher) zwischen 1150 Euro Gewinn und 1700 Verlust.

Ausgaben: Saalmiete

Inwiefern die Veranstalter eine Miete für das Gelände und die Halle in der Gemeinde Krummhörn zahlen mussten, ist unbekannt. Da das Unternehmen mit Werbung auf Plakaten und Verzehrkarten genannt wird und eine Art Sponsoring nicht ausgeschlossen werden kann, setzen wir die Saalmiete, angelehnt an die Berechnung von Kreter, mit 350 Euro an.

Ausgaben: Bands

Von den ursprünglich angekündigten Bands ist im Endeffekt nur eine aufgetreten. Eine der Bands, Ernstfall, spricht laut Medienberichten von einer ungewöhnlich hohen Gage, die versprochen wurde. Da laut unseren Informationen die Bands von sich aus abgesagt haben, gehen wir nicht davon aus, dass eine Vertragsstrafe gezahlt werden musste.

Bezahlt werden musste dann nur noch die Böhse-Onkelz-Coverband „Gehasst, verdammt, vergöttert“ (GVV). In der Regel sind die von den zur Szene gehörenden Bands erhobenen Gagen deutlich geringer als die Gagen vergleichbarer Bands, die nicht zu Szene gehören. In Anlehnung an Kreter setzen wir für GVV eine Gage von 600 Euro an. Hinzu kommt Verpflegung und Unterbringung der vier Bandmitglieder plus angenommen ein Techniker. Da schon am Abend vor dem Konzert Live-Musik auf dem Gelände gespielt wurde, gehen wir von drei Tagen und zwei Übernachtungen aus: 750 Euro.

Hinzu kommen GEMA-Kosten, die allerdings schwer zu berechnen sind. Angenommen werden 200 Euro, in Anlehnung an Kreter. Beim notwendigen Equipment gehen wir davon aus, dass dies vorhanden war oder kostenfrei zur Verfügung gestellt wurde.

Ausgaben: Getränke & Co

Vor Ort wurde ein Toilettenwagen zur Verfügung gestellt. Wenn dieser regulär angemietet wurde, ohne Personal und ohne zusätzliche Einnahmen, wird dieser mit 400 Euro angesetzt. Laut Veranstaltern aus der Region sei das ein üblicher Preis, wenn vor Ort kein Geld eingenommen wird.

Ebenfalls vor Ort gab es mindestens einen Bierwagen. Die Mietpreise sind hier stark unterschiedlich. Angenommen wird an dieser Stelle, da laut Erkenntnissen dieser Zeitung kein „Fremdpersonal“ eingesetzt war, eine Miete von 200 Euro.

Hinzu kommen weitere Ausgaben für Essen (Erbsensuppe: 5 Euro, das ist durch Recherche-Nordwest belegt), für den Druck der Werbemittel (Plakate, Eintrittsbänder, Verzehrkarten, T-Shirts). Dies ist schwer zu beziffern, veranschlagt werden 350 Euro. Es ist anzunehmen, dass die T-Shirts bei einem Verkaufspreis von 20 Euro sehr günstig hergestellt wurden und auch bei den anderen Materialien auf günstige Preise gesetzt wurde. Es ist auch nicht auszuschließen, dass die Sachen über einen szene(nahen) Shop bestellt wurden.

Die notwendigen Gebühren für die Genehmigungen belaufen sich vielleicht nochmal auf 150 Euro.

Ausgaben: Sicherheit und Sanitätsdienst

Vor Ort war ein Sicherheitsdienst aus der rechtsextremen Szene eingesetzt. Für den Sanitätsdienst „Nordland Sanitätsdienst“ gilt dies ebenfalls. Es ist davon auszugehen, dass alle Mitglieder von Sicherheits- und Sanitätsdienst der rechten Szene angehören. Beide zusammen werden mit 1000 Euro Kosten veranschlagt, inklusive Unterbringung und Verpflegung.

Zusammengerechnet

Allein, wenn man nur Eintritt und Zwangsverzehr nimmt, stehen den Einnahmen von 7500 Euro Ausgaben von 3650 Euro entgegen, wenn man die Getränke, Essen und Merchandise außen vor lässt. Ein „Gewinn“ von 3850 Euro für die beiden Veranstalter.

Die Beispielrechnung ist dabei, das wird deutlich, nur eine Annäherung. Anders als beispielsweise im Bereich der Terrorismusforschung und -überwachung gibt es nur wenig gesicherte Erkenntnisse über die Finanzierung der rechtsextremen Szene. Das „Counter Extremism Project“ geht davon aus, dass es hier mehrere Strategien gibt, die sich teilweise auch ergänzen. Musikveranstaltungen sind eine dieser Strategien. Anders als klassische Rechtsrock-Konzerte wurde die Veranstaltung in der Krummhörn nicht als politische Veranstaltung getarnt, zudem dürften die Eintrittsgelder nicht als Spenden getarnt werden. Beides wird sonst laut CEP gerne gemacht, um auch Steuerzahlungen zu vermeiden.

Wofür die so erzielten Einnahmen in der rechten Szene genutzt werden, ist unterschiedlich, die Bandbreite groß. Hier muss man bedenken, dass neben den geschätzten „Gewinnen“ auch die Gelder für Band, Sicherheits- und Sanitätsdienst an Mitglieder der rechtsextremen Szene fließen.

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