Straßenverkauf boomt Ostfriesen lassen sich zum Tee Berliner schmecken
Berliner oder Apfeltaschen gehören für viele zum Besuch des Gallimarkts dazu. An den Wochenenden gibt es vielerorts einen Straßenverkauf – der boomt und ist ein rein ostfriesisches Phänomen.
Landkreis Leer - Sonntagnachmittag 15 Uhr an der B 72 in Hesel. Am Stand der „Lüttje Backeree“ von Tanja Schmielewski an der Ampelkreuzung bei Meta stehen die Menschen Schlange. Beim Duft der Berliner und Apfeltaschen, die in Fett ausgebacken werden, läuft vielen Wartenden schon das Wasser im Mund zusammen. Die Teezeit mit der Familie oder Bekannten wollen sich viele mit einem Berliner, einer Apfel- oder einer Kirschtasche versüßen.
Was und warum
Darum geht es: um die Liebe der Ostfriesen zu Berlinern
Vor allem interessant für: alle Leckermäuler
Deshalb berichten wir: Wir wollten einmal das ostfriesische Phänomen der Berlinerstände an den Hauptstraßen ergründen. Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de
Klar, hätte man sich die auch beim Wochenendeinkauf vom Bäcker mitbringen können. „Das kann man gar nicht vergleichen“, sagt Karin Weiss aus Leer. „Frisch gebacken und noch warm schmecken sie einfach am besten.“ Am Berliner-Stand neben der Wiro-Tankstelle in Loga holt sie regelmäßig vier Berliner. Am liebsten die klassische Variante mit Guss. In der Schlange in Loga wartet auch ein Paar aus den Niederlanden auf das frittierte Gebäck. „Bei uns heißt das Olieballen und da kommen Rosinen rein. Zu Silvester und auf der Kirmes wird das oft gegessen“, erzählt die Niederländerin. Brigitte Gravemann aus Leer zählt zu den Stammkunden in Loga. „Ich komme alle zwei bis drei Wochen und hole Sonntags frische Berliner mit Guss.“
Variante für Diabetiker
Das ist übrigens die Variante, die Tanja Schmielewski am meisten verkauft. „Es gibt auch noch welche mit Zucker, Puderzucker oder bunten Streuseln“, erzählt die Schaustellerin aus Großefehn. Es gibt sogar extra Teig für Diabetiker ohne Zucker. Die Füllung der Berliner wechselt ab und zu. „Im Moment benutzen wir eine Vier-Frucht-Marmelade“, sagt sie. Erdbeer werde nicht mehr verwendet, „weil viele Menschen eine Erdbeerallergie haben“.
Tanja Schmielewski stammt aus einer alteingesessenen Schaustellerfamilie. Ihr Opa war Schausteller-Urgestein Kalli Meyer. Er war vor allem im Auricher Raum mit seinem Pferdekarussell eine Institution auf den Volksfesten und bei Jung und Alt bekannt wie ein bunter Hund. Ihr Vater Stefan Heine habe in Emden schon vor 50 Jahren eine Reisebäckerei betrieben. „Das liegt bei uns Blut, da kann man gar nicht anders“, lacht die Schaustellerin, die drei bis vier festangestellte Aushilfen beschäftigt.
Straßenverkauf boomt
In den ersten Jahren habe sie am Stand ihres Bruders ausgeholfen, bevor sie 1996 ihren ersten eigenen Verkaufswagen in Hesel eröffnet hat. „Das war damals als Übergangslösung für den Winter gedacht.“ In der Zeit hätten die Einnahmen sonst gefehlt, weil in den Monaten keine Volks- und Schützenfeste stattfinden. Das Angebot wurde angenommen. Inzwischen haben ihre Stände in Wiesmoor, Loga und Hesel das ganze Jahr über an Sonn- und Feiertagen geöffnet. „Das hat sich in Ostfriesland inzwischen etabliert“, freut sich die Schaustellerin. Und dafür hat sie auch eine Erklärung: die Liebe der Ostfriesen zum Tee. „Teezeit ist Berlinerzeit“
Davon ist auch Johann Rabenberg überzeugt. Der Schausteller aus Holterfehn ist seit mehr als 50 Jahren mit seinen Berlinern auf den Märkten in der Region unterwegs. In benachbarten Regionen wie dem Ammerland oder dem Emsland oder auch in anderen Teilen Deutschlands gebe es diesen Straßenverkauf nicht. Warum? „Weil es da nicht so viele Teetrinker wie in Ostfriesland gibt.“
In der Saure-Gurken-Zeit von November bis Februar verkauft er das beliebte Gebäck an der Straße. „Vom Durchgangsverkehr ist nicht viel zu holen“, hat der 75-Jährige festgestellt. Es seien hauptsächlich Stammkunden, die zu ihm kommen. „Wenn jemand fremd geht, kommt er wieder“, lacht er. Viele treue Kunden kennt er schon seit Jahren. Ans Aufhören denkt er nicht. „Wenn man als Schausteller sein Leben lang unterwegs ist, kann man nicht so einfach aufhören.“ Johann Rabenberg selbst ist der Appetit auf das Fettgebäck auch nach all den Jahren nicht vergangen. „Wenn ich unterwegs bin, esse ich bestimmt jeden Tag einen Berliner.“