Essen  Futuromat: Hat Ihr Beruf noch eine Zukunft?

Stefan Schulte
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Von Stefan Schulte
| 21.08.2023 14:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
KI-Programme wie ChatGPT können bereits jetzt manche Tätigkeiten übernehmen. Sind bald viele Berufsbranchen in Gefahr? Foto: imago images/NurPhoto
KI-Programme wie ChatGPT können bereits jetzt manche Tätigkeiten übernehmen. Sind bald viele Berufsbranchen in Gefahr? Foto: imago images/NurPhoto
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Wie sicher ist Ihr Job angesichts der Digitalisierung und des Aufstiegs Künstlicher Intelligenz? Der „Futuromat“ der Bundesagentur für Arbeit verrät es Ihnen. Doch obgleich manche Branche scheinbar schlecht dasteht, muss dies nicht das Ende bedeuten.

Gleich werde ich erfahren, wie ersetzbar ich bin. Ich habe „Journalist“ eingegeben, mein Mittelfinger zögert kurz, die „Enter“-Taste zu drücken, dann tut er es doch – und: Erleichterung. Meine Kerntätigkeiten wie Recherche und redaktionelles Arbeiten können Computer und Künstliche Intelligenz (KI) nur zu 20 Prozent übernehmen. Auch, dass meine Branche mehr Menschen beschäftigt als vor zehn Jahren und die Zahl arbeitsloser Journalisten stagniert, beruhigt mich.

All das zeigt der Futuromat der Bundesagentur für Arbeit (BA). Entwickelt hat ihn das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), die Wissenschafts-Tochter der BA. Seit 2016 spuckt der Futuromat die Digitalisierbarkeit und Automatisierbarkeit von rund 4000 Berufen aus. In manchen Fällen kann das sehr frustrierend sein, etwa für Bäcker oder Steuerfachangestellte; in anderen Fällen wiederum sehr beruhigend. So im Falle der Friseurin und des Straßenbauers, deren Tätigkeiten noch gar nicht ersetzbar sind. Die Friseurin, weil noch kein Roboter in Sicht ist, der die Arbeit besser könnte als sie. Und obgleich Maschinen längst planieren und Rohre legen, braucht es immer noch einen Straßenbauer, der sie bedient. Der Altenpflegerin können Programme und Geräte indes helfen, sie aber nicht ersetzen. Ihre „Substituierbarkeit“ liegt bei 14 Prozent.

Doch auch wenn Tätigkeiten theoretisch komplett ersetzbar sind, wie im Falle des Bäckers, bedeutet das längst nicht, dass der Beruf zwangsläufig auch ausstirbt. Dass das von Meisterhand gefertigte Brot besser schmeckt als das aus der Fabrik, lässt sich jeden Tag in der Backmanufaktur nebenan beobachten.

Dass die Berufsverbände die richtigen Schlüsse aus den Daten ziehen, ist das Hauptanliegen von Britta Matthes, die den Futuromaten von Anbeginn pflegt. Und deshalb regelmäßig bei den Verbänden jener Berufe aneckt, denen sie den höchsten Grad an Ersetzbarkeit verpasst. Dabei geht es ihr gar nicht darum, jungen Menschen den Beruf des Bäckers, Metallbauers oder des Bankkaufmanns madig zu machen. Sondern darum, den Veränderungsdruck aufzuzeigen, den es durch neue Automatisierungstechniken und KI zweifelsohne gibt.

Das eigentliche Ziel müsse es sein, diese Berufe zu erhalten, indem neue Qualifikationen, Anforderungsprofile und Ausbildungsinhalte erarbeitet werden, sagt Matthes. „Wenn sich an der Ausbildung nichts ändert, gibt es diesen Beruf in zehn Jahren nicht mehr“, sagt sie dann schon einmal zu den Verbandspräsidenten, die sich bei Ihr über die vermeintlich schlechte Bewertung ihrer Branche beschweren.

Bevor die Beschäftigten das geforderte lebenslange Lernen verinnerlichen können, müssen erst einmal ihre Arbeitgeber und Berufsverbände sagen, was sie künftig von ihren Mitarbeitern erwarten. Der Buchhalter und die Steuerfachangestellte sind gute Beispiele dafür. Ihre bisherigen Kerntätigkeiten können Computer vollständig ersetzen. Doch die gruseligen 100 Prozent im Futuromaten können auch wieder sinken, wenn sie neue Aufgaben oder mehr Kompetenzen bekommen.

Wie das IAB auf die Werte kommt? „Wir schauen uns auf Messen nach neuen Techniken um, gehen in Vorreiterbetriebe, die schon mehr automatisieren als andere. Zudem gehen wir in smarte Fabriken, um die Übertragbarkeit ihrer Neuerungen einzuschätzen“, sagt Matthes. Der Futuromat gibt also nicht an, wie viel menschliche Arbeit bereits durch Roboter, Fließbänder und KI ersetzt wird, sondern wie viel nach aktuellem Technikstand absehbar ersetzt werden kann.

Es bleibt also Zeit, sich darauf einzustellen. Inzwischen wüssten viele Berufsverbände den Futuromat zu schätzen, nachdem sie anfangs eher verärgert auf jede Aktualisierung reagiert hätten. „Viele haben inzwischen begriffen: Wir müssen etwas tun, damit unser Beruf sich so verändert, dass er produktiv bleibt“, sagt die Arbeitsforscherin.

Für Programmierer gehört das übrigens fest zum Berufsbild: Wer ein digitales Problem löst, indem er etwa eine neue Software entwickelt, hat sich selbst ein Stück ersetzbarer gemacht, wenn er damit fertig ist. Also widmet er sich dem nächsten Problem. Immer wieder neu ansetzen zu müssen, wird in vielen Berufen künftig nötig sein.

Matthes betont, dass KI sich schon lange in den Ergebnissen des Futuromaten widerspiegelt. Die weitere Entwicklung sei schwer vorhersehbar. Da Programme zur Bildbearbeitung oder zur Textproduktion viel besser geworden seien, habe es zum Beispiel der klassische Dolmetscher schwer, weil die Übersetzungsprogramme inzwischen sehr gut seien. Ob Textprogramme wie ChatGPT je so kreativ werden, dass sie Journalisten ersetzen können, bezweifelt sie aber.

Auch Künstliche Intelligenz werde immer darauf angewiesen sein, dass ein Mensch sie füttert und leitet, betont Matthes. Darin liege auch eine große Chance: Einem Handwerker könne sie etwa die Büroarbeit abnehmen, während er seine nicht zu ersetzenden handwerklichen Fähigkeiten ausübe. Die Entwicklung gehe hin zu „berufsspezifischer KI“, sagt Matthes – und das könnten am besten Menschen aus diesen Berufen machen und nicht externe IT-Entwickler. Einen Teil der Weiterqualifikation von Beschäftigten, deren Tätigkeitsfelder zunehmend automatisiert würden, sieht Matthes deshalb darin, dass sie selbst IT-Kompetenzen erwerben und letztlich ihre eigenen Programme schreiben.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung in Essen.

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