Brauner Sumpf  Neonazi-Vernetzung oder nur Kontaktpflege unter Neonazis?

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 15.08.2023 17:28 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Am 5. August fand ein Konzert in der Krummhörn statt, in dessen Hintergrund zahlreiche Neonazis agierten. Dem Verfassungsschutz fällt es offensichtlich schwer, die Veranstaltung zu kategorisieren. Foto: Hock
Am 5. August fand ein Konzert in der Krummhörn statt, in dessen Hintergrund zahlreiche Neonazis agierten. Dem Verfassungsschutz fällt es offensichtlich schwer, die Veranstaltung zu kategorisieren. Foto: Hock
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Der Verfassungsschutz Niedersachsen tut sich nach Außen schwer mit einer Einordnung des Konzerts in der Krummhörn. Was ist bekannt und welche Schlussfolgerungen werden daraus gezogen?

Krummhörn/Ostfriesland - Das von Neonazis organisierte Konzert am 5. August in der Gemeinde Krummhörn beschäftigt weiter. Die Antworten der wichtigsten Behörden in diesem Fall, Polizei und vor allem Verfassungsschutz Niedersachsen, sind allerdings oft ausweichend.

Zusammenfassung der bisherigen Recherche

Recherchen dieser Zeitung haben ergeben, dass an der Organisation und Durchführung des Konzerts am 5. August dieses Jahres vor allem Neonazis beteiligt waren. Sowohl bei den Anmelden der Ausschankgenehmigung, die sich auch um die Anwerbung der Bands gekümmert haben, als auch im Sanitäts- und Sicherheitsdienst sind mehrere Neonazis nachweisbar.

Was und warum

Darum geht es: Der Verfassungsschutz möchte nicht davon sprechen, dass das Konzert in der Krummhörn der Vernetzung von Neonazis diente.

Vor allem interessant für: diejenigen, die sich für die Recherchen rund um das von Neonazis organisierte Konzert in der Krummhörn interessieren

Deshalb berichten wir: Wir haben beim Verfassungsschutz verschiedene Anfragen zum Konzert in der Krummhörn gestellt.

Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de

Was sagt der Verfassungsschutz zur rechten Szene in Ostfriesland?

Zu Beginn der Recherche verwies der Verfassungsschutz in Niedersachsen darauf, dass man zu Einzelpersonen keine Auskunft gibt. Diese Zeitung hatte gezielt zu den Rollen und Aktivitäten der zunächst bekannten Akteure gefragt. Später hieß es auf Nachfrage dann wiederholt: Dem Niedersächsischen Verfassungsschutz seien „klare Bezüge der in die Organisation eingebundenen Personen in rechtsextremistische Strukturen bekannt“. Näheres könne man nicht sagen, weil dann Rückschlüsse auf einzelne Personen möglich seien. Ob die Erkenntnisse der Verfassungsschützer über die von dieser Zeitung unter Mithilfe von „Recherche Nord“ und „Recherche-Nordwest“ erbrachten Zusammenhänge hinaus gehen, ist unbekannt.

Video
Krummhörn gegen Rechts - Mahnwache zum Konzert "Live in Krummhörn 2"
06.08.2023

Unbekannt ist auch, inwiefern der Verfassungsschutz in Niedersachsen überhaupt klare Erkenntnisse über die Aktivitäten der Szene in Ostfriesland hat. Auf Nachfrage schreibt die Behörde unter anderem: „Ziel- und zweckgerichtete Aktivitäten rechtsextremistischer Organisationen im Sinne des Niedersächsischen Verfassungsschutzgesetzes sind in den vergangenen Jahren kaum noch in Ostfriesland festzustellen.“ Schlüsselwort hier ist „kaum“. Eine Nachfrage, welche Aktivitäten es denn gab, blieb unbeantwortet.

Darüber hinaus charakterisiert der Verfassungsschutz die in Ostfriesland vorhandene rechtsextreme Szene als „von Einzelpersonen geprägt“. Eine organisierte Hammerskin-Szene in Niedersachsen sehe man nicht. Diese Aussage ist insofern interessant, als dass es in der Vergangenheit mindestens ein internes, chapterübergreifendes Hammerskin-Treffen in Niedersachsen gab.

Wie schätzt der Verfassungsschutz die Veranstaltung ein?

Klare Bezüge der Organisatoren zur rechtsextremen Szene sieht auch der Verfassungsschutz. Auf telefonische Nachfrage fasst der Verfassungsschutz unter „Organisation“ auch den Sanitäts- und Sicherheitsdienst. Mit der Einordnung der diesjährigen Veranstaltung tut man sich dennoch auf der einen Seite schwer, auf der anderen macht man es sich einfach. Gleiches gilt für die Veranstaltung im vergangenen Jahr, bei dem in der Organisation viele Namen bereits auftauchen.

So kategorisiert der Verfassungsschutz in Niedersachsen beide Veranstaltungen nicht als „rechtsextremistische Musikveranstaltung“, also nicht als Rechtsrock-Konzert. „Die Verfassungsschutzbehörden von Bund und Ländern haben sich auf bundeseinheitliche Kriterien für rechtsextremistische Musikveranstaltungen verständigt. In der Gesamtschau der Musikveranstaltung ‚Live in Krummhörn 2‘ sind diese Kriterien auf Basis der bis zum jetzigen Zeitpunkt vorliegenden Informationen nicht erfüllt. Ein wesentlicher, aber hier fehlender Bestandteil ist etwa das Transportieren rechtsextremistischer Ideologiemerkmale durch entsprechende Liedtexte.“

Das bestätigen auch Recherchen dieser Zeitung. „Viva Los Tioz“/„Gehasst, verdammt, vergöttert“ haben zumindest in diesem Jahr keine verbotenen oder unter die genannte Definition fallende Lieder gespielt. Aussagen über die Veranstaltung im vergangenen Jahr können nicht getroffen werden.

Welchem Zweck diente die Veranstaltung?

Wenn die Organisation nachweislich in der Hand von Neonazis liegt, stellt sich die Frage, welchen Zweck beide Konzertabende hatten – und wie der Verfassungsschutz die Veranstaltung einordnet, wenn nicht als Rechtsrockkonzert. Es ist davon auszugehen, dass das eingenommene Geld in den Taschen der Neonazis landete. Inwieweit das Lohnunternehmen Voß, das den Veranstaltungsort stellte, finanziell beteiligt war oder finanziell profitierte, ist bislang unbekannt. Das Logo des Unternehmens war in diesem Jahr auf Plakaten und auf der Rückseite der verkauften Verzehrkarten abgebildet. Im vergangenen Jahr war das Unternehmen nachweislich auch beim Kartenverkauf involviert.

Waren beide Abende der Versuch, Gelder für die rechte Szene zu generieren? Klassische Rechtsrock-Konzerte gehörten lange zu einer wichtigen Einnahmequelle der Szene. Die Durchführung wurde in den vergangenen Jahren aber durch Behörden zusehends erschwert. Seitdem gibt es Versuche, mit auf den ersten Blick unpolitischen Veranstaltungen die Aufmerksamkeit der Behörden zu umgehen.

Der Verfassungsschutz in Niedersachsen schreibt auf Nachfrage: „Der Niedersächsische Verfassungsschutz legt einen Schwerpunkt auf die Bekämpfung des Rechtsextremismus und hat die dem rechtsextremistischen Spektrum zuzuordnenden Personen genau im Blick. Dazu gehört auch, dass genau betrachtet wird, zu welchem Zweck diese Klientel Veranstaltungen durchführt.“ Im Falle der beiden Konzerte in der Krummhörn tappt man aber offenbar noch im Dunkeln, denn konkret dazu heißt es: „Über Ziel und Zweck der Finanzierung liegen dem Niedersächsischen Verfassungsschutz derzeit keine Erkenntnisse vor.“

Auf die Nachfrage, ob der Verfassungsschutz davon ausgehe oder Erkenntnisse darüber habe, ob die Konzerte auch der Vernetzung der Neonazis diene oder ob es Erkenntnisse über die Vernetzung hiesiger „Einzelakteure“ zu organisierten Gruppierungen gibt, heißt es: „Im Übrigen existieren Kontakte von Rechtsextremisten nicht nur zum Zweck der Vernetzung, sondern auch aufgrund persönlicher Beziehungen.“ Inwieweit die Pflege persönlicher Kontakte und Vernetzung unterschiedlich sind, darüber gibt es keine Auskunft. Auf telefonische Nachfrage dieser Zeitung heißt es aus der Pressestelle der Behörde, dass man keine andere Antwort geben werde. Das gelte auch für die Frage danach, wie der Verfassungsschutz die Veranstaltung kategorisiert, wenn nicht als Rechtsrockkonzert.

Was sagen Szenebeobachter?

Die Einschätzung, dass es sich angesichts der Ballung von aktiven Szenemitgliedern nur um die Pflege von persönlichen Kontakten handelt, teilen zivile Szenekenner nicht. Jan Krieger von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus betonte erst jüngst in einem Interview mit dieser Zeitung: „In Ostfriesland sind seit vielen Jahren organisierte Neonazis aktiv, die über den Sozialraum hinaus vernetzt sind.“ Es brauche nur einen passenden Anlass und einen „Ort im ostfriesischen Raum, um aus dem bundesweiten Raum mehrere Neonazis zu mobilisieren“. Das Konzert habe dies gezeigt. Ergänzend schreibt ein Mitarbeiter der Mobilen Beratung zur Äußerung des Verfassungsschutzes: „Die Aussage des Verfassungsschutzes, dass Kontakte von Rechtsextremen nicht nur zum Zweck der Vernetzung, sondern auch aufgrund persönlicher Beziehungen bestehen, relativiert in diesem Zusammenhang die Bedeutung solch rechter Musikveranstaltungen. Zudem bestehen diese persönlichen Beziehungen untereinander ja gerade aufgrund politischer Gemeinsamkeiten und sollten nicht losgelöst davon betrachtet, also entpolitisiert, werden.“

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Zusammenfassung der bisherigen Recherche

Am 5. August, trotz zwischenzeitlich anderer Ankündigung, trat auf dem Gelände des Lohnunternehmens Voß in Canum die Band „Gehasst, verdammt, vergöttert“ auf. Am Abend wurde die Band als „Viva Los Tioz“ bezeichnet. Sänger und Gitarrist sind aber, das belegen dieser Zeitung vorliegende Aufnahmen, deckungsgleich mit „Gehasst, verdammt, vergöttert“. Die Polizei Aurich sagt dazu: „Uns liegen Erkenntnisse vor, dass teilweise Mitglieder der Band ‚Gehasst, verdammt, vergöttert’ aufgetreten sind.“

Beim Sänger handelt es sich um den Potsdamer Patrick J. „Endstation Rechts“ schreibt zu ihm: „Patrick J., Frontmann der Onkelz-Cover-Band, ist bei der Neonazi-Combo ‚Faust’ dabei. Er musizierte auch bei der inzwischen aufgelösten Band ‚Kraftschlag‘, die eine große Nähe zum ‚Blood&Honour‘-Netzwerk aufwies.“ Der Eintrag datiert aus dem Jahr 2018.

Ebenfalls nachgewiesen für den Auftritt in diesem Jahr ist Marco E. aus Grube in Ostholstein. Endstation Rechts im gleichen Beitrag zu ihm: „Marco E. (Gitarre) ist ebenfalls bei ‚Oidoxie’ dabei und wirkte bei den Bands ‚Sturmwehr’ und ‚Words of Anger’ mit.“ Und: „‚Oidoxie’ steht in enger Verbindung zu ‚Combat 18‘.“

Die weiteren Musiker, die in der Krummhörn auf der Bühne standen, sind bislang nicht zweifelsfrei identifiziert.

Aber nicht nur auf der Bühne waren Mitglieder der rechten Szene anzutreffen. Die Schankgenehmigung bei der Gemeinde Krummhörn wurde von einem Krummhörner und einem Emder beantragt. Beide haben seit Jahren Verbindungen in die rechtsextreme Szene und sind auch immer wieder selbst aktiv in dieser Szene. Der Emder, der gebürtig aus Potsdam kommt, hat Verbindungen zur rechtsextremen Gruppierung der „Hammerskins“.

Ebenfalls bestätigt ist die Teilnahme eines Wilhelmshavener Neonazis. Dieser leitete vor Ort den rechtsextremen Sanitätsdienst „Nordland Sanitätsdienst“.

Der anwesende Verantwortliche für den Sicherheitsdienst war ein Neonazi aus dem Kreis Wolfenbüttel. 2013 organisierte dieser ein Hammerskin-Treffen in Niedersachsen. 2017 fiel er auf, weil er zusammen mit weiteren Neonazis ein Konzert der Sängerin Mia Julia im Bierkönig auf Mallorca störte. Auch hier gibt es also eine Hammerskin-Verbindung. Untermauert wird dies mit belegten Auftritten als Ordner/Sicherheitsdienst des Niedersachsen auf einschlägigen Veranstaltungen wie dem rechtsextremen Kampfsport-Event „Kampf der Nibelungen“ im Jahr 2018.

Mit Funkgerät ausgestattet unterwegs war zudem ein Mitglied der Hammerskins aus dem Chapter Westfalen. Sowohl „Recherche Nord“ als aus diese Zeitung sind unabhängig voneinander zu dem Schluss gekommen, dass es sich dabei um einen Neonazi handelt, der unter anderem am internationalen Hammerskin-Treffen „Hammerfest“ 2019 in Frankreich teilnahm. Ein weiterer Neonazi, der vor Ort war, ist ebenfalls bei mindestens einem Hammerskin-Treffen dokumentiert.

Ein weiterer Neonazi aus Emden beaufsichtigte einen Aufbautrupp am Konzerttag. Im Trupp war auch ein früher in Hannover wohnhafter, gewaltbereiter Neonazi, der zuletzt im Raum Erfurt aktiv war.

Es ist davon auszugehen, dass auch die weiteren Personen, die vor allem im Sanitäts- und Sicherheitsdienst eingesetzt waren, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind.