Memoiren veröffentlicht Plötzlich kriegt Schlagerstar Jonny Stulken kalte Füße
In 65 Geschichten erzählt der Großefehner Schlagersänger und Dokumentarfilmer aus seinem Leben – auch kuriose Kleinigkeiten und Fast-Pleiten. Das Buch stellt er jetzt vor.
Ostgroßefehn - Jetzt, wo es um sein Leben geht, galoppiert Jonny Stulkens Herz seit Tagen, „schlägt wie verrückt“, sagt er. Jahrzehntelang hat der 72-Jährige auf Bühnen gestanden, im Duo Jenny & Jonny vor Fernsehkameras und Hunderten, wenn nicht Tausenden Zuschauern gesungen. Doch der Mann mag Profi durch und durch sein: Eisklotz ist er nicht. Einer, dem es auch schonmal die Sprache verschlagen kann oder dem Tränen kommen, wenn ihn etwas besonders anrührt. Und einer, dem bei Ereignissen, die ihm besonders wichtig sind, auch mal die Hände feucht werden vor Aufregung. „Das muss und will ich nicht herunterspielen“, sagt der Großefehner. Und genau so ein Ereignis ist für ihn gekommen.
Denn etwa ein Jahr lang hat Jonny Stulken – gelernter Fernmeldetechniker, erfolgreicher Schlagersänger, Musikproduzent, Dokumentarfilmer – eine Art Autobiografie verfasst. Er hat Geschichten aus seinem Leben, aus seinem Umfeld, seiner Familie aus dem Gedächtnis gekramt, noch einmal Revue passieren lassen, sich selbst Erlebtes mit Abstand nochmal vergegenwärtigt – eigentlich vor allem, um seinen zwei Kindern und fünf Enkeln Erlebnisse und Erinnerungen gebündelt zu hinterlassen. „Ich habe unglaublich viele Geschichten erlebt. Besondere, auch lustige, teils auch traurige, und von denen lohnt es zu erzählen, finde ich“, sagt Stulken. „Und mir haben immer wieder Leute gesagt: Du müsstest echt ein Buch schreiben. Und im vorigen Jahr habe ich mir dann ein Herz gefasst.“ Mehr als 20 Jahre, nachdem er bereits ein Büchlein namens „Weihnachten in Ostfriesland“ veröffentlichte, erscheint nun „Immer dem Erfolg auf der Spur“ im Eigenverlag. Die Spur ist dabei doppeldeutig durchaus auch als Tonspur zu verstehen, schließlich geht es auch und besonders um die Musik, die Stulken sein Leben lang begleitet hat und ihn bis in den „Olymp des Grand Prix der Volksmusik“ brachte, wie er selbst es nennt.
Vier Lesungstermine sind schon ausgebucht
An diesem Mittwoch wird der 72-Jährige erstmals vor geladenen Gästen daraus lesen und sein Werk vorstellen. Und weil darunter viele Freunde, Familienmitglieder, Weggefährten sind und weil einige von ihnen als Teil von Jonny Stulkens Leben auch im Buch auftauchen, „bin ich schon unglaublich nervös“ sagt er. Und deshalb hat er sich seit Tagen zweimal täglich zurückgezogen, seinen Vortrag geübt, seine selbst verfassten Geschichten laut vorgelesen. Das wird er im 40 Menschen fassenden Vorführungssaal in seinem Haus in den kommenden Tagen insgesamt viermal tun, alle Veranstaltungen sind komplett ausgebucht. Einen weiteren Termin hat Stulken wegen großer Nachfrage jetzt schon für den 27. August um 15 Uhr ins Auge gefasst, „und ich bin auch schon von Vereinen aus dem Gemeindegebiet angesprochen worden, die mich gefragt haben, ob ich nicht zu ihnen kommen und aus dem Buch lesen mag“, sagt er.
Rund 65 Schlaglichter wirft Stulken darin auf Momente und Entwicklungen seines Lebens und seiner Weggefährten. Mal berichtet er vom Unwillen, mit stinkender Pomade frisiert zur Schule zu gehen, wo alle nur Hochdeutsch sprachen, dann darüber, in welch großer Armut seine Großeltern – sein Opa war Torfschiffer – ihr Dasein fristeten und über Tee und Krintstuut im Dieseldunst der Kajüte seiner „MS Anna“. Stulken erinnert sich an Bratwürste als Luxusgut in der Kindheit seiner Mutter, an eine halbzahme Dohle, die einst ausbüxte und ein paar Hundert Meter entfernt den Nachbarsjungen attackierte, an eine Nachbarin, die im hohen Alter Weihnachten allein zuhause saß, oder wie er im Alter von zwölf Jahren eine „Weltreise“ per Rad von Wiesmoor bis Engerhafe machte und dort sein Zelt aufschlug auf der Suche nach einem Mädchen, in das er sich auf einer Busfahrt nach Hamburg verguckt hatte. „Es ist immer wieder spannend, wie einem Erlebnisse plötzlich wieder bewusst werden – mal war es der Dieselgeruch in einer Autowerkstatt, bei der ich mich an die Kajüte meines Opas erinnert habe, mal habe ich auf dem Dachboden eine Spieluhr gefunden, an der Erinnerungen hängen“, sagt Stulken. „Und es ist auch faszinierend an sich selbst zu erleben, wie immer mehr Geschichten zurückkehren, vergessen Geglaubtes wieder bewusst wird, wenn man sein eigenes Leben nochmal nachvollzieht.“
Vom „Bob Dylan vom Fehn“ zum Schlagerstar
Nun ist das, was sein Leben geprägt hat, neben der großen Liebe, die er fand, und seiner Familie besonders die Musik gewesen. Er, den der Sänger und TV-Moderator Chris Howland mal als „Bob Dylan vom Fehn“ bezeichnete, ist – auch weit über Ostfriesland hinaus – insbesondere bekannt, seit Mitte der 80er Jahre sein Schlagerstern im Duo „Jenny & Jonny“ aufging. In Spitzenzeiten an 200 Tagen im Jahr war das Duo bundesweit unterwegs, stand immer wieder vor Fernsehkameras, ihr Song „Danke sag ich Dir für alles“ hielt sich monatelang an der Spitze der NDR-Hitparade, länger als irgendein anderes Lied. Das Duo baute ein Tonstudio in Leer auf, gründete einen Musikverlag, der Kontakt zu 16.000 Chören bundesweit aufnahm, für die Stulken im Auftrag leichte Arrangements für aktuelle Hits oder Klassiker neu setzen ließ. Vor knapp drei Jahren ist der Verlag verkauft worden.
Wie viele weitere Aufgaben und Geschäftsideen der findige Fehntjer zeitweise sonst noch jonglierte, als Produzent, als Musikschul-Chef und mehr, wie ihm Menschen auch die Pleite voraussagten, beschreibt er ebenso wie ein musikalisches Projekt, das ihn „finanziell fast ruiniert hätte“, wie er heute sagt: Als er im Duo „Freedon“ plattdeutsche Lieder sang, eine teure Platte allein vorfinanzierte – und sein Mitmusiker Ewald plötzlich abtauchte, sich ins Ausland absetzte und eine große Menge an Schallplatten verschwunden blieb. Sein einstiger Kompagnon tauchte später als selbst ernannter Wunderheiler in den Niederlanden wieder auf – und Stulken zeigt sich „froh, nicht in den Strudel der Machenschaften von Ewald hineingezogen worden zu sein“.
„Von Widrigkeiten nicht beirren lassen“
Der Wiesmoorer Medienmacher Ewald Hennek, der gemeinsam mit seiner Frau Ingrid das Lektorat des Buches übernommen hat, sagt: „Ich war fasziniert davon, wie Jonny sein Leben nicht einfach chronologisch heruntergeschrieben hat, sondern Geschichten erzählt, die immer wieder bewegen. Wie er Ereignisse einbettet. Das macht es immer wieder interessant und besonders.“ Er sei auch erstaunt gewesen, wie vieles er vorher nicht wusste aus dem Leben des Fehntjers, der im Vorjahr mit einem Dokumentarfilm über die Gemeinde Großefehn viel Aufmerksamkeit erhielt. „Und es war wirklich interessant zu lesen, wie Jonny sich auch von Widrigkeiten nicht hat beirren lassen, in der Musik bei der Stange geblieben ist, Dinge trotz Gegenwind durchgezogen und geschafft hat. Und er hat zum Teil ja wirklich viel riskiert und es war ja in keiner Weise so, dass der Erfolg vorab besiegelt war.“
Von alledem wird Jonny Stulken ab diesem Mittwoch erzählen und lesen – und versuchen, seine Nervenflatter zu beruhigen. „Davor sollte mich lieber keiner ansprechen. Das ist für mich bedeutender und größer als mancher Fernsehauftritt – auch wenn nur ein paar Leute kommen und ich die alle kenne. Aber gerade wenn ich liebe Freunde da sitzen habe, fällt es mir unglaublich schwer, weil ich dann oft besonders angerührt bin“, sagt er. Und genau deshalb probt er das Vortragen der Geschichten, die Teil seines eigenen Lebens sind, seit Wochen.
Unsicher über das öffentliche Interesse
Zu welchem Erfolg nun die autobiografischen Erzählungen in „Immer dem Erfolg auf der Spur“ werden, wird sich zeigen: Stulken hat zunächst vorsichtig kalkuliert und 300 Exemplare seiner Memoiren drucken lassen. „Ich kann nicht einschätzen, wie groß das Interesse an meinen Geschichten ist. Im Zweifel kann man ja noch nachdrucken lassen“, sagt der Fehntjer. 19,80 Euro kostet das Buch, das im Handel in der Papier- und Geschenkstube von Barbara Teepe in Ostgroßefehn sowie in Susannes Buchhandlung in Wiesmoor zu haben sein wird – sowie direkt bei Jonny Stulken zu beziehen ist per Mail an info@fehnstudio.de oder unter Telefon 04944/2424. Dort kann sich auch melden, wer bei der weiteren Lesung am 27. August ab 15 Uhr, Kanalstraße Nord 262a, dabei sein möchte.