Raritäten in Ostfriesland Wo der Sound von 710 PS die Luft vibrieren lässt
Im Auricher Hotel am Schloss logierten einige Tage lang Mitglieder des Aston-Martin-Clubs. Sie haben ein emotionales Verhältnis zu ihren Autos. Das liegt nicht nur an James Bond.
Aurich - Die Nacht war kurz, ganz offenbar. Müde Augen blicken am Montag früh in die Runde auf dem Parkplatz des Hotels am Schloss in Aurich. Dort steht eine Handvoll Menschen etwas verloren zwischen blankpolierten Sportwagen der Marke Aston Martin. Die ziehen die bewundernden Blicke der Passanten auf sich, weil jedes Detail ungewöhnlich ist. Schon alleine die Felgen! Deren Konturen erinnern an Rosetten einer Kathedrale, filigran und kraftvoll zugleich. Sie sind Teil eines Fahrzeugs jener Sportwagen-Marke, die durch den Filmhelden James Bond zur Legende wurde. Aston Martin ist eben ein Name, der auf der Zunge zergeht.
Für Gerd Griepe ist es Leidenschaft pur, einen Oldtimer aus diesem Haus zu besitzen, sagt er im Gespräch mit der Redaktion. Seit 33 Jahren fährt er einen imperialblauen V8 Coupé, Serie 3, Baujahr 1974. Was genau macht die Faszination aus? Ist es die Form der Karosserie? Der elegante Schwung der Spoiler? Die Innenausstattung? Oder schlicht der Mythos? Dieses unfassbare Image, was der Marke anhaftet? Gerd Griepe windet sich innerlich ein bisschen. Wie soll man bei einer Gottheit differenzieren, was ihre Größe ausmacht? Vielleicht will der Aston-Martin-Liebhaber sich auch einfach nicht äußern, weil er etwas anderes zu tun hat.
Er organisiert nämlich für den Aston Martin Owners Club Area 7 ein Treffen in Ostfriesland. Rund 40 Aston-Besitzer nehmen teil, vorwiegend aus England. Am Donnerstag sind sie angereist, besuchten unter anderem Wilhelmshaven und Wangerooge. Am Montag steht Papenburg auf dem Plan, wo eine Besichtigung der Meyer-Werft nicht fehlen darf. Sie logieren im Hotel am Schloss in Aurich. Dort gibt es immerhin eine Tiefgarage. „Die steht voll“, sagt Hermann Krüger und meint damit die Luxus-Limousinen. Die Augen des Großefehntjer Unternehmers leuchten. Er ist zusammen mit Theo Bohlen Hausherr im Hotel am Schloss. Es macht ihm sichtbar Freude, Anhänger einer Kultmarke zu empfangen und zu beherbergen. „Und dann diese Bandbreite an Fahrzeugen“, schwärmt Hermann Krüger. Er meint damit, dass moderne Autos dabei sind, von denen einer sogar 710 PS auf die Straße bringt, aber auch Klassiker wie der V8, den Keith und Susanne Loveday fahren.
Etliche Fahrzeuge waren Einzelstücke
Das Paar ist aus dem Südosten Englands angereist, aus Kent. 1979 gebaut gehört das Gefährt zu einem Typus, der eine experimentierfreudige Ära bei Aston Martin eingeleitet hat. Im Laufe der Jahre kombinierte der Automobilhersteller unterschiedliche Karosserie- und Motorvarianten miteinander, was neben den Serienmodellen etliche Sonderversionen hervorbrachte. Es gab Kleinstserien oder Einzelstücke, also Produkte, die das Jagdfieber echter Fans entfachten. Ein Beispiel für diese Praxis ist der Aston Martin V8 Zagato, der eine eigenständige Karosserie hat und aus einer Kooperation mit der italienischen Firma Zagato hervorging. Von dem V8, den Gerd Griepe fährt, sind nur 3000 Autos produziert worden. In der Farbe, die sein Fahrzeug hat, gibt es weltweit 404 Exemplare.
Keith und Susanne Loveday gehören dem Aston Martin Owners Club, der 1935 gegründet wurde und sich als der älteste Verein für Aston-Martin-Enthusiasten bezeichnet. Mit mehr als 6000 Mitgliedern in 50 Ländern sei er auch der größte, heißt es in einer Pressemitteilung. Die Marke selbst ist 1913 von Robert Bamford und Lionel Martin gegründet worden. Zunächst wurden nur Rennwagen produziert, irgendwann stieg man in die Gebrauchswagenproduktion ein. Marketingtechnisch war 1963 ein wichtiges Jahr, weil James Bond in dem Film „Goldfinger“ erstmals einen DB5 als Dienstwagen nutzte. Der ist im Oktober 2019 für mehrere Millionen Euro versteigert worden. Ein Amerikaner hat sich damit einen Wunschtraum erfüllt. Er sammele besondere Autos, ließ er damals die Öffentlichkeit nur wissen.
Zum Fahren fast zu schade
Sind die zum Fahren nicht fast zu schade? Möchte man den kostbaren Besitz nicht lieber schrumpfen und in einen Setzkasten packen? Das wäre insofern töricht, als man auf den charakteristischen Sound verzichten müsste, den mehrere hundert Pferdestärken unter der Motorhaube verursachen. Es seien mindestens 300 PS, verrät Gerd Griepe. Darunter macht es ein Aston Martin nicht. Man kommt ja nicht aus der Volkswagen-Tradition. Am Montagmorgen erfüllt ein satter Klang das Auricher Schlossviertel. Ein bisschen Nürburgring in der ostfriesischen Provinz. Dabei stellt der aufmerksame Beobachter fest, dass sich in die Reihe der Aston-Enthusiasten auch Artfremde eingeschleust haben, ein Jaguar-Coupé etwa und ein roter Ferrari. Da sei man nicht kleinlich, sagt Gerd Griepe.
Besitzer von Luxus-Fahrzeugen eint der Blick für Gefahren, die auf den gewöhnlichen Straßen lauern. Und das kann schon eine Bodenwelle bei der Ausfahrt vom Parkplatz sein. „Wir haben eigens die andere Schranke genommen, weil das Hindernis dort nicht ganz so hoch ist“, sagt einer der Organisatoren. Und so hört man ein hässlich schabendes Geräusch, wenn der Unterboden der Karosserie den Beton touchiert. So ein flacher Super-Sportwagen ist eben nicht für die Widrigkeiten des Alltags gemacht. Er steht in der Tradition der römischen Kampfwagen, zumindest in der Fantasie. Schließlich konnte der Agenten-Wagen von James Bond sein Heck vernebeln, Öl verspritzen und Messer aus den Rädern herausfahren lassen. Damit wurden die Reifen des Gegners zerschnitten. Wie bei Ben Hur in dem gleichnamigen Antiken-Drama. Der benötigte dafür aber nur vier Pferde.