Verkehrsführung in Aurich  Norderstraße macht Front gegen Freigabe für Radfahrer

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 11.08.2023 10:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das Verkehrsschild macht unmissverständlich klar, dass Fahrräder während der Öffnungszeiten der Geschäfte in der Norderstraße nicht verkehren dürfen. Foto: Boschbach
Das Verkehrsschild macht unmissverständlich klar, dass Fahrräder während der Öffnungszeiten der Geschäfte in der Norderstraße nicht verkehren dürfen. Foto: Boschbach
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Nach und nach setzt die Stadt Aurich ihren Masterplan Radverkehr um. Jetzt ist im Gespräch, die Norderstraße für Radfahrer zu öffnen. Das stößt auf Widerstand.

Aurich - Neulich ist es wieder passiert: Eine Kundin verlässt ein Geschäft an der Norderstraße in Aurich und schreckt sofort zurück. Gerade eben noch hat sie einen Zusammenstoß mit einem Pedelec-Fahrer vermeiden können, der an der Fassade des Ladenlokals entlanggebrettert ist. Eine Situation, die gefühlt fast zum Herzstillstand führt. So sieht es Albrecht Christians. Der Inhaber des Geschäfts Sportschuh-Börse sagt, er beobachte Szenen wie diese häufig. In seinen Augen liegt darin ein hohes Gefahrenpotenzial: „Der Crash ist vorprogrammiert“, sagt er im Gespräch mit der Redaktion. Deshalb möchte er verhindern, dass die Norderstraße ganztags für den Radverkehr freigegeben wird.

Das ist Bestandteil eines sogenannten Acht-Punkte-Programms, das Auricher Fahrrad-Aktivisten bereits vor Jahren erarbeitet haben. Sie wollen damit das Radfahren in der Stadt attraktiver machen und den Anteil derjenigen erhöhen, die auf das Auto verzichten sich klimafreundlich dorthin begeben. Neben der Einrichtung von Fahrradstraße ist die Freigabe von Teilen der Fußgängerzone für den Radverkehr eine weitere Forderung der Aktivisten. Außer der Norderstraße soll auch die östliche Osterstraße ganztags von Radfahrern genutzt werden können.

Brief an den Bürgermeister

Für Albrecht Christians und viele Kaufleute in der Norderstraße ist dieser Vorstoß nicht akzeptabel. Sie fürchten neben Unfällen eine Attraktivitätseinbuße für ihre Geschäfte. Deshalb haben sie gemeinsam am 1. August einen Brief an Bürgermeister Horst Feddermann (parteilos) geschrieben, in dem sie ihre Bedenken formulieren und sich für eine Beibehaltung der Fußgängerzonen-Regelung aussprechen. „Uns geht es in erster Linie um die rücksichtslosen Fahrradfahrer, die mit verkehrsgefährdender Geschwindigkeit die Fußgängerzone befahren. Wir möchten hier stressfreies Einkaufen ermöglichen“, heißt es in dem Brief wörtlich. Den Brief haben 17 Geschäftsinhaber unterschrieben. „Lediglich zwei oder drei habe ich nicht angetroffen“, sagt Albrecht Christians. Er sieht die Norderstraße zudem benachteiligt, weil sie im Gegensatz zur Burg- und Osterstraße kein neues Pflaster und keine neuen Möbel erhalten habe.

Dass das entspannte Einkaufserlebnis durch eine Freigabe der Straße für Radfahrer beeinträchtigt wird, liegt für Tim Berchner auf der Hand. Der Jeveraner betreibt das Feinkost-Geschäft Violas in der Norderstraße 28. „Ich beobachte häufig Radfahrer, die hier durchheizen, klingeln und die Fußgänger zu Seite drängen. Das geht einfach nicht. Manche Leute können sich nicht benehmen“, schimpft er. Er sieht die Polizei in der Pflicht, häufiger in der Norderstraße und anderenorts zu kontrollieren. Wer derzeit gegen das Radfahrverbot dort verstößt, muss ein Bußgeld von mindestens 25 Euro zahlen. „Ich bin mir sicher, dass die Behörden in einer Stunde 1000 Euro einnehmen würden, wenn sie konsequent kontrollierten“, sagt Tim Berchner. Noch schlimmer als die Radfahrer sind nach der Beobachtung von Sigbert Hinrichs vom Textilgeschäft Rump die E-Scooter: „Die stehen da manchmal zu zweit drauf und rasen durch die Norderstraße“, ärgert er sich. Auf die Frage, was er von einer Freigabe der Straße halte, sagt er nur abwehrend: „Bloß nicht. Dann können wir unsere Geschäfte gleich dichtmachen.“

Ratsgremien stimmen ab

Das Vorurteil, dass die Radfahrer alle rücksichtslos fahren, halte sich bei den Kaufleuten sehr zäh, sagte Albert Herresthal vom Auricher Kreisverband des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC). Sein Verband begrüße den Plan der Verwaltung sehr, die vorgeschlagenen Innenstadtstraßen als zusammenhängende Fahrradzone auszuweisen und den Extumer Weg zur Fahrradstraße zu machen. Im August sollen die Wallstraße, die Marktstraße, die Lilienstraße, die Friehdhofstraße, die Kirchstraße, die Nürnburger Straße, die Bahnhofstraße und der Extumer Weg zur Fahrradstraße umgewidmet werden. „Es ist positiv, dass die Stadt nun einen größeren Schritt macht, um die Radverkehrsförderung in Aurich voranzubringen. Die Stadt setzt damit einen wirkungsvollen Impuls für die überfällige Verkehrswende“, sagt Albert Herresthal.

Nach seinem Dafürhalten sollte man die Norderstraße in das Netz der Fahrradstraßen einbeziehen, damit Radler vom Pferdemarkt zum Marktplatz keine größeren Umwege mehr fahren müssen. Der ADFC Aurich biete der Verwaltung seine Zusammenarbeit an. Stadtsprecher Johann Stromann versichert, man prüfe das Thema: „Die Ideen dazu werden in einer Beschlussvorlage zusammengetragen, die nach der Sommerpause den politischen Gremien zur Abstimmung vorgelegt wird.“

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