Köln  Erfinder von Sendung mit der Maus: „Von Harry Potter weiß ich gar nichts!“

Laura-Cäcilia Wolfert
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Von Laura-Cäcilia Wolfert
| 11.08.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 13 Minuten
Armin Maiwald (83) und seine berühmte, orangefarbene Maus. Foto: picture alliance/dpa/Rolf Vennenbernd
Armin Maiwald (83) und seine berühmte, orangefarbene Maus. Foto: picture alliance/dpa/Rolf Vennenbernd
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Er hat die Kindheit mehrerer Generationen geprägt: Armin Maiwald gilt als Vater der „Sendung mit der Maus“. Der 83-Jährige hat einen Führerschein für Dampflokomotiven und beschreibt sich selbst als „wenig skurril“. Im Interview spricht der Fernsehproduzent über Abenteuer, Idioten und die Knöpfchendrückerwelt.

Wäre dieser Artikel ein Fernsehclip, er würde mit dem Tröten des kleinen Elefanten beginnen – der beste Freund der orangefarbenen Maus. Zum Leben erweckt hat diese Armin Maiwald. Er gehört neben Dieter Saldecki, Gert Kaspar Müntefering und der Künstlerin Isolde Schmitt-Menzel zu den Erfindern der „Sendung mit der Maus“ – eine der erfolgreichsten Kindersendungen im deutschen Fernsehen.

Seit die „Maus“ 1971 das erste Mal im Fernsehen zu sehen ist, kommentiert Maiwald die „Sachgeschichten“ auf eine charmant-lustige Erzählweise, die er sich sogar hat patentieren lassen. Dabei erklärt der Kölner, wie man Kaugummi macht oder wie die Streifen in die Zahnpasta kommen. Im Laufe seiner Karriere hat Maiwald sich jede Menge Wissen angeeignet – aber auf welche Frage hat der Familienvater bis heute keine Antwort? Wir haben nachgehakt.

Eine der beliebtesten Folgen der Lach- und Sachgeschichten – das Feuerwehrlied:

Frage: Herr Maiwald, überall steht, wer alles die Maus erfunden hat – aber nicht, wie genau. Kam Ihnen die Idee bei einem Kneipenabend, im Traum, oder bei einer Dampflokomotivenfahrt?

Antwort: Maiwald: Die Idee für “Die Sendung mit der Maus” entstand bei langen Diskussionen, die sich über drei Jahre erstreckt haben. Meistens fanden diese Diskussionen in einer Kneipe statt – im Lederer, gegenüber dem Haupteingang des Funkhauses in Köln. 

Frage: Aber es stimmt, Sie haben einen Führerschein für Dampflokomotiven?

Antwort: Das ist richtig. Meine Mitarbeiter haben mir eine Ausbildung zum Dampflokführer geschenkt. Da dachte ich mir: warum eigentlich nicht? Das war eine dreiwöchige Ausbildung. Die erste halbe Woche bestand nur aus Theorie, der Rest aus Schichtdienst. Morgens um drei Uhr musste ich aufstehen und die Lokomotive fertig machen, die Kohle und das Wasser laden, dann an den Zug fahren. Tagsüber habe ich im Schichtdienst auf der Insel Rügen ein paar Tausend Leute transportiert. Es war natürlich noch ein Ausbilder für Dampflokomotivführer dabei – der hat geschaut, dass ich keinen Mist mache. Die meiste Zeit bin ich aber alleine gefahren.

Frage: Abseits von Ihrem Dampflokführerschein: Welche skurrile Sache müssen wir sonst über Sie wissen?

Antwort: Ich bin eigentlich wenig skurril. Außer, dass ich über 30 Jahre lang eine Modelleisenbahn gebaut habe. Die steht im Moment aber still, weil ich einfach keine Zeit dafür finde. 

Frage: Die Eisenbahn ist nach 30 Jahren immer noch nicht fertig?

Antwort: Doch, doch, die ist fertig! Aber irgendwann habe ich die auf Digital umgebaut. Eine sehr zentrale Weiche hat dann ihre Adresse vergessen und ich weiß nicht mehr, wie das zu programmieren ist. Das Ganze hat einen eigenen Raum. Das ist eine Rundum-Anlage. Die Eisenbahn fährt am Rand des Zimmers entlang und man selbst steht in der Mitte. 

Frage: Sie haben mit der „Sendung mit der Maus“ viel erklärt: das alte Rom, das Herzsymbol oder auch Kopfschmerztabletten. Nun sind Sie 83 Jahre alt. Auf welche Frage im Leben haben Sie bis heute keine Antwort?

Antwort: Wo wohnt der liebe Gott?

Frage: Was denken Sie, wo wohnt er?

Antwort: Keine Ahnung. Wir können schlecht sagen, dass er auf Wolke Sieben wohnt, wenn es Wolke Sieben vielleicht gar nicht gibt. Es kann auch sein, dass er auf Wolke Acht wohnt. Das Weltall ist groß und schwarz, darauf kann man keine vernünftige Antwort geben. 

Frage: Für die Sachgeschichten haben Ihnen Kinder Briefe geschickt und Fragen gestellt. Was ist aus den ganzen Briefen geworden?

Antwort: Die sind wahrscheinlich im Zuschauerbüro beim Sender, die solche Sachen verwalten. Ich kann aber nicht sagen, ob die eine Wegwerfzeit von zehn Jahren haben. Eigentlich wird jeder Brief beantwortet, doch nicht aus jeder Frage entsteht ein Film. Wer den Brief schreibt, denkt oft, dass eine Woche später die Antwort erscheint. Das geht natürlich nicht. 

Frage: Wie lange dauert das denn?

Antwort: Zwischen einer komplizierten Frage und dem Film dazu kann eine ganze Weile vergehen. “Was macht eigentlich Vitamin C in meinem Körper?” – um diesen Brief zu beantworten, haben wir drei Jahre gebraucht. 

Frage: Haben Sie sonst eine Frage, die Ihnen im Kopf geblieben ist? 

Antwort: Die Frage, was mit Vitamin C im Körper passiert und die Frage, woher die Kopfschmerztablette weiß, wo sie wirken soll. Beide waren spannend. Häufig sind es Fragen, die Kinder stellen, und auf die Erwachsene gar nicht mehr kommen. Oder sie kommen darauf, trauen sich aber nicht mehr, diese Frage zu stellen. Kinder trauen sich das, meistens fragen sie aber zuerst Mama oder Papa. Wenn die nicht weiterwissen, schreiben sie uns. 

Frage: Wie viele Briefe sind bei der „Sendung mit der Maus“ eingegangen?

Antwort: Jede Woche zwischen 1000 und 2000. 

Frage: Zuletzt erregte die Maus als „Stolzmaus“ viel Aufmerksamkeit. Auf Twitter zeigte sie sich mit der gelben Ente und dem blauen Elefanten auf einer Pride Flag. Das gefiel vielen Rechtsextremen (die den Pridemonth in Stolzmonat umtauften) so gar nicht. Ihre Maus kämpft gegen Rechts. Was macht das mit Ihnen als Mäuse-Vater?

Antwort: Idioten wird es immer geben. Meine Befürchtung ist nur, dass es immer mehr werden. 

Frage: Ist die Maus mit den Jahren politischer oder erwachsener geworden?

Antwort: Nein, für mein Gefühl nicht. Es gibt heute natürlich Fragen, die vor 30 Jahren noch gar nicht gestellt werden konnten. Zum Beispiel: Woher weiß das Handy, dass ich auf der Domplatte bin? Was passiert im Computer, wenn ich auf die Taste A drücke? Insofern hat sich die Maus verändert, sie ist aber nicht politischer geworden. Sie tut auch gut daran, sich aus politischen Dingen herauszuhalten. Das müssen wir auch, sonst sind wir schnell angreifbar. Aber so Sachen wie bei Twitter gibt es oft. 

Frage: Haben Sie weitere Beispiele?

Antwort: Wir haben mal eine Reise rund um das Ruhrgebiet gemacht und sind in Duisburg Marxloh in eine Moschee gegangen. Wir durften da drehen, das war alles super. Aber natürlich folgte auf diese Sendung ein Shitstorm. Wobei wir schon in katholischen Kirchen und Synagogen gewesen sind – nur hat es da keinen Ärger gegeben. Es ist immer so: Sobald wir ein religiöses oder politisches Thema anfassen, starten irgendwelche Typen sofort einen Shitstorm. Damit muss man in heutigen Zeiten wohl einfach leben. 

Frage: Journalisten kennen das zu gut. 

Antwort: Wir sind eine aufgeregte Nation. Alle wollen gegen den Klimawandel kämpfen, aber beim Heizungsgesetz schreien alle auf. Das ist grundsätzlich vernünftig – trotzdem wird sofort ein großes Fass aufgemacht. Jeder Halbsatz, der aus dem Zusammenhang gerissen ist, wird zu einem Argument gemacht, warum die Politik nur aus Blödmännern besteht. Das stimmt natürlich nicht, trotzdem herrscht aktuell diese Stimmung. Die heizt sich auf und ist für eine Demokratie natürlich nicht gesund. 

Frage: Weil es in den Nachkriegsjahren nur wenig Spielzeug gab, haben Sie als Kind aus Ästchen Schiffe gebastelt und mit Steinen gespielt. Heute fällt auf, dass viele Kinder schon in jungen Jahren auf den Bildschirm starren. Sind die Kinder von heute verwöhnt, haben Sie verlernt, die Welt zu entdecken?

Antwort: Ich würde mal sagen, ja. Es ist so: Als Kinder waren wir es gewohnt, alleine zur Schule zu gehen – egal bei welchem Wetter, egal wie lang der Weg auch war. Wenn es auf dem Weg zur Schule einen Streit gab, dann wurde der ausgefochten. Das gibt es heute gar nicht mehr. Heute werden die Kinder mit dem Auto zur Schule gebracht. Streit, Mobbing – das findet alles auf dem Schulhof statt, wegen Handys und diesem ganzen Zeug. Ein Handy, das scheint heute jeder haben zu müssen – obwohl man ohne Handy sehr gut leben kann. Das ganze analoge Leben hat sich verschoben auf die Knöpfchendrückerwelt.

Frage: Knöpfchendrückerwelt, ein schönes Wort. 

Antwort: Na ja, das soziale Verhalten – sozial im Sinne von sich mit Gleichaltrigen auseinandersetzen, sei es im Spiel oder Streit – funktioniert heute kaum noch. Die ganzen Freundschaften funktionieren meistens nur noch über Handys, Chatbots und weiß der Teufel was alles. 

Frage: Sie haben auf Reisen für die Sachgeschichten schon einige Abenteuer erlebt. Wurde es mal gefährlich, haben Sie sich verletzt?

Antwort: Mir ist mal eine Fahnenstange auf den Kopf gefallen. Aber ich habe es überlebt. Ich bin ins Krankenhaus gefahren und habe geschaut, ob noch alles funktioniert. War aber nichts, bis auf eine kleine Gehirnerschütterung. 

Frage: Bei welcher Sachgeschichte ist das passiert?

Antwort: Keine Ahnung mehr, das habe ich vergessen. Plötzlich fiel das Ding um – Peng – dann hat es mich getroffen.  

Frage: Aber sonst sind Sie heil davongekommen?

Antwort: Wir hatten viele Abenteuer. Ich stand mal auf einem Atomkraftwerk, direkt über den Brennstäben. Wir waren auch mal mit einem Katamaran auf der See und wollten ein Windkraftwerk besuchen. Dieses Schiff springt im Wasser fünf Meter rauf und runter. Dabei muss man noch einen Film drehen! Wir standen also zu dritt auf dem Katamaran und haben versucht, den Kameramann irgendwie festzuhalten. Sogar mit einer Hand, um sich mit der anderen festzuhalten und nicht über Bord gespült zu werden. Das Team war nach dem Dreh kreidebleich. Sowas passiert immer wieder. 

Frage: Haben Sie mit ihrer markanten Stimme schon mal darüber nachgedacht, die Harry Potter Hörbücher neu aufzunehmen? Nichts gegen Rufus Beck, aber Dobbys Elfen-Stimme ist vielen Zuhörern drei Oktaven zu hoch. 

Antwort: Von Harry Potter weiß ich gar nichts – außer den Namen und dass es eine englische Autorin war, die damit furchtbar reich geworden ist und vorher furchtbar arm war. Dieser Trend ist komplett an mir vorbeigegangen. Ich habe weder ein Buch gelesen, noch einen dieser Harry-Potter-Filme gesehen. Bei uns in der Firma arbeiten viele Kollegen, die Harry Potter sehr schätzen. Ich bekomme das mit, sage: „Aha, schön, gut.“ Aber mir sagt das nichts. Möglicherweise hatte ich etwas gegen den Hype. Als damals die Bücher herausgekommen sind, standen die Menschen Schlange vor den Buchhandlungen. Das musste ich nun wirklich nicht haben. 

Frage: Können Sie auch singen?

Antwort: Ich habe, als ich Kind war, im Chor gesungen. Aber das ist gefühlt 100 Jahre her. Ich habe es schon lange nicht mehr versucht, aber was ich mal für eine Sachgeschichte versucht habe: Aus der Zahnpasta-Geschichte habe ich einen Zahnpasta-Rap, beziehungsweise einen Song kreiert.  

Frage: Einen Zahnpasta-Rap!

Antwort: Ja, ich habe ein paar solcher Lieder gemacht. Das war aber eher Sprechgesang, da musste man nicht unbedingt den Ton treffen.  

Frage: Ihr charakteristischer Erklärstil wird bis heute oft kopiert oder parodiert und sogar in Patentanmeldungen erwähnt (DE102006041935A1). Sind Sie schon mal vor Gericht gezogen, weil jemand so erzählt wie Sie?

Antwort: Nein, ich bin nicht vor Gericht gezogen. Ich habe mich nur über den Norddeutschen Rundfunk (NDR) geärgert, da gab es „Die Sendung mit dem Klaus“. Die haben als erste versucht, uns nachzumachen. Da dachte ich mir: Jungs, wenn ihr euch selbst nichts einfallen lasst, dann ist das eigentlich ein Armutszeugnis. Ich habe mich kurz geärgert, mir dann aber gesagt: Okay, forget about it. Das macht auch keinen Sinn, was soll‘s. 

Frage: Haben Sie im Sachgeschichten-Stil Ihren Kindern bei den Hausaufgaben geholfen?

Antwort: Nö, die waren beide sehr autonom. Die haben mich ganz selten etwas gefragt, das war dann eher bei Latein. Mit den anderen Fächern sind die ganz alleine klargekommen. Die haben beide ihr Abitur gemacht, einfach im Vorbeigehen. Das bekamen meine Frau und ich kaum mit. 

Frage: Was machen Ihre Kinder heute?

Antwort: Mein Sohn ist in einer Firma, die sich irgendwie digital mit Musikstücken im Sinne des Streamings auseinandersetzt: Welcher Künstler bekommt noch 0,001 Cent, welcher Verlag bekommt 0,0001 Cent – so was. Meine Tochter ist Mediengestalterin für Bild- und Ton. Die hat lange als Cutterin gearbeitet und auch bei uns das Studio dreieinhalb Jahre ganz alleine gemanagt. Aber im Moment hat sie vom Schneiden die Schnauze voll und orientiert sich neu um.

Frage: Sie haben in einem sechsstündigen Podcast mit der ZEIT erklärt, dass Sie eine Schandschnauze haben. Können Sie erklären, was eine Schandschnauze ist?

Antwort: Eine Schandschnauze ist ein Begriff, den der Rektor meines Gymnasiums geprägt hat. Das kam so: In den Fünfzigerjahren suchte der Westdeutsche Rundfunk - der damals eine ganz andere Stellung hatte als heute - für eine Diskussionssendung mit Jugendlichen Mitstreiter. Dafür wurden alle Kölner Schulen angeschrieben. Unser Rektor kam mit dem Brief des WDR in die Klassen gewedelt. Er fragte, wer sich freiwillig melden möchte - aber keiner wollte auffallen. Darauf schaute der Rektor in die Klasse und sagte: „Wenn sich keiner freiwillig meldet, dann geht der Maiwald mit der Schandschnauze dahin. Der wird zwangsverpflichtet!” Ich hatte das Image, dass ich mit der Schnauze immer schnell bei der Sache war. Bedeutet: Ich habe schon in der Schule immer zu allem meine Meinung geäußert. 

Frage: Eine Kollegin sagte über Sie: „Er hat sich sehr viel Kindliches bewahrt und Träume erfüllt.” Ist das ihr Geheimnis, um glücklich zu sein – ein Kind zu bleiben?

Antwort: Wenn Kind bleiben bedeutet, dass man nach wie vor neugierig sein soll, dann würde ich sagen: ja. Die Neugierde treibt Kinder schließlich an, die Welt zu entdecken. Das ist auch richtig so! Ein Kind muss Mama, Papa, das eigene Bettchen oder den Teddy erkennen und einordnen. Man kann seinem Sohn oder Tochter fünfzigmal sagen: „Fass die Herdplatte nicht an, die ist heiß, du verbrennst dich!” Und was passiert? 

Frage: Sie fassen die Herdplatte trotzdem an. 

Antwort: Richtig. Neugierde führt zu Erfahrungen, manchmal auch zu negativen. Aber aus ihnen lernt man und das ist für das Großwerden eine ganz wichtige Sache. Wenn Sie das als „Kind bleiben“ bezeichnen –  dann ja, trifft das auf mich zu. Wenn Sie damit aber sagen wollen, man ist naiv und schaut nicht über den Tellerrand hinaus – dann nein, ich bin genau das Gegenteil. Ich versuche, Zusammenhänge zu erkennen und bin heute wie damals neugierig. Auf alles, was mich umgibt. Ich laufe immer noch mit offenen Augen durch die Gegend.

Frage: Welchen Traum haben Sie sich bisher nicht erfüllt?

Antwort: Im klassischen Sinn habe ich gar keine Träume. Wenn Sie vermuten, dass ich für eine Sachgeschichte noch einmal zum Mond fliegen will oder so was, dann kann ich nur sagen: Ne, das will ich gar nicht. Ich bekomme auch oft die Frage, was eigentlich meine Lieblingsreportage gewesen sei. Dann antworte ich immer: Die nächste, die ich machen muss. Alle anderen sind Historie, an denen kann man nichts mehr ändern. Manche sind besser, manche schlechter geworden. 

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