Nordenham Schlagzeuger Michael Ehré aus Niedersachsen steht mit Weltstars auf der Bühne
Michael Ehré ist als Schlagzeuger international gefragt. Gerade stand er wieder einmal mit großen Stars auf der Bühne. Wie hat all das angefangen? Die Antwort: Mit einem rockenden Onkel, Dash-Trommeln und einem besonderen Weihnachtsgeschenk.
Die Geschichte ist fast zu schön, um wahr zu sein, fast zu sehr wie im Film, als dass sie einem jemand abkaufen würde. Doch es hat sich alles genau so abgespielt.
Michael Ehré ist neun, vielleicht zehn Jahre alt, als sein Onkel Ronald Deterding ihm ein Schlagzeug baut – aus Dash-Trommeln; die Fußmaschine ist eine abenteuerliche Konstruktion aus Holzresten und einer Feder. Das ist nicht viel. Aber es ist ein Anfang. Der Anfang einer bemerkenswerten Karriere. Michael Ehré ist heute ein international renommierter Heavy-Metal-Drummer. Er steht mit Leuten auf der Bühne, die andere nur von Plattencovern kennen.
Eine beschauliche Wohngegend in Nordenham. Die Häuser sind gepflegt, die Vorgärten sind es ebenfalls. Man würde nicht vermuten, dass hier ein Profi-Musiker wohnt, schon gar nicht einer, der als Schlagzeuger im Heavy Metal zu Hause. So viel zu den Klischees.
Michael Ehré sitzt im Wohnzimmer auf dem Sofa und drückt einen Knopf der Fernbedienung seines Fernsehers. „Das musst du dir unbedingt noch angucken“, sagt der 52-Jährige und startet einen YouTube-Clip. Man sieht die Sporthalle Mitte in Nordenham. Das Tor eines Geräteraums klappt hoch. Zum Vorschein kommen die sechs Musiker der Metal-Band The Unity – in witzigen 80er-Sportklamotten.
Sie laufen in die Halle. Jetzt werden die Schnitte schneller. Man sieht die Band an ihren Instrumenten, dann bei einem Match gegen die SVN-Volleyballerinnen von Alex Taylor, dann die jungen Frauen an den Instrumenten und dann wieder die Band, die sich im nächsten Moment mit knalligen Comic-Elementen vorstellt. Ein großartiger Spaß ist das, bei dem sich Metaller zur Abwechslung mal nicht so bierernst nehmen. Es läuft „Allways two ways to play“, das neue Video von The Unity.
Video: The Unity - Always Two Ways To Play (Official Video)
Der Song stammt von „The Hellish Joyride“, dem neuen Unity-Album, das am 25. August erscheint. Es ist das vierte Studio-Album der Band, bei der Michael Ehré am Schlagzeug sitzt. „Wir wollten einfach mal was anderes machen“, sagt er zu dem Video, „nicht dieses übliche ,Band performt vor der Kamera‘. Unser Gitarrist hatte die Idee mit der Sporthalle“.
Das Video hat ein gerade 20-jähriger Nordenhamer gedreht. Marlon Knötig heißt er, ist seit Ewigkeiten der Kumpel von Michael Ehrés Sohn Justin. Und das könnte auch so ein Märchen werden. „Der ist unglaublich talentiert“, sagt Michael Ehré, während der Abspann des Videos läuft.
„The Hellish Joyride“ ist nicht das einzige Album unter Beteiligung von Michael Ehré, das in den Startblöcken steht. Mit seiner zweiten Band, Primal Fear, hat er gerade ebenfalls ein neues Album eingespielt, das in Kürze herauskommt. Beide sind schon vorab mit Kritiker-Lob nur so überschüttet worden.
Überschwänglich gelobt wird auch „Nothing Compares to Metal“, das jüngste Album von Velvet Viper mit Sängerin Jutta Weinhold, die als die weibliche Ausgabe von Ronnie James Dio gilt. Michael Ehré hat auf dieser Platte nicht Schlagzeug gespielt, er hat sie produziert. Das ist sein zweites Standbein. Und auch hier gilt: wenn schon, dann richtig und richtig gut. So ist der Nordenhamer auch als Produzent inzwischen sehr gefragt.
Wie hat all das angefangen? Tatsächlich mit Dash-Trommeln. Ronald Deterding hatte sich eine E-Gitarre und einen Verstärker gekauft. „Aus heiterem Himmel“, wie Michael Ehré sagt. Soll heißen: Es kam einfach irgendwie so.
Onkel Ronald beschloss angesichts der Neuanschaffung Naheliegendes, nämlich die Gründung einer Band. Er sagte zu Michael Ehré: „Neffe, du musst Bass spielen“. Damit löste er zweierlei aus. Erstens verhalf er Michael Ehré zu dem Spitznamen, den er bis heute trägt. Und zweitens öffnete er eine Tür.
Neffe, der bis dahin mit Musik gar nicht so viel am Hut hatte, antwortete: „Ich will aber nicht Bass spielen. Ich will Schlagzeug spielen.“ Und so entstanden die Waschmitteltrommel-Drums.
Allzu lange musste sich Michael Ehré damit nicht begnügen. Er war elf, als seine Großeltern ihm zu Weihnachten ein richtiges Drumset schenkten. Die Bescherung war eigentlich schon gelaufen. Und eigentlich hätte Neffe auffallen müssen, dass da noch etwas ziemlich Großes unter einer Decke im elterlichen Wohnzimmer verborgen stand. Es fiel ihm aber nicht auf. Und so war die Überraschung perfekt, als die Decke entfernt wurde und darunter ein Schlagzeug zum Vorschein kam. „Ich war zu Tränen gerührt“, erinnert sich Michael Ehré.
An dieser Stelle folgen in Geschichten wie diesen oft Sätze wie „Nun ging alles ganz schnell“. Ging es aber nicht. „Es ging einfach immer weiter“, sagt Michael Ehré, wobei man an den Satz noch das Wort „bergauf“ anfügen könnte. Es folgten diverse Bands. Pryer war 1992 die erste Formation, mit der Michael Ehré über den Nordenham-Tellerrand guckte –bis nach Delmenhorst. „Das war schon richtig cool“, sagt der 52-Jährige. Und es sollte noch viel cooler werden.
Metalium war die erste tourende und Platten veröffentlichende Band, in der Michael Ehré trommelte.
Inzwischen ist die Liste mit Referenzen, auf die der Nordenhamer verweisen kann, lang. Darauf steht zum Beispiel Uli Jon Roth, der geniale frühere Gitarrist der Scorpions, der Elemente der Klassik in sein Gitarrenspiel einfließen ließ und damit ein Vorreiter war. Michael Ehré hat durch das Zusammenspiel mit ihm viel gelernt, wie er sagt.
Um etliche zusätzliche Namen ist die Referenzliste bei der jüngsten Tournee länger geworden, die Michael Ehré unternommen hat: die „Rock meets Classic“-Tour. Deren Drummer ist eigentlich Moritz Müller, der sonst in der TV-Total-Band und in der Band von Helene Fischer Schlagzeug spielt, für die Tour aber keine Zeit hatte. Also sprang Michael Ehré ein - und spielte so gut, dass er auch im nächsten Jahr wieder dabei sein wird.
Video: Rock Meets Classic - The Final Countdown feat. Joey Tempest, Dee Snider, Ronnie Romero, Bernie Shaw
„Rock meets Classic“ bringt nicht nur eine Rock-Band – in diesem Fall die kompletten Primal Fear – und 30 Orchestermusiker auf die Bühne, sondern auch Gastsänger. Das waren unter anderem Maggie Reilly, die Frau, die mit ihrer Stimme Mike Oldfields „Moonlight Shadow“ zum Hit machte und bei der Michael Ehré jedes Mal Gänsehaut hatte, wenn sie sich beim Soundcheck einsang. Es waren Mike Tramp von White Lion und der aktuelle Rainbow-Sänger Ronnie Romero. Es waren Mick Box und Bernie Shaw von Uriah Heep, von denen Michael Ehré sagt, dass die Sonne aufgeht, wenn sie einen Raum betreten. Es war Dee Snider, der ehemalige Frontmann von Twisted Sister. „Der hat den Laden zerlegt“, schwärmt Michael Ehré, „so etwas hab ich noch nicht erlebt.“ Und es war Joey Tempest, der Sänger von Europe, der das Finale bestritt – natürlich mit „Final Countdown“.
Vor der Tour ist nach der Tour. Deshalb muss Michael Ehré schon bald wieder den Koffer packen. The Unity und Primal Fear sind ab dem 1. September gemeinsam unterwegs. Für den Nordenhamer bedeutet das jeden Abend zwei Doppelshows. In der Jahnhalle werden The Unity am 27. Januar zu erleben sein.
Dieser Artikel erschien zuerst in der Nordsee-Zeitung in Bremerhaven.