Nicht angemeldete Ladesäulen Sind E-Autos eine Gefahr für das Stromnetz?
Mit der steigenden Anzahl an E-Autos werden immer mehr Fahrzeuge in Ostfriesland zu Hause aufgeladen. EWE kann mit einem Netz-Ausbau reagieren – aber nur etwa jede zweite Wallbox wird angemeldet.
Ostfriesland/Oldenburg - Der Bestand an E-Autos und Plug-in-Hybridfahrzeugen, die zu Hause geladen werden können, ist vergangenes Jahr in Ostfriesland um 53,45 Prozent gestiegen. Das hat die Redaktion anhand von Datenmaterial des Kraftfahrtbundesamts errechnet. Zum 1. Januar 2022 waren 5420 solcher Pkw angemeldet, zum 1. Januar 2023 schon 8317. Deutschlandweit wurden in diesem Jahr bis Ende Juli bereits 270.000 reine E-Autos neu zugelassen – von denen ein großer Teil am Wohnort geladen werden dürfte. Angesichts dieser rasanten Entwicklung befürchten einige, dass unser Stromnetz den vielen Heim-Ladesäulen, Wallbox genannt, nicht standhalten könnte. Wir haben Dr. Ulrich vom Felde, Leiter für die Strom-Netzentwicklung bei EWE Netz, gefragt: Stimmt das?
Wo liegt überhaupt das Problem?
„Lassen Sie uns das mal an einem sehr vereinfachten Beispiel betrachten“, sagt vom Felde: In einem Ortsnetz seien 100 Haushalte angeschlossen, „und wir gehen davon aus, dass gleichzeitig zwei Kilowatt pro Haushalt abgerufen werden – macht 200 Kilowatt“. Ein üblicher 400 Kilowatt-Trafo sei damit nur zur Hälfte ausgelastet und habe noch mehr als ausreichend Puffer. „Jetzt stellen Sie sich aber mal vor, nur jeder zweite dieser Haushalte lädt abends zeitgleich ein E-Auto auf.“
Aktuell übliche Wallbox-Modelle leisten beispielsweise elf Kilowatt. Die Rechnung ist leicht: Laden 50 Haushalte zeitgleich ihr Auto mit voller Leistung, muss der Trafo 550 Kilowatt liefern – plus die 200, die von Licht, Waschmaschinen und Kühlschränken verbraucht werden. „Der Leistungsbedarf des Ortsnetzes wäre damit fast vervierfacht“, sagt der EWE-Experte. Und dann? „Dann fliegt bei einem 400-Kilowatt-Trafo die Sicherung raus, und das Licht geht in der ganzen Nachbarschaft aus.“
Bisher sei das noch nie der Fall gewesen, sagt vom Felde. Und falls es dazu kommen sollte, sei die Angelegenheit auch schnell wieder behoben: „Der Techniker kommt, tauscht die Sicherung aus und alles läuft wieder.“ Aber eben nur, wenn nicht direkt wieder alle E-Autos den Strom aus dem Ortsnetz saugen, denn in diesem Fall fliegt auch die neue Sicherung direkt wieder raus. „Deswegen betreiben wir kontinuierlich einen Netzausbau. Die Netze werden für 30, 40, 70 Jahre geplant – und damals war noch keine Rede von E-Autos.“ Entsprechend müssten alle Netzbetreiber deutschlandweit jetzt aktiv werden, also auch die EWE.
Wie kann das Problem behoben werden?
„Natürlich können zum Beispiel größere Trafos eingebaut werden“, sagt vom Felde. Die EWE ziehe es allerdings vor, möglichst die Ortsnetze zu verkleinern und weniger Haushalte an einen einzigen Trafo zu hängen. Der Effekt ist derselbe: Die Trafos werden entlastet, Stromausfälle werden vermieden. Schon jetzt stelle EWE Netz pro Jahr 400 bis 500 neue Trafos auf, doch das wird dem Experten zufolge nicht reichen: „Das müssen wir auf Sicht mindestens verdoppeln.“
Die Schwierigkeit ist allerdings, dass EWE Netz oft schlicht nicht weiß, wo neue beziehungsweise stärkere Trafos benötigt werden. „Vielleicht gibt es schon jetzt Ortsnetze, in denen es eng wird“, sagt vom Felde. Bei 16.000 Ortsnetzen und fast einer Million Hausanschlüsse könne das nicht alles in Echtzeit gemessen werden.
Deshalb hat der Gesetzgeber Inhaber einer Wallbox dazu verpflichtet, die Inbetriebnahme beim jeweiligen Netzbetreiber anzumelden. „Wenn wir wissen, in welcher Nachbarschaft Ladepunkte für E-Autos installiert wurden, können wir gezielt dort unsere Netze verstärken“, sagt vom Felde. „Das ist unser Job, und das bekommen wir auch problemlos hin.“ Es gebe aber auch einen großen Kostenfaktor: „Zuletzt haben sich die Preise für Trafos auf Grund der hohen Nachfrage quasi verdoppelt, und sie sind jetzt nur geringfügig wieder gesunken“, sagt der Fachmann. Zudem wolle man nicht mit der Gießkanne ausbauen, sondern zunächst dort, wo das nötig ist. Denn: „Am Ende zahlen die Kunden den Netzausbau. Daher ist es uns sehr wichtig, diesen möglichst effizient durchzuführen.“ Fördergeld, etwa von Land oder Bund, bekomme EWE Netz für den Ausbau nicht.
Projekt „Zukunft Nordsee“
Dieser Beitrag ist Teil des Projekts „Zukunft Nordsee“ von Ostfriesen-Zeitung, General-Anzeiger, Borkumer Zeitung, Nordsee-Zeitung, Kreiszeitung Wesermarsch und Deutscher Presse-Agentur (DPA). In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen, die für die gesamte Küstenregion relevant sind – zum Beispiel mit dem Klimawandel, erneuerbaren Energien, der Entwicklung der Wirtschaft und dem Tourismus. Weitere Beiträge dazu finden Sie hier.
Eine weitere Möglichkeit, um Verbrauchsspitzen abzufedern, sind smarte – also intelligente – Netze. In diesem Fall sind, vereinfacht gesagt, Stromnetz und Wallbox in einem permanenten Austausch miteinander. Die Zustimmung der Kunden vorausgesetzt, könnte die Leistung der Wallbox bei Spitzenzeiten durch den Netzbetreiber gedrosselt werden, um das Netz zu schonen.
„Intelligente Netztechnologien sind schon jetzt unverzichtbar“, schreibt dazu das Bundesumweltministerium. Elektrofahrzeuge, die als „flexibler Stromabnehmer“ laden, könnten langfristig zum stabilisierenden Teil des smarten Netzes werden. „Im Alltag könnte man zukünftig zum Beispiel einfach über das Handy den Befehl ‚Batterie morgen um 7 Uhr voll‘ eingeben. Den Rest erledigt die Software, abhängig vom aktuellen Stromdargebot und -preis.“
Melden alle Besitzer ihre Wallbox an?
Nein – und genau das ist das Problem. „Mit Stand vom vergangenen Jahr waren uns rund 23.000 Wallboxen im ganzen Netzgebiet bekannt“, erklärt vom Felde. Postleitzahlscharfe statistische Erhebungen über geförderte Wallboxen legten allerdings nahe, dass es in der Region tatsächlich etwa doppelt so viele geben könnte. Heißt: Jede zweite Wallbox ist nicht beim Netzbetreiber angemeldet, sorgt für höhere Verbräuche – und kann im schlimmsten Fall in der ganzen Nachbarschaft das Licht ausknipsen. Und die EWE weiß nicht, wo die unangemeldeten Heim-Ladesäulen hängen.
Vom Felde plädiert deshalb an jeden, seine Wallbox anzumelden. Das geht im Internet unter www.ewe-netz.de. „Dort gibt es ein Formular, in das unter anderem die Adresse und ein paar technische Angaben eingetragen werden können“, sagt er. EWE Netz bittet insbesondere auch darum, Wallboxen nachträglich einzutragen, falls das bisher versäumt wurde.
Vom Felde versichert, dass es keine Geldbußen, Vertragsstrafen oder Ähnliches gebe. „Wir freuen uns dann einfach über die Mitarbeit des Kunden, von der am Ende wir alle profitieren.“ Das Elektrohandwerk sei ebenfalls über die Anmeldepflicht informiert. Sollte der Installateur die Anmeldung einreichen, empfehle sich eine kurze Rückfrage, ob die Meldung tatsächlich rausgegangen sei, um auf Nummer sicher zu gehen.