Osnabrück  Sein Humor fehlt: Wir brauchen ganz einfach mehr Loriot!

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 19.08.2023 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
In der Ecke des Sofas immer genau richtig platziert: Vicco von Bülow alias Loriot. Foto: imago/M&K
In der Ecke des Sofas immer genau richtig platziert: Vicco von Bülow alias Loriot. Foto: imago/M&K
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Der Streit um den Kosakenzipfel mag Geschichte sein, Loriots Humor ist es nicht. In diesem Jahre wäre der Künstler unter den Humoristen 100 geworden. Ein Plädoyer für Humor als Mittel der Deeskalation.

Ob sich mit seinem „Großen Ratgeber“ noch eine kleine Frage beantworten ließe? Loriots Lebensweisheiten stehen auf der Kippe. Einerseits gehören sie zum kulturellen Allgemeinbesitz der Deutschen. Andererseits erscheint Loriots Komik, gemessen an rabiater Gegenwart, heute wie ein Placebo, bei Gallenkolik verordnet. Trotzdem: Loriot täte uns heute gerade wieder gut, finde ich.

Warum komme ich gerade jetzt auf Loriot? Weil mir ein schneeweißer Prospekt aus dem Diogenes-Verlag auf den Tisch geflattert ist, der den Buchhandel auf Loriots 100. Geburtstag am 12. November 2023 hinweist. Das Editorial von Verleger Philipp Keel zählt knappe 17 Zeilen. Dennoch kommen alle Wörter vor, die Loriot charakterisieren: Gentleman, Künstler, Grandseigneur, Dirigent, lese ich da, auch Beobachtungsgabe, Perfektion und, welche Überraschung: Humor.

War das Leben noch schön, als sich zwei Ehepaare über nichts als einen Kosakenzipfel zerstreiten konnten. Als eine Fernsehansagerin an der korrekten Aussprache von North Cothelstone Hall verzweifelte und eine Quietschente für Verwicklungen im Badezimmer sorgte. Ich weiß nicht, was aus Müller-Lüdenscheidt und Dr. Klöbner geworden ist. Nur eines weiß ich genau: Loriots Humor fehlt, genauer gesagt, seine Fähigkeit, das Leben mit einem Lächeln zu deeskalieren.

Er war kein Comedian, er war Loriot. Das sagt alles. Ich finde sie im Vergleich alle fade, diese Nuhrs und Sträters und Schuberts. Sie wissen alles besser, nehmen sich furchtbar wichtig. „Um komisch zu sein, muss man vor allem sich selber zur Disposition stellen“, wusste Loriot. Warum wissen das die Spaßmacher und Witzereißer von heute nicht mehr?

Wir alle wissen es nicht mehr. Allzu viele nehmen sich und ihre Meinung so furchtbar wichtig. Sie ziehen immer gleich blank, schlagen sofort drein. Nur wenige verstehen noch die Kunst, ab und an still beiseite zu treten. Könnten wir uns Loriot auf Twitter vorstellen? Sehen Sie, das ist es.

Dabei ließe sich Loriot heute auch leicht abschmettern. Sind die Probleme heute nicht viel zu ernst, um noch von einem soignierten Herrn vom grünen Sofa aus kommentiert zu werden? Aber Loriot ist kein Onkel aus der Requisite der guten, alten Zeit. Er hat getextet und gezeichnet, als in Deutschland die Zeitgeschichte tobte, von Auschwitz-Prozess bis Studentenrevolte.

Deshalb finde ich: Es kann nie genug Loriot geben. Denn sein Humor bewahrt uns davor, im blinden Streit uns selbst zur Hässlichkeit zu werden.

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