Osnabrück Die Künstlerin Franziska Holstein und ihre gemalten Systeme
Eine Kunst, die der Wirklichkeit ihre Ordnung gibt: Das war der Traum der Avantgarde. Was ist davon geblieben? Franziska Holstein zeigt, wie abstrakte Malerei heute geht - in einer Zeit der Unordnung.
Zieht sich das Bild in die Wand zurück? Oder wölbt es sich nach vorn in den Raum? Verkanten sich die geometrischen Formen zu wirklichen Objekten oder bleiben sie eine Formation in der Fläche? Franziska Holsteins Bilder sehen hübsch aufgeräumt aus. Zugleich bringen sie gewohnte Orientierungen gehörig durcheinander. Das Bild als autonomer Kosmos, der auf nichts verweist, sondern ganz aus sich selbst heraus funktioniert – Holsteins Werke hauchen dem alten Prinzip der abstrakten Kunst neues Leben ein.
Die 45 Jahre alte Leipzigerin hat in ihrer Heimatstadt bei Arno Rink studiert, war Meisterschülerin bei Kunststar Neo Rauch. In Wuppertal hat sie nun Carte Blanche. „Freundschaftsanfrage“ heißt das Format, mit dem Museumsdirektor Roland Mönig jüngere Künstler dazu einlädt, im Museum direkt zu arbeiten und Werke aus der Sammlung des Hauses dazu in Beziehung zu setzen.
Franziska Holstein nimmt die Einladung dankend an. Im Entrée der Schau hat sie direkt auf die Wände gearbeitet. Ihre wandfüllenden Bilder wirken mit ihren Pastelltönen fast cosy, stellen Betrachter aber zugleich vor vertrackte Wahrnehmungsprobleme. So aufgeräumt auch jedes ihrer abstrakten Werke wirkt, so sehr enttäuschen sie auch Erwartungen an gefällige Übersichtlichkeit.
Holstein erneuert eine Kunstphilosophie, die vor hundert Jahren die große Revolution der Bilder versprach. Ob Wassily Kandinsky, Piet Mondrian oder Josef Albers – im Zeichen von rechtem Winkel und starken Primärfarben versprach die Abstraktion den Ausgriff in eine neue visuelle Welt. Bilder, die auf nichts verweisen als auf sich selbst und die Ordnung, die sie etablieren: Darin sollte der Schlüssel für ein erneuertes, ja gereinigtes Leben liegen.
Solche Träume sind inzwischen verflogen. Geblieben ist die Idee des autonomen Bildes, das keine Geschichte erzählt, sondern Strukturen darbietet, die den mündigen Betrachter herausfordern. Nicht unterhalten werden, sondern sehen und denken – die Bilder Holsteins sind, was der Schweizer Klassiker Max Bill einst Gegenstände für den geistigen Gebrauch nannte.
Für Franziska Holstein kann es die einfache Weltformel ebenso wenig geben wie das Bild, das sich in feiner Selbstbescheidung allein genug ist. Die Leipziger Malerin etabliert mit ihren Bildern serienweise Vorschläge für Ordnungssysteme, die nach keiner schlüssigen Formel funktionieren, sondern sich jedem System immer wieder entziehen.
Der Betrachter dieser Kunst bleibt in permanenter Bewegung. Er konstruiert die Strukturen dieser Bilder nach und entwirft sich dabei ein Bild seiner eigenen Wahrnehmung permanent neu. Was kompliziert klingt, entspricht dem Stand der Welt heute: Sie entzieht sich einfacher Lösung, verlangt nach immer neuer Konstruktion.
Das gilt auch für die Kunst selbst. Die Malerin erweist sich mit dieser „Freundschaftsanfrage“ als Künstlerin der Nachdenklichkeit. Aus der Kollektion des Museums hat sie eine kluge Auswahl getroffen. Mit Bildern der Avantgarde, etwa von Lászlo Moholy-Nagy, Otto Freundlich und dem Osnabrücker Konstruktivisten Friedrich Vordemberge-Gildewart steckt sie den historischen Kontext ihrer eigenen Position ab, holt schließlich mit Richard Paul Lohse, Camille Graeser oder Verena Loewensberg die Zürcher Konkreten dazu, die der Gegenwartskunst bis in die siebziger Jahre hinein ihren Stempel aufdrückten.
Im zentralen Raum der Schau breitet Holstein auf meterlangen Tischen das Buch „Interaction of Colour“ des Bauhausmeisters Josef Albers aus. Diese 1963 publizierte Bibel der kreativen Kombination der Farbtöne, ihrer Kontraste und Harmonien bleibt die Herausforderung für eine Kunst der reinen Farben und Formen. Franziska Holstein nimmt den Dialog mit Albers auf – und gewinnt für ihre eigene Kunst eine frische Kreativität dabei.
Wuppertal, Von-der-Heydt-Museum: Freundschaftsanfrage: Franziska Holstein. Bis 24. September 2023. Di., Mi., Fr.-So., 11-18 Uhr, Do., 11-20 Uhr.