Rechtes Konzert  Neonazi-Band steht auf Krummhörner Bühne

Claus Hock und Till Becker
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Von Claus Hock und Till Becker
| 04.09.2023 14:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Als einzige Band nicht abgeklebt oder ersetzt: Gehasst, verdammt, vergöttert. Die Onkelz-Coverband besteht aus Neonazis. In der vergangenen Woche wurde seitens der Veranstalter behauptet, auch diese Band sei ersetzt worden. Doch das stimmt offenbar nicht. Foto: Hock
Als einzige Band nicht abgeklebt oder ersetzt: Gehasst, verdammt, vergöttert. Die Onkelz-Coverband besteht aus Neonazis. In der vergangenen Woche wurde seitens der Veranstalter behauptet, auch diese Band sei ersetzt worden. Doch das stimmt offenbar nicht. Foto: Hock
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Mit einem Großaufgebot begleitete die Polizei am Samstag ein rechtsnahes Konzert in der Krummhörn. Auf der Bühne stand eine Band bestehend aus Neonazis.

Krummhörn - Regen begleitete das rechtsnahe Konzert am Samstag in der Gemeinde Krummhörn. Das schreckte aber weder die Gegenveranstaltung in ein paar Hundert Metern Entfernung ab noch die etwa 200 Gäste des umstrittenen Konzerts in Canum, welches von Angehörigen der rechten Szene organisiert wurde. Auf der Bühne in der Halle des Lohnunternehmens Voß gab es an diesem Abend dann noch eine „Überraschung“.

Was und warum

Darum geht es: Mit rund 250 Menschen formierte sich am Samstagabend ein breiter Gegenprotest gegen ein Konzert in der Krummhörn.

Vor allem interessant für: diejenigen, die sich für die Entwicklungen des Konzerts mit Neonazi-Hintergrund in der Krummhörn interessieren.

Deshalb berichten wir: Wir waren vor Ort.

Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de

Der Konzertabend lief nur in Teilen so, wie es sich die Veranstalter wahrscheinlich erhofft haben. Die Zahl der Gäste, die zum Teil durch einen Shuttle-Service bestehend aus Taxen und Privatwagen zum Gelände gebracht wurden, blieb übersichtlich.

Coverband der Coverband

Nach Informationen dieser Zeitung hat auch das zuletzt als einziger Act noch angekündigte Wolfgang-Petry-Double kurzfristig abgesagt. Vor Ort sei erzählt worden, dass der Grund „Bedrohungen durch Antifaschisten“ gewesen wäre. Vom ursprünglichen Line-Up blieb damit nichts übrig – offiziell.

Bilder, die dieser Zeitung von der Veranstaltung vorliegen, zeigen eine Band, die vor dem Banner der Böhse-Onkelz-Coverband „Gehasst, verdammt, vergöttert“ (GVV) spielt. Die Band selbst habe sich als „Viva Los Tioz“ – wie „Gehasst, verdammt, vergöttert“ auch ein Name eines Albums der Böhsen Onkelz – vorgestellt. Verkauft wurde allerdings nur Merchandising der Band GVV.

Musik vom Band statt drei Bands

Diese Umstände sowie die Bilder zeigen mit sehr großer Sicherheit, dass tatsächlich die ursprünglich angekündigte Band GVV gespielt hat. Diese wiederum besteht aus bekannten Neonazis. Der Gitarrist gehört laut einer Recherche des Portals Exif zur rechtsradikalen Band „Oidoxie“. Der GVV-Schlagzeuger gehörte früher der gleichen Band an. Der GVV-Frontmann ist zugleich Sänger der neonazistischen Band „Faust“. Der Bassist wiederum gehört zur Szeneband „Vidar“. Die Bandmitglieder kommen aus Wismar, Potsdam, Nordkirchen und Grube in Ostholstein.

Die Veranstalter haben für "Live in der Krummhörn 2" sogar Merchandise anfertigen lassen. Dies muss nach der Absage der Band "Ernstfall" aber vor der Absage der Band "Goethes Jungs" geschehen sein. Auch hier zeigt sich, dass der Auftritt von "Gehasst, verdammt, vergöttert" offenbar nie zur Diskussion stand. Foto: Hock
Die Veranstalter haben für "Live in der Krummhörn 2" sogar Merchandise anfertigen lassen. Dies muss nach der Absage der Band "Ernstfall" aber vor der Absage der Band "Goethes Jungs" geschehen sein. Auch hier zeigt sich, dass der Auftritt von "Gehasst, verdammt, vergöttert" offenbar nie zur Diskussion stand. Foto: Hock

Am vergangenen Montag wurde seitens des Veranstaltungsortes verkündet, dass GVV nicht mehr auftreten. Die Band bestätigte die Absage sogar auf ihrer mittlerweile nicht mehr abrufbaren Facebookseite. Dennoch wurde vermutet, dass dies nur eine Nebelkerze ist. Bis die Band auftrat, mussten sich die Gäste mit Musik vom Band begnügen. GVV/Viva Los Tioz traten erst gegen 22 Uhr auf, das Konzert ging bis ungefähr 1 Uhr in der Nacht zum Sonntag.

Video
Krummhörn gegen Rechts - Mahnwache zum Konzert "Live in Krummhörn 2"
06.08.2023

Gegenprotest mit 250 Teilnehmern

Stunden zuvor, während am frühen Samstagabend die ersten Konzertbesucher eintrudelten, sammelte sich an der Bushaltestelle in Canum der Gegenprotest. Innerhalb weniger Tage hatte eine Gruppe rund um die Initiative „Partnerschaft für Demokratie“ (PfD) eine Mahnwache gegen Rechtsextremismus organisiert, der sich bald weitere Organisationen anschlossen. Mit vielleicht 50 Menschen hatte Organisator Jochen Risto noch am Sonnabendmorgen gerechnet, letztlich wurden es etwa 250, die sich ab 18.15 Uhr versammelten.

Die Gegenveranstaltung traf sich an der Bushaltestelle in Canum. Foto: Becker
Die Gegenveranstaltung traf sich an der Bushaltestelle in Canum. Foto: Becker

Mit Schildern, Transparenten und Fahnen drückten die Teilnehmer der Mahnwache ihre Ablehnung rechtsextremer Gesinnung aus. Trotz strömendem Regen harrten die Menschen aus, diskutierten miteinander oder sangen, zum Beispiel das Partisanenlied „Bella Ciao“. Zwischendurch wandte sich Risto mit kurzen Redebeiträgen an die Menge. Er betonte unter anderem die Wichtigkeit, sich friedlich zu versammeln, um ein Zeichen gegen Rechtsextremismus zu setzen. „Ich hatte vorher große Bauchschmerzen und zwei Nächte nicht geschlafen“, so Risto später im Gespräch mit unserer Zeitung. Schließlich habe er nicht gewusst, was auf ihn und die PfD zukomme. Aber die Resonanz zeige, dass sich etwas bewege und dass man richtig lag, diese Mahnwache trotz fehlender Erfahrungen mit dieser Art des Protests ins Leben zu rufen.

Was auffiel: Es waren Menschen jeden Alters dabei, auch und gerade Menschen jenseits der 40 Jahre. Die Teilnehmer kamen nicht nur aus der Krummhörn, sondern auch aus den umliegenden Gemeinden. Selbst einige Urlauber hatten sich der Mahnwache angeschlossen. Ein Umstand, der Risto zwar freute. Allerdings hatte er mit mehreren Menschen Kontakt, die zwar teilnehmen wollten, es aber aus Angst nicht taten. „Das erschreckt mich, weil es zeigt, wie einschüchternd rechtsextremes Auftreten wirkt.“

Drohgebärden gegenüber der Presse

Diese Angst hängt vor allem mit den Hintergründen des Konzerts zusammen. Wie Recherchen dieser Zeitung zeigten, sind die beiden Hauptveranstalter der rechten Szene zuzuordnen. Vor Ort war noch ein weiteres bekanntes Szenemitglied damit beschäftigt, seine „Kameraden“ durch die Gegend zu schicken, damit diese die benötigten Verkehrsschilder aufstellen. Es liegt also nahe, dass im engeren und wahrscheinlich weiteren Unterstützerkreis weitere Neonazis zu finden sind. Auch Sanitäts- und Sicherheitsdienst rekrutierten sich aus der rechten Szene.

An der Einfahrt zum Gelände hatten sich verschiedene Pressevertreter und Fotografen versammelt. Versuche der anwesenden Rechten, die Arbeit einzuschränken oder die Personalien der Medienvertreter zu erfahren, schlugen weitestgehend fehl. Drohgebärden blieben allerdings nicht aus. Auch einige Gäste, manche sicher aus Verunsicherung, erkundigten sich bei der anwesenden Polizei, ob das alles so in Ordnung sei.

Polizei will sich noch weitergehend äußern

Die Polizei war von Samstagnachmittag bis in die späte Nacht hinein mit einem Großaufgebot im Einsatz. Neben Kräften der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund waren auch unter anderem die Bereitschaftspolizei, die Bundespolizei, Zoll und Staatsschutz im Einsatz. Zu den sichtbaren Maßnahmen zählten unter anderem groß angelegte Verkehrskontrollen. Die Polizei spricht im Nachgang davon, dass es „keine besonderen Vorkommnisse“ gegeben habe. Zur konkreten Zahl der eingesetzten Beamten äußert sich die Polizei nicht. Es handelte sich aber definitiv um den größten Polizeieinsatz in der Krummhörn der vergangenen Jahre. „Die präventivpolizeilichen Maßnahmen und die Polizeipräsenz vor Ort haben Wirkung gezeigt“, so das Fazit.

Die Polizei kontrollierte ankommende und wegfahrende Fahrzeuge. Eine der Kontrollstellen befand sich in Freepsum. Foto: Wagenaar
Die Polizei kontrollierte ankommende und wegfahrende Fahrzeuge. Eine der Kontrollstellen befand sich in Freepsum. Foto: Wagenaar

Die Anreise für die Konzertbesucher wurde allerdings nicht einfach gestaltet. In Freepsum beispielsweise wurde in beide Richtungen jeder durchfahrende Wagen kontrolliert. Wer zum Konzert wollte oder anderweitig die Aufmerksamkeit der Beamten auf sich zog, wurde eingehender kontrolliert. Zum Teil wurden Fahrzeuge auch durchsucht.

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