Hamburg  Klimaforscher Mojib Latif: „Das Wort Klimaschutz ist verbrannt“

Sören Becker, Karolina Meyer-Schilf
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Von Sören Becker, Karolina Meyer-Schilf
| 05.08.2023 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Klimaforscher Latif Foto: Marcus Brandt
Klimaforscher Latif Foto: Marcus Brandt
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Seit 40 Jahren versucht Klimaforscher Mojib Latif die Welt vor dem Klimawandel zu warnen. Doch seine Warnungen werden vielfach ignoriert. Im Interview erklärt er, was passieren muss, damit wir noch eine Chance haben, die Katastrophe zu verhindern.

Während Südeuropa brennt, versinkt der Norden im Regen. Die Meinung, ob das noch Wetter ist oder schon Klima, spaltet die Gesellschaft. Einer, der seit Jahrzehnten auf die Herausforderungen des Klimawandels hinweist, ist der Meteorologe, Ozeanograph und Präsident der Akademie der Wissenschaften in Hamburg, Prof. Dr. Mojib Latif.

Ein Gespräch über Klima, politische Kommunikation und die Frage, wie Neurowissenschaftler sich erklären, dass wir uns in Bezug auf den Klimaschutz ganz offensichtlich dumm verhalten.

Frage: Herr Latif, vor mehr als einem Jahr haben Sie gesagt, dass es mit dem Klimawandel “fünf nach zwölf” ist. Wie spät ist es jetzt?

Antwort: So genau kann man das nicht sagen. Klar ist aber: Der Klimawandel ist schon längst da, verursacht enorme Schäden, schadet unserer Gesundheit und kostet uns eine Menge Geld.

Frage: Sie forschen dazu, wie sich das Klima über Jahrzehnte verändert. Mit welchen Bedingungen müssen wir in zehn Jahren rechnen?

Antwort: Wir blicken mehrere Jahrzehnte nach vorne. Die Entwicklung wird im Prinzip genau so weitergehen, wie in den letzten Jahrzehnten. Das kann man relativ sicher sagen. Es wird also wärmer. Hinzu kommen natürliche Schwankungen, die diesen Trend verstärken oder abschwächen können. Das sieht man am Beispiel El Niño. Das Klimaphänomen wird dafür sorgen, dass wir spätestens im kommenden Jahr den nächsten Rekord bei der global gemittelten Temperatur erreichen werden. In den vergangenen Jahren hatten wir das Gegenphänomen La Niña, das den Temperaturanstieg gedämpft hat. 

Frage: Sind natürliche Schwankungen wie El Nino tendenziell stärker oder schwächer als die menschengemachte Erwärmung?

Antwort: Der Netto-Effekt dieser natürlichen Schwingungen ist relativ klein, auch wenn sie immer viel Medienaufmerksamkeit bekommen. Den deutlich größeren Einfluss auf die langfristige Entwicklung hat die globale Erwärmung. Es wundert mich sehr, dass das nicht wahrgenommen wird. 

Frage: Wo wir gerade bei warmen Meeren sind: Auch die Nordsee ist gerade wärmer als üblich. Was bedeutet das?

Antwort: Wärmere Meere führen zu einer stärkeren Verdunstung. Das führt zu mehr Wasserdampf in der Luft, der früher oder später als Regen herunterkommen muss. Das fördert die Entstehung von Starkregen. Zudem dehnt sich wärmeres Wasser aus, was zur Folge hat, dass der Meeresspiegel steigt. Das war lange der dominante Faktor beim steigenden Meeresspiegel. Mittlerweile ist es das schmelzende Kontinentaleis an den Polen. 

Frage: Sie haben schon die schmelzenden Polkappen angesprochen. Das helle Eis reflektiert ja Sonneneinstrahlung, während das dunkle Land und Meer darunter sie aufnehmen. Wenn das Eis schmilzt, verstärkt sich also die globale Erwärmung. 

Antwort: Korrekt. Verstärkende Prozesse nennen wir Wissenschaftler positive Rückkoppelungen. Der größte dieser Effekte ist der Wasserdampf. Der ist das stärkste Treibhausgas auf der Erde, weit vor CO₂ und Methan. Wenn es wärmer ist, verdunstet nicht nur mehr Wasser, die Luft kann auch mehr Wasserdampf aufnehmen und die globale Erwärmung beschleunigt sich. 

Frage: Das politische Ziel ist ja nach wie vor, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken. 

Antwort: Die Staaten haben sich im Pariser Klimaabkommen dazu verpflichtet, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, vorzugsweise auf 1,5 Grad. Ich bin mir sicher, dass wir die 1,5-Grad-Marke reißen werden. Wir stehen heute schon bei ca. 1,2 Grad. Wenn wir nur Deutschland betrachten, sind wir schon darüber hinaus und liegen kurz vor zwei Grad, in der Arktis geht es noch ein bisschen schneller. 

Frage: Viele Menschen können sich unter solchen scheinbar kleinen Zahlen vielleicht wenig vorstellen. Wie hoch war zum Beispiel der Temperaturunterschied zur letzten Eiszeit? Damals waren weite Teile Europas von einem Eispanzer bedeckt und Mammuts und Wollnashörner streiften über den Kontinent.

Antwort: Auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit vor rund 20.000 Jahren lag die globale Temperatur so in etwa vier bis fünf Grad niedriger als heute. Selbst ein Grad ist also schon bedeutend. Wir sehen ja schon katastrophale Auswirkungen bei dieser scheinbar geringen globalen Erwärmung.

Frage: Und es werden noch einige kommen…

Antwort: Politisch sind wir eher auf dem Pfad in Richtung drei Grad. 

Frage: Dennoch gibt es keinen richtigen gesellschaftlichen Konsens um die Wichtigkeit des Klimaschutzes.

Antwort: Das sieht man überall. Ob nun beim Gebäudeenergie-Gesetz oder beim Tempolimit. Letzteres kostet ja nicht mal etwas. Das zeigt einfach, dass wir noch nicht bereit sind. Dabei haben wir überhaupt keine Zeit mehr. Das wird so aber nicht kommuniziert und das ist ein großes Problem. Ich glaube, es liegt einfach daran, dass die Bedrohung nicht offensichtlich ist. Zu viele Menschen in den Industrieländern sehen den Ernst der Lage einfach noch nicht, weil sie nicht alt, krank oder arm genug sind, um direkt betroffen zu sein. Griechenland ist weit weg.

Frage: In Südeuropa herrschen gerade Temperaturen weit über 40 Grad, wie man sie sonst nur aus der Sahara oder dem Tal des Todes kennt. 

Antwort: Wir reden meiner Meinung nach zu viel über Anpassung. Wie soll man sich an Temperaturen über 40 Grad und eine solch extreme Dürre anpassen? Ähnlich ist es mit den Waldbränden in Nordamerika. Nach den großen Waldbränden in Kanada waren circa 100 Millionen Menschen in den USA angehalten, wegen schlechter Luftqualität nicht das Haus zu verlassen. Ganz zu schweigen vom Meeresspiegelanstieg oder Überschwemmungen nach Starkregen. Wie soll man sich an so etwas noch anpassen? Da gleitet die Diskussion doch ins Lächerliche ab. Es gibt Grenzen der Anpassungsfähigkeit. Wie soll denn das noch werden?

Frage: Das müssten Sie als Klimaforscher eigentlich am besten wissen.

Antwort: Wir Klimaforscher sind auch nicht allwissend. Wie sich ein komplexes System wie das Klima verhält, kann man einfach nicht so genau vorhersagen. Die Menschheit führt ein Experiment mit unserem Planeten durch und weiß nicht genau, wie es ausgeht. Das ist das beste Argument für Klimaschutz. Darauf zu verzichten, ist als würden wir mit Vollgas in den Nebel fahren und nicht wissen, ob da gleich ein Hindernis kommt oder nicht. Hinzu kommt die Finanzierbarkeit.

Frage: Auch Deiche erhöhen und Klimaanlagen einbauen, kostet Geld. 

Antwort: Und das kommt auch nicht vom lieben Gott, das sind unsere Steuermittel. Und am Ende sehen unsere Schulen dann so aus, wie sie aussehen. Die enormen Summen, die wir schon heute für die Begleichung der Schäden des Klimawandels aufwenden, werden überhaupt nicht thematisiert. Es wird jedes Jahr mehr und irgendwann kommen wir an die Grenze. Stellen Sie sich mal vor, was das für ein sozialer Sprengstoff ist, wenn der Staat irgendwann nicht mehr in der Lage ist zu helfen.

Frage: In einer solchen Drastik wird die Lage aber nicht kommuniziert. Warum?

Antwort: Diese Frage habe ich mir auch schon gestellt. Wenn ich mich mit Neurowissenschaftlern darüber unterhalte, ist ihre Antwort klar. Wir nehmen die Zukunft nicht so wichtig, wie die Gegenwart oder - Die Zukunft ist uns egal.

Frage: Wie kann man Menschen unter diesen Vorraussetzungen zum Klimaschutz bringen?

Antwort: Das Wort “Klimaschutz” ist verbrannt. Wenn die Leute das hören, gehen sofort die Alarmglocken an. Da haben ein paar kontraproduktive Aktionen, wie die Proteste der Letzten Generation oder die Diskussion um das Heizungsgesetz für gesorgt. Es geht aber um viel mehr als Klimaschutz. Die Frage ist, ob wir unseren Wohlstand trotz eines sich verändernden Planeten bewahren können. Wenn sich das Klima immer weiter ändert, können Sie den Wohlstand auch vergessen. Dann funktioniert nichts mehr auf der Welt. Noch viel wichtiger: Die nächste industrielle Revolution hat schon begonnen. Dabei wird es auch um erneuerbare Energien gehen. Länder, die hier nicht vorne auf der Lokomotive sitzen, werden das Nachsehen haben. Die Chinesen zum Beispiel sind viel schneller als wir. Wir laufen Gefahr, die neuen Märkte zu verlieren. Wir denken in Deutschland immer, dass wir die besten sind, aber wir werden gerade in wichtigen Bereichen abgehängt. 

Frage: Nachdem wir den Planeten 200 Jahre lang mit fossilen Brennstoffen verpestet haben, können wir das den afrikanischen Ländern, die sich damit unserem Wohlstand annähern wollen, schlecht verbieten. 

Antwort: Die Welt muss ein Gemeinschaftsprojekt haben. Man kann den Afrikanern nicht verdenken, dass sie auch ihren Wohlstand wollen. Wir müssen also Mittel und Wege finden, damit alle profitieren. Wenn nicht alle Länder profitieren, wird es immer welche geben, die nicht mitmachen. Wir sind alle egoistisch. Sowohl auf individueller, als auch auf staatlicher Ebene. Dabei geht es nicht um Verzicht, sondern um Vernunft. Die Unmengen von Plastikmüll und die vielen Lebensmittel, die wir wegschmeißen. Das sein zu lassen, hat nichts mit Verzicht zu tun. Was wir da machen, ist einfach nur dumm. Wir müssen die Verschwendung stoppen und in eine Kreislaufwirtschaft eintreten.

Frage: Die Chancen auf so ein Gemeinschaftsprojekt stehen gefühlt nicht gut. 

Antwort: Kurz nach dem Ende des Kalten Krieges hätte ich mir noch vorstellen können, dass das klappt. Da müssen wir wieder hinkommen, sonst wird das nichts. Wir müssen und können es aber schaffen, dass alle Länder vom Klimaschutz profitieren. Dafür braucht es Geschäftsmodelle von denen nicht nur beide Seiten, sondern auch die Umwelt profitiert. Zudem braucht es globale Regeln, denn wenn diese nicht überall gelten, wird es immer jemand geben, der nicht mitmacht.

Frage: Laut Umweltbundesamt gibt allein Deutschland jedes Jahr 65 Milliarden Euro für klimaschädliche Subventionen aus.

Antwort: Das sorgt dafür, dass sich Umweltzerstörung lohnt und das darf nicht sein. Wenn ich König der Welt wäre, würde ich sofort alle klima- und umweltschädlichen Subventionen abschaffen. Kohle, Öl und Erdgas werden alle subventioniert. Wenn das wegfiele, hätten die erneuerbaren Energien es viel einfacher. Und dann müsste man die Leute auch nicht zu ihrem Glück zwingen. Strom wird zum Beispiel immer teurer, obwohl immer mehr erneuerbare Energien hinzukommen. Das versteht neimand. Da muss der Staat eingreifen.

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