Brauner Sumpf  Das Neonazi-Konzert in der Krummhörn und seine Geschichte

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 04.08.2023 13:52 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
In Themar in Thüringen gab es 2019 ein Rechtsrock-Konzert. Der Sanitätsdienst, der für das Konzert an diesem Sonnabend in der Krummhörn angeheuert wurde, war auch dort aktiv. Symbolbild: DPA
In Themar in Thüringen gab es 2019 ein Rechtsrock-Konzert. Der Sanitätsdienst, der für das Konzert an diesem Sonnabend in der Krummhörn angeheuert wurde, war auch dort aktiv. Symbolbild: DPA
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Bereits 2022 fand ein rechtsgerichtetes Konzert in der Krummhörn statt. Im Gegensatz zur Neuauflage lief dies weitestgehend ohne öffentliche Beachtung ab. Was im Nachgang bekannt wurde.

Krummhörn/Ostfriesland - Der eine hat vor einigen Jahren versucht, feste Neonazi-Strukturen in Ostfriesland zu etablieren. Der andere ist ein sogenannter Hammerskin, spielte Schlagzeug in rechtsradikalen Bands und kommt eigentlich aus Potsdam. So lassen sich die beiden Organisatoren des Konzerts „Live in der Krummhörn 2“ grob umschreiben. Das nun viel diskutierte Konzert hat aber auch weitere Namen und Verstrickungen rund um Neonazis zutage gefördert. Was sagt das über rechtsextreme Strukturen in der Region aus?

Was und warum

Darum geht es: Das vergangene Jahr war eine Art Generalprobe für das diesjährige Konzert „Live in der Krummhörn 2“. Die rechten Akteure im Hintergrund sind die gleichen.

Vor allem interessant für: diejenigen, die wissen wollen, wie die rechtsmusikalischen Umtriebe in der Krummhörn ihren Anfang genommen haben.

Deshalb berichten wir: Wir wollten wissen, was genau im vergangenen Jahr beim „Gehasst, verdammt, vergöttert“-Konzert passiert ist.

Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de

Auffällig ist, dass die beiden Organisatoren nicht nur die aus Neonazis bestehende Onkelz-Coverband „Gehasst, verdammt, vergöttert“ erneut in die Krummhörn holen wollten. Auch die beauftragten Sanitäts- und Ordnungsdienste zeigen, dass sowohl „der eine“ als auch „der andere“ noch offensichtliche Verbindungen in die rechtsextreme Szene haben. Diese Zeitung hat sich auf Spurensuche begeben – und mit Polizei und Verfassungsschutz über das Thema gesprochen.

Hitlergrüße beim ersten Konzert

Die Geschichte des nun diskutierten Konzertes beginnt im vergangenen Jahr. Am 6. August 2022 trat „Gehasst, verdammt, vergöttert“ bereits in der Halle des Lohnunternehmens Voß in Canum auf. Groß beworben wurde das Konzert nicht. Auch wurde der genaue Veranstaltungsort lange geheim gehalten. Dieser stehe auf den Karten zu dem Konzertabend, auf dem auch eine Metallica-Coverband auftrat, hieß es unter anderem auf Facebook. Geordert werden konnten die Karten per E-Mail, Restkarten gab es dann, das belegen entsprechende Facebook-Beiträge, im Büro des Lohnunternehmens.

Der Konzertabend lief weitestgehend unter dem Radar selbst von Szenebeobachtern. Videomaterial, welches der Redaktion vorliegt, gibt einen Eindruck wieder. Beim Auftritt von „Gehasst, verdammt, vergöttert“ ist auf dem Video, welches von der Band selbst verbreitet wurde, das Publikum zu sehen. Mittendrin ein Mann, der mehrfach eindeutig den Hitlergruß zeigt. Hochgereckte rechte Arme sind auf dem Video mehrfach zu sehen, aber die meisten ließen sich noch mit „zufälligen Tanzbewegungen“ erklären. Die Bewegungen des Mannes nicht. Mehrfach geht die Hand von der linken Brust ausgehend steil nach oben, oft mit ausgetreckter Handfläche, manchmal schnell noch zur Faust gemacht. Dazu grölt der Sänger von „Gehasst, verdammt, vergöttert“ das Onkelz-Lied „Auf gute Freunde“. Anstoß an den mehrfachen Hitlergrüßen nimmt niemand.

Neonazi-Sanitätsdienst wieder vor Ort

Die Erstauflage von „Live in der Krummhörn“ zählte ungefähr 200 Gäste, sofern man dies von existierendem Foto- und Videomaterial ableiten kann. Schon 2022 war als Sanitätsdienst der „Nordland Sanitätsdienst“ eingesetzt. Um 2017 in Nordenham gegründet, hat dieser von Neonazis gegründete Dienst „in der Vergangenheit einzelne rechtsextremistische Szeneveranstaltungen unterstützt“. So beschreibt es der Verfassungsschutz Niedersachsen auf Nachfrage dieser Zeitung. Darunter, so ist es der Facebook-Seite des Sanitätsdienstes zu entnehmen: ein Nazi-Aufmarsch in Hamburg 2020 und die „Tage der Nationalen Bewegung“ 2019 in Themar in Thüringen.

Schon im vergangenen Jahr schrieb der Sanitätsdienst zum Konzert in der Krummhörn: „Wir freuen uns auch schon auf nächstes Jahr, denn da sind wir wieder für euch vor Ort.“ Offenbar war also schon hier eine Fortsetzung geplant. Auch die Band „Gehasst, verdammt, vergöttert“ postete im Nachgang der Erstauflage, dass man im nächsten Jahr gerne wiederkomme. Wie damals angekündigt, ist der Sanitätsdienst auch dieses Jahr wieder angemeldet. Als Verantwortlicher ist für dieses Jahr ein bekannter Neonazi aus Wilhelmshaven angegeben. Genau wie der Verantwortliche für den Sicherheitsdienst, ein Neonazi aus dem Kreis Wolfenbüttel, war der Wilhelmshavener bereits im letzten Jahr engagiert.

Erste Bewerbung schon im Januar

Die zweite Auflage wurde zunächst ebenfalls beworben, ohne dass davon viel mitzubekommen war. Ein Facebook-Nutzer – ebenfalls Neonazi aus der Region, aber nicht offiziell zum Orgakreis gehörend – bewarb „Live in der Krummhörn 2“ erstmals am 20. Januar den erneuten Auftritt von „Gehasst, verdammt, vergöttert“. Bis auf Band, Datum (5. August) und Ort (Krummhörn) enthielt der Beitrag in der Facebook-Gruppe „Onkelz Freunde Ostfriesland“ aber keine Infos. Ob die Bewerbung zufällig am für Neonazis bedeutsamen 20. Januar (1942 fand an diesem Tag die Wannsee-Konferenz statt) veröffentlicht wurde?

Die Band „Gehasst, verdammt, vergöttert“, deren Facebook-Seite aktuell nicht mehr erreichbar ist, kündigte mindestens bereits am 1. Mai ihren Auftritt an. Offiziell bei der Gemeinde Krummhörn angemeldet wurde der Konzertabend dann um den 22. Juni herum. Die Diskussion um die Veranstaltung nahm dann rund einen Monat später Fahrt auf, nachdem eine Exif-Recherche aus dem Jahr 2018 zu den Hintergründen von „Gehasst, verdammt, vergöttert“ die Runde machte.

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