Frachter in Eemshaven  „Das sieht man nicht jeden Tag“

Martin Alberts
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Von Martin Alberts
| 03.08.2023 17:48 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Fast geschafft: Die Einfahrt der „Fremantle Highway“ in den Eemshaven verfolgen am Donnerstag zahlreiche Menschen. Fotos: Alberts
Fast geschafft: Die Einfahrt der „Fremantle Highway“ in den Eemshaven verfolgen am Donnerstag zahlreiche Menschen. Fotos: Alberts
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Nach einer Woche auf der Nordsee hat der ausgebrannte Frachter „Fremantle Highway“ Eemshaven erreicht. Zahlreiche Schaulustige befolgten das Schauspiel auf dem Deich – und auch wir waren mit dabei.

Eemshaven - „Das sieht man nicht jeden Tag“, sagt Henk Kremer und blickt auf den knapp 200 Meter langen Pott, der sich vor seinen Augen langsam aber sicher in den Hafen schiebt. Der Niederländer ist nur einer von Hunderten Schaulustigen, die am Donnerstagmittag auf dem Deich in Eemshaven stehen. Sie alle wollen miterleben, wie die dramatische Reise der „Fremantle Highway“ zumindest ein vorläufiges Ende findet. Zunächst ist der Autofrachter, auf dem gut eine Woche zuvor vor der niederländischen Wattenmeerinsel Ameland ein Feuer ausgebrochen war, nur in der Ferne zu sehen. Schlepper ziehen das Schiff an Borkum vorbei in Richtung Eemshaven, das die niederländischen Behörden in der Nacht zuvor als Ziel auserkoren hatten.

Projekt „Zukunft Nordsee“

Dieser Beitrag ist Teil des Projekts „Zukunft Nordsee“ von Ostfriesen-Zeitung, General-Anzeiger, Borkumer Zeitung, Nordsee-Zeitung, Kreiszeitung Wesermarsch und Deutscher Presse-Agentur (DPA). In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen, die für die gesamte Küstenregion relevant sind – zum Beispiel mit dem Klimawandel, erneuerbaren Energien, der Entwicklung der Wirtschaft und dem Tourismus. Weitere Beiträge dazu finden Sie hier.

Der Brand war am 24. Juli um kurz vor Mitternacht ausgebrochen – vermutlich an einem der knapp 500 Elektroautos, auch wenn das bisher nicht offiziell bestätigt ist. Ein Besatzungsmitglied starb während der Evakuierung des Schiffs, die übrigen 22 Personen an Bord wurden verletzt. Anschließend gestalteten sich die Löscharbeiten schwierig: Laut niederländischer Küstenwache sollte nicht zu viel Wasser ins Innere des Frachters gelangen, da ansonsten das Risiko gestiegen wäre, dass es kentern könnte. Inzwischen gibt es nach Angaben der Wasserbehörde Rijkswaterstaat jedoch keine Hinweise mehr darauf, dass es an Bord noch brennt – was auch als Voraussetzung dafür galt, das Schiff in einen Hafen schleppen zu können.

Spuren des Feuers sind am Schiff deutlich zu sehen

Mit der Sorge, der Wind könnte die „Fremantle Highway“ in den kommenden Tagen in Richtung Küste treiben, drängte Peter Berdowski, Chef des zuständigen Bergungsunternehmens Boskalis, in einem Fernsehinterview am Dienstagabend auf eine schnelle Verlegung des Schiffs in einen Hafen. Nur gut einen Tag später, am frühen Donnerstagmorgen, machte sich der Frachter auf seine Reise.

Fachsimpeln auf dem Deich: So manchen selbst ernannten Schiffsexperten zog es nach Eemshaven.
Fachsimpeln auf dem Deich: So manchen selbst ernannten Schiffsexperten zog es nach Eemshaven.

Je näher die „Fremantle Highway“ nun Eemshaven kommt, desto deutlicher sind die enormen Schäden am Frachter zu sehen, der mit bedrohlich wirkender Schieflage im Wasser hängt. Große Teile der Außenhülle haben sichtbar unter den an Bord wütenden Flammen gelitten und erscheinen nun rotbraun. Man könne deutlich sehen, wo es gebrannt hat, meint Aart Kreeft. Gemeinsam mit einem anderen Mann steht der Niederländer auf dem Deich und fachsimpelt. Für Schiffe habe er sich schon immer interessiert, sagt er – er sei sogar auf einem Hausboot geboren worden. Jetzt lebe er in Appingedam und sei mit dem „fiets“ hergefahren – immerhin rund 20 Kilometer –, sagt Kreeft und zeigt auf ein Klappfahrrad, das neben ihm steht.

„Fremantle Highway“ lockt viele Schaulustige in den Hafen

Eine deutlich weitere Anreise hatte Gunnar Merker aus Magdeburg. Er verbringe gerade mit der Familie den Urlaub in Ostfriesland, sagt er und wirft durch die Kamera einen Blick auf die „Fremantle Highway“. Sie alle haben es sich auf dem Deich bequem gemacht, die Kinder sitzen mit einem Fernglas in den Händen vor ihm. Als es um die Tagesplanung gegangen sei, habe sich der Familie die Frage gestellt: Fährt sie an die ostfriesische Küste oder auf die niederländische Seite der Emsmündung? Den Ausschlag habe schließlich nicht nur der havarierte Frachter gegeben, der in Eemshaven erwartet wird, sagt Merker: „Hier sollte auch die Sonne scheinen.“

„Das muss man gesehen haben“ – das dürften sich am Donnerstag viele der Menschen am Deich in Eemshaven gedacht haben.
„Das muss man gesehen haben“ – das dürften sich am Donnerstag viele der Menschen am Deich in Eemshaven gedacht haben.

Und der Wetterbericht behält recht: In Eemshaven strahlt die Sonne, während der sich langsam nähernde Frachter immer mehr Menschen anzieht. Fotografen und Fernsehteams von deutschen und niederländischen Medien richten ihre Kameras auf das Schiff aus. Auch einige Mitarbeiter aus dem Hafen wollen sich den Anblick nicht entgehen lassen. Auch wenn große Schiffe für sie nichts Besonderes sein dürften – die „Fremantle Highway“ ist es offensichtlich doch. Kurz nach Mittag, als die Schlepper den Frachter direkt an den Schaulustigen vorbeiziehen, säumen Autos auf beiden Seiten die Straße am Deich.

Welches ist das nächste Ziel für den ausgebrannten Frachter?

„Das muss man mal gesehen haben“ – dieser Gedanke mag viele nach Eemshaven gezogen haben. Aber nicht so Henk Kremer: Wenn er erzählt, wird deutlich, dass er sich in den vergangenen Tagen mit dem beschäftigt, was auf dem Autofrachter geschehen ist. 3800 Fahrzeuge seien insgesamt an Bord, sagt er – und einige Hundert davon wohl noch relativ gut intakt. Für die Verantwortlichen wird es eine der ersten wichtigen Aufgaben sein, die Autos von Bord zu holen, wenn die „Fremantle Highway“ sicher im Hafen liegt.

Gegen 14.30 Uhr meldet die niederländische Küstenwache schließlich: Das Schiff ist in Eemshaven angekommen. Was letztendlich mit dem stählernen Koloss passiert, ist zu diesem Zeitpunkt noch unklar. Kremer allerdings glaubt, dass die „Fremantle Highway“ schon bald ihren Weg ins Ausland finden dürfte, um dort abgewrackt zu werden. „Nach Bangladesch vielleicht, oder nach Indien“, sagt er. „Oder in die Türkei, das wäre auch möglich.“

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