Rechtes Konzert Gehasst, verdammt, verkalkuliert in der Krummhörn
Das von Mitgliedern der rechten Szene organisierte Konzert „Live in der Krummhörn 2“ steht unter keinem guten Stern. Jetzt hat eine weitere Band abgesagt – und vielleicht droht eine Klage.
Krummhörn - Das läuft wahrscheinlich nicht so, wie es sich die Veranstalter von „Live aus der Krummhörn 2“ gedacht haben. Erst wird bekannt, dass nicht nur die geplante Hauptband „Gehasst, verdammt, vergöttert“ Verbindungen in die Neonazi-Szene hat, sondern auch die Veranstalter. Dann musste die beim Freiwild-Label „Rookies & Kings“ unter Vertrag stehende Band „Ernstfall“ ersetzt werden. Dann wurde die Hauptband, angeblich, durch eine andere Band ersetzt – und nun gibt es die nächste Bandabsage und Probleme mit dem Urheberrecht.
Was und warum
Darum geht es: Rechte versuchen, am Wochenende ein Konzert in der Krummhörn zu veranstalten. Doch vom ursprünglichen Plan ist fast nichts mehr übrig.
Vor allem interessant für: diejenigen, die sich für rechte Umtriebe in der Krummhörn interessieren; diejenigen, die die Diskussion um das angekündigte Konzert verfolgen.
Deshalb berichten wir: Es gibt weitere Entwicklungen rund um das Konzert. Nun hat eine Band abgesagt. Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de
Die Erstauflage des Konzertes im vergangenen Jahr lief noch unter dem Radar der Öffentlichkeit. Dieses Jahr wurde stärker geworben. Mit einer Gegenwehr, wie sie sich jetzt formiert, haben die Veranstalter wohl nicht gerechnet. Aber auch wohl nicht damit, dass geladene Bands von sich aus absagen. Am Donnerstagabend meldete sich die dritte angekündigte Band „Goethes Jungs“ bei Facebook zu Wort. Man müsse den Gig im „hohen Norden“ (die Band gibt Greetsiel als Spielort an) „leider offiziell und sehr kurzfristig absagen“.
„Goethes Jungs“ sind sich nicht sicher
Zu den Hintergründen erklärt die Band, dass sie mehrfach angesprochen worden seien und ihnen die „Vorwürfe“ gegen „Gehasst. verdammt, vergöttert“ zugetragen wurden. Im Vorfeld und bei der Buchung habe es keinen Grund gegeben, die Veranstaltung zu hinterfragen. „Die Vorwürfe besagen, dass einige Mitglieder der besagten Band noch aktive Mitglieder in der rechten Szene sind und noch immer in eindeutig dem Rechtsrock zugeordneten Bands spielen. Zudem stehen Vorwürfe im Raum, dass der Sicherheitsdienst, wie auch der Sanitätsdienst ebenfalls Kontakte zum rechten Milieu haben sollen“, heißt es dazu unter anderem. Goethes Jungs hätten dann selbst recherchiert. „Zu unserem Leidwesen konnten wir die im Raum stehenden rechtsextremistischen Vorwürfe, die rund um die Veranstaltung und besagte Band kursieren, nicht zweifelsfrei entkräften. Allerdings können wir aber auch nicht mit Sicherheit sagen, welche Vorwürfe nun wirklich stimmen oder nicht und welche Aussagen und Tatsachen wirklich noch aktuell sind oder nicht. Was für uns bleibt, das ist das große Zweifeln und viele Fragen und Unklarheiten.“
Auch die Grünen aus dem Auricher Kreistag haben sich jetzt in einer Pressemitteilung zum geplanten Konzert geäußert. Ein Bündnis aus „Aurich zeigt Gesicht“, Grünem Kreisverband, Grüner Kreistagsfraktion und „Omas gegen Rechts“ verurteilt laut Mitteilung "aufs entschiedenste, dass der Lohnunternehmer Voß aus Coldewehr sein Firmengrundstück für ein Konzert mit eindeutig der rechtsextremen Szene zuzuordnenden Bands zur Verfügung stellt." Man fordert den Lohnunternehmer auf, den Veranstaltern die Genehmigung zur Nutzung der Halle zu entziehen. "Rechtsextreme Gesinnung und deren Musik darf im Landkreis Aurich kein Raum gegeben werden." Ferner heißt es: "Wir unterstützen daher auch ausdrücklich die Gruppe Partnerschaft für Demokratie Landkreis Aurich, klar Gesicht und Zivilcourage für eine offene Gesellschaft und gegen Rechts zu zeigen." Eine Gruppe aus dem Umfeld der Partnerschaft für Demokratie will am Samstag ein Zeichen gegen das Konzert setzen.
Besagte Gruppe hält, trotz der Entwicklungen rund um das Konzert, an ihrer Mahnwache am Samstag fest. Diese soll, anders als ursprünglich angekündigt, aber nicht auf einem Parkplatz im Pewsumer Gewerbegebiet starten. Neuer Treffpunkt ist die „Bushaltestelle Canum“ zwischen Autohaus und Gewerbegebiet an der Ecke Canumer Straße und Emder Landstraße. Beginn der Mahnwache, die bei den Behörden angemeldet ist, ist 18.15 Uhr. Das Ende soll gegen 19 Uhr sein.Gegenwind aus Richtung Kreistag
Neuer Ort für Mahnwache
Goethes Jungs betonen, dass sie selbst unpolitisch seien. „Die Band Goethes Jungs distanziert sich ausdrücklich von jeglicher Art und Form des Extremismus und/oder jeglicher Politisierung. Zudem haben wir keine politische Ausrichtung, keine politischen Ziele und auch keine politischen Texte.“ In diesem Jahr spielten Goethes Jungs unter anderem schon im Vorprogramm der Band „Weimar“, von denen mindestens zwei Mitglieder eine rechtsextreme Vergangenheit haben.
Organisatoren klauen Logo aus dem Netz
Von den ursprünglich angekündigten Bands ist seit Montag also nichts übriggeblieben. Oder? Statt „Gehasst, verdammt, vergöttert“ habe man eine „alternative Onkelz-Coverband“ gefunden und engagiert, hieß es am Montag. Diese Alternative ist offenbar so neu, dass sie kein Logo hat. Denn das Logo, was zumindest online auf die Veranstaltungsplakate montiert wurde, ist aus dem Netz geklaut. Und die eigentlichen Urheber sind davon alles andere als begeistert.
Tatsächlich gehört das Logo, welches einen Totenkopf vor gekreuzten Gitarren und einem Schlagzeug zeigt, zu einem Festival in Hessen. „Wir unterstützen diese Art von Konzert nicht“, heißt es auf Nachfrage seitens des Festivals. Man sei „empört“, dass das eigene Logo einfach aus dem Internet heruntergeladen und so zweckentfremdet wurde. Schon vor der Nachfrage dieser Zeitung wurden die hessischen Festivalorganisatoren auf das geklaute Logo aufmerksam gemacht. Man erwäge rechtliche Schritte, heißt es.
Facebookseite verschwunden, Konzert ab 18
Zuvor hatte die Gemeinde Krummhörn die Werbung für die Veranstaltung eingeschränkt. Die Band „Gehasst, verdammt, vergöttert“ dürfe nicht mehr beworben werden. Einzelne Plakate, die in der Gemeinde zu finden sind, wurden überklebt. Die Plakate am Veranstaltungsort zeigen weiterhin das Logo der Band. Szenekenner schließen weiterhin nicht aus, dass hinter der angekündigten „Alternative“, zu der nichts im Netz zu finden ist, weiterhin „Gehasst, verdammt, vergöttert“ steckt. Die Band hatte zwar die Absage auf ihrer Facebookseite bestätigt, aber Zweifel bleiben. Seit Mittwochabend ist diese Seite allerdings verschwunden. Warum und ob dies dauerhaft der Fall sein wird, ist unbekannt.
Aber auch der Landkreis Aurich hat Auflagen für die Veranstaltung ausgesprochen. Neben den üblichen Auflagen zu Brandschutz und Sicherheit, wurde der Veranstaltung eine Altersbegrenzung auferlegt. Zutritt haben nur Volljährige, an Menschen unter 18 Jahren dürfen keine Karten verkauft werden.
Es bleibt ein Petry-Double
Ob unter diesen Bedingungen das Konzert überhaupt stattfinden wird? Bisher haben sich weder die Veranstalter noch das Lohnunternehmen Voß aus Canum, auf dessen Gelände das Konzert stattfinden soll, geäußert. Geblieben ist von den ursprünglich angekündigten drei Bands offiziell keine einzige. Nur der Ersatz für „Ernstfall“ bleibt noch: ein Wolfgang-Petry-Double.
Grundsätzlich scheinen sich die Organisatoren aber auch bei dieser Neubesetzung treu geblieben zu sein. Das angekündigte Wolfgang-Petry-Double teilt auf seiner Facebook-Seite zumindest fleißig die AfD, Verschwörungsideologien rund um Corona und Beiträge gegen die Grünen.
Zunehmende Aufmerksamkeit
Das Konzert erreicht derweil immer mehr Aufmerksamkeit. Allerdings wiederum wohl nicht die, die sich die Veranstalter erhofft haben. Immer mehr Menschen in den Sozialen Netzwerken teilen den Aufruf zur Mahnwache (Achtung, neuer Ort, siehe Hinweis). Darunter sind Aurichs Landrat Olaf meinen, Krummhörns ehemaliger Bürgermeister Frank Baumann oder der CSD in Aurich.
Die Aufmerksamkeit erstreckt sich aber auch über die Region hinaus. So hat das Portal „Keine Bühne für Nationalist*innen“ am Donnerstag einen offenen Brief an das Lohnunternehmen Voß verfasst. „Keine Bühne Für Nationalist*innen“ ist laut eigener Auskunft „ein überregionales Künstler*innen-Kollektiv, welches über rechtsoffene Tendenzen in Subkultur und Musikszene aufklären möchte“. Es steht unter anderem für eine „vielfältige, diskriminierungsfreie und anti-faschistisch geprägte Kulturlandschaft“ ein. Im offenen Brief werden die bisherigen Informationen rund um die neonazistischen Strukturen zusammengefasst. Der Brief endet mit der Aufforderung, „die Konzertveranstaltung auf Ihrem Firmengelände endgültig zu untersagen und die bisherigen problematischen Entwicklungen mit Hilfe fachkundiger Expertise im Bereich Rechtsrock und Neonazismus aufzuarbeiten.“
Sowohl die Juniorchefin des Unternehmens als auch das Unternehmen selbst haben am späten Donnerstagabend ihre Einträge bei Facebook gelöscht, in denen sie das Konzert verteidigen. Diese standen dort seit Montag. Mit StandFreitag findet das Konzert aber weiterhin statt. Die abschließende Begehung des Veranstaltungsortes habe laut Landkreis „aus Sicht des Brandschutzes keine Gründe“ hervorgebracht, „die der Durchführung der Veranstaltung entgegenstehen“.