„Fremantle Highway“ Was passierte in der Unglücksnacht auf dem Autofrachter?
Ein Mann ist während des Feuers auf der „Fremantle Highway“ vor Ameland gestorben. Mehrere Crewmitglieder sprangen von Bord. Anhand des Funkverkehrs lässt sich die dramatische Rettungsaktion nachzeichnen.
Ameland - Es ist Dienstag, der 25. Juli, als um kurz vor Mitternacht der Notruf bei der niederländischen Küstenwache eingeht: Auf dem Autofrachter „Fremantle Highway“ ist ein Brand ausgebrochen. Das Schiff, das beladen mit rund 3800 Fahrzeugen auf dem Weg von Bremerhaven nach Singapur ist, liegt zu diesem Zeitpunkt etwa 27 Kilometer vor der niederländischen Wattenmeerinsel Ameland, wie die Helfer später mitteilen. Einige Stunden später ist eines der Besatzungsmitglieder tot, einige weitere sind verletzt. Was in diesen Stunden geschah, dokumentiert der Funkverkehr aus der Unglücksnacht, der später online veröffentlicht wird. Die Zeitung „Leeuwarder Courant“ hat auf Basis der Funksprüche sowie von Augenzeugenberichten die Geschehnisse rekonstruiert, aber auch Berichte der Küstenwache geben Aufschluss darüber, was passierte.
Wäre Emden auf den brennenden Autofrachter vorbereitet?
Die meisten Überlebenden haben Klinik verlassen
So erlebten die Retter die Unglücksnacht
Deutscher war an Bord der „Fremantle Highway“
An Bord des Schiffs sind 23 Personen, als das Feuer ausbricht: 21 Crewmitglieder aus Indien, ein Lotse sowie ein Superintendent, der etwa für Sicherheitsüberprüfungen zuständig ist. Das bestätigt einige Tage später auch die japanische Reederei Kawasaki Kisen Kaisha (K Line), welche die „Fremantle Highway“ gechartert hat, in einem Schreiben. Bei dem Superintendenten soll es sich laut niederländischen Medien um einen deutschen Staatsbürger handeln, bei dem Lotsen um einen Niederländer.
Ein Mann ist nach Ausbruch des Feuers von den anderen abgeschnitten
Während sich das Feuer an Bord ausbreitet, befinden sich 22 Besatzungsmitglieder auf der Brücke am Bug des Schiffs, ein weiteres im Maschinenraum – am anderen Ende des knapp 200 Meter langen Frachters. So ist es auch in Ausschnitten des Funkverkehrs zu hören, die der Sender RTL nach dem Unglück im Internet veröffentlicht. Es ist etwa 1.30 Uhr: Für das indische Besatzungsmitglied im Maschinenraum gibt es keine Möglichkeit, zu den anderen zu stoßen, wie der „Leeuwarder Courant“ berichtet. Die einzige Chance scheint ein Sprung in die Fluten der Nordsee zu sein. Der Mann stürzt sich in spezieller Rettungskleidung aus zehn bis 15 Metern Höhe in das Wasser und wird am Heck der „Fremantle Highway“ von einem der alarmierten Schiffe aufgenommen – „gesund“, wie es heißt.
Die 22 übrigen Crewmitglieder versammeln sich derweil auf dem Vordeck des brennenden Frachters. Der Weg zu den Rettungsbooten sei abgeschnitten, heißt es über Funk. Der Kapitän bittet laut „Leeuwarder Courant“ um einen Hubschrauber, um die Seeleute von Bord zu holen und in Sicherheit zu bringen. Gegen 2.15 Uhr erfährt er jedoch, dass es noch eine dreiviertel Stunde dauern könne, bis der erste Helikopter eintrifft. Gegen 0.30 Uhr waren zwei Hubschrauber der Küstenwache in Den Helder an der Ijsselmeer-Mündung sowie in Midden-Zeeland ganz im Südwesten der Niederlande gestartet. Sie mussten laut dem üblichen Prozedere in Rotterdam zwischenlanden, um spezielle Feuerwehreinheiten aufzunehmen, wie die Küstenwache später mitteilt. Die Feuerwehrleute wurden jedoch in Den Helder wieder abgesetzt, als deutlich wurde, dass die „Fremantle Highway“ evakuiert werden muss.
„Die waren echt in Not, sonst springt man nicht einfach so tief.“
Das Feuer an Bord breitet sich immer weiter aus. Ein Flugzeug macht Aufnahmen mit einer Wärmebildkamera, welche die Küstenwache später veröffentlicht. Über Funk heißt es auf Englisch: „Alle Decks sind rot.“ Aufgrund der langen Wartezeit steht der Entschluss bald fest: Auch die übrigen Crewmitglieder sollen von Bord springen – allerdings nicht aus rund zehn Metern, wie der Mann aus dem Maschinenraum, sondern vom Oberdeck, aus mehr als 20 Metern Höhe. Verantwortlich für diese Entscheidung sei der Kapitän des Frachters gewesen, sagt ein Sprecher der Küstenwache später dem „Leeuwarder Courant“.
Die Besatzungsmitglieder ziehen Überlebensanzüge an, Rettungsboote platzieren sich am Bug des Frachters, um sie schnellstmöglich aufzunehmen. Dann wagen die ersten den Sprung in die Nordsee. „Einer nach dem anderen sprang“, sagt Kapitän Willard Molenaar vom Amelander Rettungsboot, das als erstes an der Unglücksstelle war, später dem Radiosender NOS. „Die waren echt in Not, sonst springt man nicht einfach so tief.“ Als vier von Bord gegangen sind, melden die Helfer auf den Booten, dass die Crewmitglieder verletzt seien. Einige hätten beim Sprung das Schiff berührt, sie würden Blut spucken, die Rede ist auch von Bewusstseins- und Atemproblemen. Nachdem das sechste Besatzungsmitglied gesprungen ist, kommt von der Küstenwache über Funk der Befehl, mit dem Springen aufzuhören.
Helfer versuchen auf Rettungsboot, das Leben eines Crewmitglieds retten
16 Besatzungsmitglieder befinden sich noch an Deck der brennenden „Fremantle Highway“, als gegen 3.30 Uhr der Hubschrauber kommt, um sie von Bord zu holen. Doch vorher muss der Helikopter den mitfliegenden Arzt auf einem der Rettungsboote absetzen. Dort wird zu diesem Zeitpunkt eines der Besatzungsmitglieder, das gesprungen war, reanimiert. Erst dann kann der Rest der Crew unverletzt vom Frachter gerettet werden.
Projekt „Zukunft Nordsee“
Dieser Beitrag ist Teil des Projekts „Zukunft Nordsee“ von Ostfriesen-Zeitung, General-Anzeiger, Borkumer Zeitung, Nordsee-Zeitung, Kreiszeitung Wesermarsch und Deutscher Presse-Agentur (DPA). In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen, die für die gesamte Küstenregion relevant sind – zum Beispiel mit dem Klimawandel, erneuerbaren Energien, der Entwicklung der Wirtschaft und dem Tourismus. Weitere Beiträge dazu finden Sie hier.
Gegen 4.45 Uhr sind alle Mann von Bord, doch auf dem Rettungsboot stoppen die Helfer die Wiederbelebung des Besatzungsmitglieds, wie der „Leeuwarder Courant“ berichtet. Trotz aller Maßnahmen überlebt das Crewmitglied nicht. „All unsere Gedanken und unser Mitgefühl gehen in dieser tragischen Zeit an die Familie“, schreibt K Line am Wochenende nach dem Unglück. Zur Todesursache teilt die Reederei am Montag der niederländischen Nachrichtenagentur ANP laut einem Bericht von NOS mit, dass das Crewmitglied infolge des Rauchs gestorben sei, der vom brennenden Frachter aufgestiegen sei.
Die Verletzten werden vom Hafen in Lauwersoog aus mit Rettungswagen in Kliniken gebracht. Die mit den Hubschraubern von Bord geholten Menschen werden zum Flughafen Groningen-Eelde gebracht, teilt die Küstenwache nach der dramatischen Unglücksnacht auf der Nordsee mit. Am Montag heißt es von K Line dann, dass die meisten der Überlebenden das Krankenhaus wieder verlassen hätten. Wie viele genau auch fünf Tage nach Ausbruch des Feuers noch in Kliniken behandelt werden müssen, ist unklar.
Mit Material von DPA