Herzlose Aktionen in Ostfriesland Anhänglicher Welpe ausgesetzt – dramatische Lage in Tierheimen
Ein Welpe streift durchs Industriegebiet, ein Hund wird an der Bushaltestelle angebunden, der nächste mit dem Grünschnitt abgeladen. Was ist denn da los?
Stapelmoor/Ostfriesland - Immer auf den Fersen, fast so wie ein Kaugummi unter dem Schuh. So beschreibt Iris Holzapfel den jungen Pinschermischling, der ausgesetzt worden ist. Sie leitet das Tierheim in Stapelmoor und nannte den kleinen Hund „Wrigley“ wie die Kaugummi-Marke. Er durfte bei seinen Besitzern nur wenige Monate bleiben, bevor sie ihn ausgesetzt haben. „Vermutlich weil unterschätzt wurde, dass es anstrengend ist, einen solchen Hund zu erziehen“, sagt Holzapfel. In Papenburg in einem Industriegebiet sei der Welpe aufgefunden worden. Neben ihm lebt zusätzlich Jack-Russel Tobi bei der Tierschützerin, auch er wurde gefunden. Im Tierheim war für die beiden auf die Schnelle kein Platz mehr.
Was und warum
Darum geht es: In den Ferien scheinen Haustiere lästig zu werden: Mehrere Tiere wurden ausgesetzt. Die Katzenschwemme kommt noch dazu. In den Tierheimen ist die Lage sehr ernst.
Vor allem interessant für: Tierfreunde
Deshalb berichten wir: Es wurden Hunde in der Region ausgesetzt. Wir haben nachgehakt. Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de
„Ob es die Ferienzeit ist oder andere Gründe dahinter stecken, lässt sich für uns oft nur schwer nachvollziehen“, sagt Holzapfel. Sie höre allerdings immer wieder von einer Sache, die in der Urlaubszeit passiere, zuletzt Ende vergangener Woche: „Die Pensionen sind voll. Dann fährt man einfach trotzdem in den Urlaub. Vier Tage lang ließ die Familie den Hund allein daheim. Futter und Wasser habe er ja. Manche sehen einfach nicht das Lebewesen, sondern ein Objekt, das man behandelt, als könne man es ein- und ausschalten“, sagt sie.
Bei einer Bushaltestelle angebunden
Nicht nur Tobi und Wrigley hat es getroffen. Ein American Staffordshire Terrier Rüde ist am vergangenen Sonntag in der Neuen Straße in Südbrookmerland gefunden worden. Er war an der Bushaltestelle angebunden, musste narkotisiert werden und kam dann ins Tierheim nach Aurich.
„Dexter hat sich prima entwickelt, jetzt schon. Wir müssen nun neues Vertrauen mit ihm aufbauen“, erklärt Tierheimleiterin Andrea Kerzel. Der Hund sei gechippt, es sei aber nichts weiter hinterlegt. „Er war nie versichert, es wurden keine Steuern gezahlt.“ Man suche derzeit nach Informationen zu ihm.
Grünschnitt abgeladen – Hund auch?
In der vergangenen Woche passierte noch etwas: Am Mittwoch wurde ein Mann dabei gesehen, wie er Grünschnitt ablud und zusätzlich dabei eine Jack-Russel-Hündin zurückließ. Zunächst hieß es, das sei in Rhauderfehn passiert, später wurde das korrigiert und von Leer gesprochen. Der Hund kam ins Tierheim Jübberde. Auf Nachfrage heißt es von der Gemeinde Rhauderfehn, dass die Lage derzeit sehr unklar sei und nicht feststehe, ob es sich um einen ausgesetzten Hund handele, oder ob er entlaufen sei.
„Das ist auch manchmal nicht so offensichtlich“, sagt Iris Holzapfel. Kürzlich sei zum Beispiel ein Hund an der Autobahn in Jemgum aufgegriffen worden. „An der Autobahn werden leider oft Hunde ausgesetzt, weil man unentdeckt wegfahren kann.“ Aber so sei es nicht gewesen. „Der Hund ist tatsächlich in Leer entlaufen. Hat sich auf den Weg über die Autobahn gemacht, ist durch den Tunnel gelaufen und hat dann die Abfahrt in Jemgum genommen“, sagt sie. Zum Glück sei er später am Abend unterwegs gewesen bei weniger Verkehr und unbeschadet angekommen. „Die Besitzer haben ihn auch intensiv gesucht, aber eben in Leer.“ Die Geschichte hatte ein Happy End, „auch wenn es nach einem ausgesetzten Hund ausgesehen hat“.
Hunde werden einfach über Ebay verkauft
Dass gerade an Autobahnen Hunde ausgesetzt werden, hat auch die Auricher Tierheimleiterin Kerzel beobachtet. „Das betrifft dann eher die Kollegen in Emden und Stapelmoor. Wir sind in der Stadt. Da ist es seltener. Aber auch hier wurden schon Hunde am Tor angebunden oder laufen gelassen.“ Fundhunde kämen oft im Tierheim an, kämen aber auch schnell wieder nach Hause, „das ist Alltag“, sagt sie. Fälle wie bei Dexter, der in Südbrookmerland angebunden gefunden worden ist, seien glasklar.
So etwas häufte sich in manchen Jahren, aber ob die Urlaubszeit damit zu tun habe, wisse sie nicht. „Oft sind es Hunde, die auffällig geworden sind. Die anderen werden einfach bei Ebay verscherbelt. Wir sehen das immer wieder mit Entsetzen, können aber nichts tun.“ Sie bekomme fast jeden Tag E-Mails und Anrufe, ob sie helfen könne – oft wegen Katzen. Es sei die Hauptzeit für Würfe, erklärt sie. Aber die Kapazitäten – finanziell und personell – seien ausgeschöpft. „Allein heute haben wir 14 kleine Katzen chippen und impfen lassen“, sagt sie.
Verzweifelte Tierhalter aus ganz Deutschland
„Dreimal die Woche klingelt hier das Telefon und es sind Personen dran, die ihren Hund abgeben wollen“, sagt Iris Holzapfel. Teils kämen die Anrufe in Stapelmoor aus Süddeutschland. „Die Leute telefonieren alle Tierheime durch, die sie online finden können. Aber fast alle sind überfüllt“, sagt sie. Die Lage sei dramatisch. „Meist handelt es sich bei den Hunden nicht um die einfachsten Kandidaten. Dem kann man kaum noch gerecht werden.“
Das unterstreicht auch Tierheimleiterin Andrea Kerzel. „Erst kürzlich gab es einen Brandbrief von Tierheimen und dem Bündnis Schattenhund an die Bundesregierung. Die Situation ist katastrophal“, sagt sie. Sie seien am Limit.
Das Tierheim in Emden hat beispielsweise kürzlich einen Aufnahmestopp für Katzen verhängen müssen, weil es überbelegt sei, schreiben die Verantwortlichen auf ihrer Internetseite.