Kolumne „Alles Kultur“ Wenn das Leben Geschichten schreibt
Wo Menschen ihre Inspiration finden, kann sehr unterschiedlich sein. Für unsere Kolumnistin schreibt das Leben häufig die besten Geschichten.
Ich sitze in Berlin in meinem Stammlokal mit einem Freund aus den USA, den ich über die sozialen Netzwerke kennengelernt habe. Wir erzählen uns Döntjes. Auf Plattdeutsch! Denn Steve hat zwar nie in Ostfriesland, noch nicht mal in Deutschland gelebt, spricht aber das schönste ostfriesische Platt. Seine Oma sprach es, er hatte es seit Kindertagen im Ohr und hat nun unsere Herzenssprache für sich kultiviert und spricht sie so, wie unsere Großeltern und ihre Eltern sie sprachen, mit Wörtern, die bei uns längst verloren zu sein scheinen.
Zur Person
Annie Heger, geboren in Aurich und heute hauptsächlich in Berlin lebend, singt, ist Schauspielerin und moderiert Shows, Festivals, Varietés und Galas. Außerdem ist sie Plattdeutsch-Aktivistin und war zehn Jahre lang Intendantin des „PLATTart“-Festivals.
Immer wieder schütteln wir ungläubig den Kopf, mischen die Sprachen und er sagt: „You can’t make this shit up! Dat kannst di nich utdenken.“ Die ausgelassene und nahe Begegnung schwingt noch in mir nach und ich bin voller Geschichten und Gefühlen von Freundschaft, Heimweh, Wanderlust und auch ein bisschen Melancholie. Unser Leben schreibt die besten Geschichten, da liegt meine Inspiration für so vieles.
In der virtuos, dem Mitgliedermagazin der GEMA gibt es sogar eine eigene Rubrik, in der Menschen über ihre Inspirationsorte schreiben, in denen sie zur Kreativität finden. Viel Natur, das sag ich Euch. Doch egal, von wo wir unsere Inspiration nehmen, am Ende muss sie doch wohin. Manche schreiben es in Noten, andere in Mindmaps auf. Manche singen erste Melodien ins Handy, andere schreiben bereits fertig gereimte Refrains in die Notiz-App.
Manches landet in der Schublade und wird erst Jahre später rausgelassen. Manche gute Ideen sind wie gute Weine und müssen ein bisschen liegen, andere sind Schnellschüsse, schreiben sich in 20 Minuten runter und wie die Eingebung in einen hineinfällt, fällt der Text oder die Melodie einfach aufs Papier.
Und was dieser Prozess mit den Schreiberlingen macht, ist typabhängig. Manche erschreiben sich ihr Leben, andere erleben einen kathartischen Moment oder produzieren unemotional bis zu fünf Songs am Tag. Am Ende ist alles vielleicht auch schon einmal da gewesen. Na und? Das Ergebnis ist zweitrangig, wenn der Moment der Inspiration ein so wertvoller ist, wie meiner heute.
Eine neue Hymne braucht das Land
Offen für Begegnungen
Warum machen wir eigentlich Musik?
Inspiration gibt es fast überall