Kiel  So würden deutsche Experten auf einen brennenden Autofrachter reagieren

Susanne Link
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Von Susanne Link
| 28.07.2023 19:36 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Brennt seit Mittwochnacht vor der niederländischen Küste: Die „Fremantle Highway“. Foto: Coast Guard Netherlands
Brennt seit Mittwochnacht vor der niederländischen Küste: Die „Fremantle Highway“. Foto: Coast Guard Netherlands
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Einen brennenden und mit E-Autos beladenen Frachter wie die „Fremently Highway“ zu löschen, ist kompliziert. Volker Arp vom Landesfeuerwehrverband und Yvonne Blunk vom Havariekommando erläutern, wie Besatzung und Einsatzkräfte bei einem Feuer auf dem Meer vorgehen und welche Herausforderungen es zu meistern gilt.

Wenn ein Handtuch brennt, löscht ein Eimer mit Wasser den Brand. Es entzieht dem Feuer die Wärme. Wenn Fett in einer Pfanne brennt, erstickt ein Topfdeckel das Problem. Feuer braucht schließlich Sauerstoff.

Auf hoher See sind die chemischen Reaktionen zwar keine anderen, einen Schiffsbrand zu löschen, ist aber durchaus herausfordernder. Sind Elektroautos an Bord, deren Lithium-Ionen-Akkus brennen, verkompliziert sich die Lage nochmals. Experten gehen deshalb davon aus, dass sich die Löscharbeiten des Frachters „Fremantle Highway“ vor der niederländischen Küste noch tagelang hinziehen werden.

Wenn auf einem Schiff auf deutschem Gebiet ein Feuer ausbricht, versucht die Besatzung, die eine Brandschutzausbildung absolviert hat, zunächst selbst den Brand zu löschen, berichtet Yvonne Blunk vom Havariekommando. Sie leitet den Fachbereich Brandbekämpfung. „Schiffe haben sehr gute Brandbekämpfungseinrichtungen“, sagt die Expertin. Beispielsweise Sprinkler- und CO₂-Löschanlagen. „Erst wenn die Mannschaft merkt, dass sie mit den eigenen Mitteln und Kräften nicht auskommt, melden sie sich bei den Behörden“, sagt Blunk.

Bei komplexen Lagen koordiniert das Havariekommando, eine gemeinsame Einrichtung des Bundes und der fünf Küstenländer, in Cuxhaven den Einsatz. Sie hat selbst keine eigenen Einsatzkräfte, im Falle eines Brandes alarmiert das Havariekommando deshalb Feuerwehrleute an der Küste. In Schleswig-Holstein sind Kameraden der Berufsfeuerwehren in Kiel, Flensburg und Lübeck und der Freiwilligen Feuerwehr in Brunsbüttel zusätzlich für die Bekämpfung eines Schiffsbrandes ausgebildet.

Brennt ein Boot oder Frachter in der Nord- oder Ostsee, werden sie vom Havariekommando alarmiert und mit Hubschraubern oder Schiffen zum Einsatzort gebracht, berichtet Volker Arp, Geschäftsführer des Landesfeuerwehrverbandes Schleswig-Holstein. Im Oktober 2010, als die Fähre „Lisco Gloria“ vor der Insel Fehmarn in Brand geriet, war das beispielsweise der Fall.

In der Ostsee stehen dem Havariekommando die Schiffe „Arkona“, „Scharhörn“ und „Bottsand“ zur Verfügung, in der Nordsee unter anderem die Schiffe „Neuwerk“ und „Mellum“. Einige von ihnen besitzen Feuerlöschanlagen, mit denen Meerwasser angesaugt und über meterlange Distanzen geworfen werden kann.

„Ein Schiff nur von außen mit Wasser abzuspritzen, bekämpft nicht den Brandherd. Deshalb muss man Trupps an Bord bringen“, sagt Arp. Der Einsatz auf Deck ist nicht einfach: Die Korridore sind schmal, Rauch und heiße Luft ziehen kaum ab und die Geräte und Materialien, mit denen die Feuerwehrkräfte den Brand löschen können, sind begrenzt.

Bei Autofrachtern, wie der „Fremantle Highway“, stehen die Fahrzeuge dicht an dicht. Der geringe Platz für die Einsatzkräfte erschwere die Löscharbeiten, sagen Blunk und Arp. Das Schiff hat laut niederländischen Medien zudem 500 E-Autos an Bord.

Sollten diese Fahrzeuge brennen, ist die Herausforderung für die Feuerwehrleute noch größer. „Die in den Autos verbauten Lithium-Ionen-Akkus sind die Krux“, sagt Arp. Sie entzünden sich immer wieder selbst, sodass der Brand mit Wasser oder CO2 kaum unter Kontrolle zu kriegen ist.

Ein Betreten des Frachters, der vor der niederländischen Küste havarierte, war bislang aufgrund der hohen Temperaturen nicht möglich. Ein Löscheinsatz an Bord also ausgeschlossen. Am Freitagnachmittag teilte die niederländische Küstenwache mit, dass das Feuer zwar immer noch auf dem Frachter wütet, es aber abnimmt. Weil die Temperaturen auf dem Schiff zurückgegangen sind, gingen für kurze Zeit Bergungskräfte an Bord, um das Schiff zu inspizieren und den Frachter an einen Schlepper zu koppeln. Nun könne man das Schiff aufs offene Meer schleppen, um die Gefahr für das Wattenmeer zu bannen, hieß es.

Von außen wird die „Fremantle Highway“ inzwischen nicht mehr gekühlt, um zu verhindern, dass unnötig viel Wasser in das Schiff eindringt. „Dies gefährdet die Stabilität des Schiffes“, so die Küstenwache.

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