Magdeburg Nur noch Randfigur: Wie Beatrix von Storch in der AfD in Ungnade fiel
Beatrix von Storch war mal eines der prägenden Gesichter der AfD, dann wurde es sehr still um sie. Ihr Absturz steht sinnbildlich für die Radikalisierung der Partei.
Beatrix von Storch lehnt an einem Stehtisch und schiebt ihr rotes Portemonnaie zwischen den Händen hin und her. In der Luft liegt der Geruch von Bratwurst und Kaffee. Von Storch, orangefarbener Blazer und blaue Stoffhose, spricht am Rande des AfD-Parteitages in Magdeburg über den aktuellen Höhenflug ihrer Partei. Es ist ein Höhenflug, mit dem sie aber wenig zu tun hat.
Zum ersten Mal stellt die AfD einen Landrat und einen hauptamtlichen Bürgermeister. In den bundesweiten Umfragen liegt vor ihr nur noch die Union – mit Inhalten, die auch von Storch vertritt. „Die Migration muss eingedämmt werden“, sagt sie etwa, oder: „Die Energiewende ist absoluter Irrsinn.“ Mit Sätzen wie diesen wirbt die AfD erfolgreich um Wähler. Auf dem Weg ins Umfragehoch ist von Storch allerdings auf der Strecke geblieben.
Beatrix von Storch, 52, geborene Herzogin von Oldenburg, evangelisch, war mal eines der prägenden Gesichter der AfD. 2014, ein Jahr nachdem die Partei von Euroskeptikern gegründet worden war, zog die Rechtsanwältin ins EU-Parlament ein. 2017 wechselte von Storch von Brüssel nach Berlin. Seitdem sitzt sie im Bundestag. Sie war stellvertretende Parteichefin und Landeschefin der Berliner AfD. Heute ist sie stellvertretende Fraktionschefin der AfD im Bundestag.
Es ist nicht einfach, Beatrix von Storch einem Lager zuzuordnen. Außenpolitisch hielt sie zu Donald Trump und dem brasilianischen Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro - AfD-“Mainstream“. Geht es um innenpolitische Themen, zählt sie - von Ausfällen abgesehen - eher zu den Gemäßigten. Bei der AfD heißt das: Abtreibung? Nein. Ehe für alle? Dagegen. Gendern? Bloß nicht.
Bei von Storch blieb vor allem eine Forderung hängen, nämlich die, an den deutschen Grenzen auf Flüchtlinge zu schießen. Doch eigentlich steht sie auch noch für eine weitere Strömung. Benjamin Höhne, Politikwissenschaftler an der Universität Münster, sieht in Storch ein Scharnier zwischen dem konservativen und dem radikal christlichen Lager in der Partei.
Wie kaum eine andere in der Partei wusste Beatrix von Storch sich medial zu inszenieren. Für ein YouTube-Format diskutierte sie kurz vor der Bundestagswahl 2017 mit dem Rapper Bushido über Wahlplakate und Integration. Dass es die Partei wenig später ins Parlament schaffte, war auch ihr Verdienst. Dann machte sie einen folgenschweren Fehler.
Um zu verstehen, wie es zum Abstieg von Beatrix von Storch kommen konnte, muss man gut drei Jahre zurückgehen. Ausschlaggebend war die Absetzung des rechtsextremen Landeschefs der AfD in Brandenburg: Andreas Kalbitz. De facto warf die Partei Kalbitz im Zuge von Flügelkämpfen raus. Offiziell wegen seiner Mitgliedschaft in der Heimattreuen Deutschen Jugend, einer völkischen Vereinigung, mittlerweile verboten. Beatrix von Storch war eine der treibenden Kräfte hinter dem Ausschluss.
Doch die Macht des Rechtsaußen-Lagers in ihrer Partei hatte sie unterschätzt. Björn Höcke, mächtiger Landeschef der AfD in Thüringen, sprach von Verrat. Die Konsequenzen folgten prompt. Bei der Wahl zur Vorsitzenden des Berliner Landesverband verlor von Storch schließlich gegen ihre Kontrahentin Kristin Brinker, die von Vertretern des offiziell aufgelösten rechtsextremen „Flügels“ um Höcke unterstützt wurde.
Mit Jörg Meuthen, bis dahin Co-Chef der AfD, verließ Anfang 2022 eine ihrer wichtigsten Bezugsperson die Partei. Ein halbes Jahr später wurde sie beim Parteitag in Riesa, Sachsen, als stellvertretende Parteivorsitzende abgewählt. Sie saß im Gästebereich, nicht bei den Delegierten. Das Schiedsgericht der AfD hatte entschieden, sie nicht zum Parteitag zuzulassen. Der Grund: Von Storch soll drei Bewerber auf die Liste der Bundesparteitagsdelegierten hinzugefügt haben, als diese schon geschlossen war. Von Manipulation war die Rede.
Das extreme Höcke-Lager in der AfD hat schon mehrere parteiinterne Gegner aus dem Weg geräumt. Lucke, Petry, Meuthen, sie alle sind nicht mehr in der Partei. Bernd Lucke lehrt wieder an der Universität Hamburg. Frauke Petry scheiterte mit ihrer Partei „Die Blauen“. Jörg Meuthen versucht es in der Zentrumspartei.
Beatrix von Storch dagegen ist noch da. Sie hält Reden im Bundestag und hält sich in den Schlagzeilen. Im Mai provozierte sie sogar einen internationalen Eklat, weil sie den obersten Richter Brasiliens, Alexandre de Moraes, als „größten Verbrecher“ des Landes beschimpft hatte.
Beim Parteitag in Magdeburg schüttelt die Politikerin dann wieder viele Hände, gibt Interviews, Delegierte scharen sich um sie. Sie schätzen ihr Durchhaltevermögen, sagen welche über sie, ihre kämpferische Art, dass sie ihren Prinzipien immer treu geblieben sei.
Noch ist Beatrix von Storch nicht von der Bildfläche verschwunden. Unter den AfD-Politikern hat sie in den sozialen Netzwerken mit die meisten Follower. Regelmäßig füttert sie ihre Kanäle auf Twitter, Instagram und TikTok mit wütenden Beiträgen und Videos, wettert gegen die Bundesregierung, Migranten, Transmenschen und die Weltgesundheitsorganisation.
Manchmal gibt sie sich harmlos, versucht gar, locker herüberzukommen. In einem Video vom Juni, mit Techno-Beat unterlegt, kann man der Abgeordneten auf dem Labyrinth-artigen Weg aus dem Bundestag folgen. Sie trägt eine Cap, Kopfhörer, mit den Fingern formt sie das Victory-Zeichen. Sie lächelt. Unter dem Video hat sie geschrieben: „Über 7 Brücken musst du gehen…um ins Wochenende zu kommen.“
In der Partei, so der Eindruck, hat sich Beatrix von Storch sämtliche Brücken zur Macht verbaut.