Hamburg/Flensburg  Angst um das Wattenmeer: Ölpest wäre „absolutes Horrorszenario“

Karolina Meyer-Schilf, Susanne Link
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Von Karolina Meyer-Schilf, Susanne Link
| 27.07.2023 18:36 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Brennt seit Mittwochnacht vor Ameland in der Nordsee: Die „Fremantle Highway“. Foto: Coast Guard Netherlands
Brennt seit Mittwochnacht vor Ameland in der Nordsee: Die „Fremantle Highway“. Foto: Coast Guard Netherlands
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Ein mit Fahrzeugen beladenes Frachtschiff brennt seit der Nacht zu Mittwoch vor der niederländischen Küste. Wenn die „Fremantle Highway“ sinkt, droht eine Ölpest in der Nordsee.

Der Frachter „Fremantle Highway“ hatte seine Reise gerade erst angetreten: Er war mit 3.783 Autos beladen auf dem Weg von Bremerhaven nach Port Said in Ägypten und sollte dann weiter nach Singapur. In der Nacht zu Mittwoch geriet das Frachtschiff im Verkehrstrennungsgebiet (VTG) „Terschelling German Bight“ in Brand.

VTG sind wie Autobahnen für Schiffe: Sie sollen die Sicherheit des Schiffsverkehrs in der Ansteuerung der Deutschen Bucht gewährleisten. Die „Fremantle Highway“ war auf der stark befahrenen Route unterwegs, die nah an den ost- und westfriesischen Inseln entlangführt – bis an Bord das Feuer ausbrach. Seitdem ist der Autotransporter in dichten Qualm gehüllt.

Wind und Strömung sorgten dafür, dass die „Fremantle Highway“ inzwischen rund 16 Kilometer vor der Insel Terschelling liegt. Dort halten Notschlepper den Frachter außerhalb der Fahrrinnen in Position.

„An Bord wütet noch immer das Feuer und Rauch steigt aus dem Schiff auf“, teilt die niederländische Küstenwache mit.

Die 23 Besatzungsmitglieder haben den Frachter schnell verlassen. Einige von ihnen waren von Bord gesprungen, sie mussten aus dem Meer gerettet werden. Ein Mensch kam ums Leben, mehrere Besatzungsmitglieder wurden verletzt.

Was die Ursache des Feuers auf der „Fremantle Highway“ ist, ist derzeit noch unbekannt – das betont auch die niederländische Küstenwache, die vor Ort die Einsatzleitung innehat. Spekulationen über Akkus von an Bord befindlichen E-Autos als Ursache sind bislang genau das: Spekulationen. Dennoch bedeuten die Elektrofahrzeuge an Bord eine besondere Komplikation, denn einmal in Brand geraten, sind sie nur schwer zu löschen.

Eine Brandbekämpfung im Inneren des Schiffes kommt derzeit nicht in Frage. Das Schiff werde inzwischen auch nicht mehr von außen gekühlt, damit nicht unnötig viel Meerwasser an Bord gelange. “Dies gefährdet die Stabilität des Schiffes”, so die niederländische Küstenwache. Der Frachter, so die Befürchtung, könnte sonst kentern.

Das Havariekommando in Cuxhaven schickte in der Nacht zu Mittwoch den Schlepper “Nordic” von der Insel Helgoland zum Havaristen. Er wurde inzwischen abgelöst und steht seither nordwestlich von Borkum auf Standby: „Sie hat sich an der Grenze zum niederländischen Seegebiet positioniert und hält sich dort bereit, falls die niederländische Küstenwache sie anfordert“, sagte Benedikt Spangardt vom Havariekommando.

„Unsere größte Sorge ist, dass der Schiffsrumpf durch das Feuer instabil wird und Öl aus den Treibstofftanks austritt. Das wäre das absolute Horrorszenario”, sagte Peter Andryszak von der Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste (SDN).

Die Natur- und Umweltschutzorganisationen WWF teilt diese Sorge. “Für die Nordsee und das Wattenmeer wäre das eine Katastrophe. Wir hoffen, dass das nicht passiert”, sagt Jannes Fröhlich, Referent des WWF-Wattenmeerbüros in Husum. 1.600 Tonnen Schweröl und weitere 200 Tonnen Marinediesel befinden sich laut des Bundesumweltministeriums an Bord. Sie könnten ins Wasser gelangen, wenn das Schiff auseinanderbricht oder sinkt.

Der WWF bezeichnet mit Schweröl beladene Frachter in der Nordsee als „tickende Zeitbomben auf See”, sie fordern deshalb seit Jahren ein Verbot des Kraftstoffes in der Schifffahrt.

Sollte es zu einer Ölpest kommen, wäre nach Schätzungen der SDN das Wattenmeer mindestens bis zur ostfriesischen Insel Borkum betroffen. Je nach Wind und Strömungsverhältnissen könnten aber noch weitere Gebiete unter den Folgen einer Ölpest leiden. Erste Opfer wären wohl die Seevögel: Setzt sich das Öl in ihrem Gefieder fest, versuchten sie sich zu putzen – und vergiften sich dabei selbst, sagt Peter Andryszak von der SDN. Zudem kühlen sie durch den Ölfilm im Gefieder schnell aus.

“Gerade ist zudem ein kritischer Zeitpunkt: Die Brutphase vieler Vogelarten ist noch nicht abgeschlossen, zudem kommen Hunderttausende Zugvögel aus der Arktis zurück, um im Wattenmeer zu rasten”, sagt WWF-Referent Jannes Fröhlich. Aber auch zahlreiche weitere Tiere und Organismen wären durch eine Ölpest betroffen: “Gerade auf die Unterwassertiere wird ja meistens nicht so geachtet. Wer da alles stirbt, sieht erst einmal keiner”, sagt Andryszak.

Da sich der Unfall vor der niederländischen Küste in der Nordsee ereignete, droht für schleswig-holsteinische Gewässer laut des Umweltministeriums aktuell keine unmittelbare Gefahr. „Ich hoffe sehr, dass das Ausmaß der ökologischen Schäden, soweit wie möglich, eingedämmt werden kann”, sagt Umweltminister Tobias Goldschmidt.

Die Nordsee und das Wattenmeer wären nicht zum ersten Mal von einem Frachter-Unglück betroffen. Eine der größten Schiffskatastrophen ereignete sich im Oktober 1998: Die „Pallas“-Havarie. Auf der Fahrt von Finn­­land ­nach Ma­­rok­­ko bricht auf dem Holzfrachter in dänischen Gewässern Feu­­er aus.

Ein Besatzungsmitglied verletzt sich bei dem Versuch, sich von Bord zu retten, schwer, der Schiffskoch stirbt. Der brennende Frachter treibt führungslos auf die Insel Sylt zu, strandet südwestlich der Insel Amrum. Die darauf folgende Ölpest kostete rund 12.000 Vögel das Leben.

Das Schiffsunglück bleibt nicht ohne Folgen. Ein Untersuchungsausschuss des schleswig-holsteinischen Landtags kam zu dem Ergebnis, dass unklare Zuständigkeiten die Bergungsaktion verzögert haben. Die Katastrophe in der Nordsee war die Geburtsstunde des Havariekommandos in Cuxhaven, einer gemeinsamen Einrichtung des Bundes und der fünf Küstenländer Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern. Es koordiniert die Einsätze bei Schiffsunglücken auf Nord- und Ostsee.

Eine erste große Bewährungsprobe meisterte das Havariekommando beim Brand der Ostseefähre „Lisco Gloria“: Sie geriet in der Nacht vom 8. auf den 9. Oktober 2010 nur sechs Seemeilen nördlich von Fehmarn in Brand. An Bord der Fähre befanden sich 203 Passagiere und 32 Besatzungsmitglieder. Sie gingen mit Rettungsbooten und -inseln von Bord.

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