Naturkatastrophe im Wattenmeer  Bei Untergang des Frachters – so wäre Ostfrieslands Küste betroffen

Hannah Weiden
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Von Hannah Weiden
| 27.07.2023 17:20 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Greetsieler Fischer sind in Sorge wegen des brennenden Frachters in der Nordsee. Auslaufendes Öl würde ihre Fänge unbrauchbar machen. Foto: Archiv/Wagenaar
Die Greetsieler Fischer sind in Sorge wegen des brennenden Frachters in der Nordsee. Auslaufendes Öl würde ihre Fänge unbrauchbar machen. Foto: Archiv/Wagenaar
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Wenn der Frachter vor Ameland wie befürchtet sinkt, hätte das massive Auswirkungen auf die ostfriesische Küste. Wir haben bei den Nordseefischern nachgefragt, wie sie die Lage sehen.

Greetsiel / Niederlande - Die Sorge, dass der brennende Frachter vor der niederländischen Nordseeinsel Ameland eine Umweltkatastrophe auslöst, wächst. Sinkt das Schiff, so die Befürchtung, würden tonnenweise Treibstoff und Schweröl in das Meer gelangen. Das hätte auch fatale Folgen für die ostfriesische Küste - und die hiesige Fischerei. „Wenn dieser Worst Case [schlimmster Fall, Anmerkung der Redaktion] tatsächlich eintritt, hätte das massive Auswirkungen auf unsere Arbeit“, sagt Gerold Conradi, ehemaliger Fischer aus Greetsiel und zweiter Vorsitzender des Landesfischereiverbands Weser-Ems.

Was und warum

Darum geht es: den Brand des Frachters in der Nordsee

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Deshalb berichten wir: Uns hat interessiert, welche (möglichen) Auswirkungen der Brand des Frachters in der Nordsee auf die hiesige Fischerei hat.

Die Autorin erreichen Sie unter: h.weiden@zgo.de

Der etwa 200 Meter lange Frachter „Fremantle Highway“ war in der Nacht zu Mittwoch in Brand geraten. „Das kann noch tagelang brennen“, befürchtet Conradi. Die niederländische Küstenwache sprach zuletzt sogar von Wochen. Das Schiff könnte im schlimmsten Fall aber schon vorher sinken, wenn es zum Beispiel durch Löschwasser oder durch die Hitze instabil wird. „Man kann leider auch nicht einfach ein Loch reinbohren, um das Öl abzupumpen“, so Conradi. Denn auch dann könnte das Schiff sinken. Und: „Ich habe zwar keinen E- oder Hybridwagen, aber auch in meinem Auto ist genug drin, das nicht ins Meer gelangen sollte.“ Auf dem Frachter sind nach Angaben der japanischen Reederei Kawasaki Kisen Kaisha 3783 Autos geladen, darunter 25 Elektroautos. Umweltschützer sorgen sich nicht nur wegen des möglichen Öls, sondern auch wegen der zusätzlichen Schadstoffe, die im schlimmsten Fall ebenfalls in die Nordsee gelangen würden.

Gerold Conradi aus Greetsiel blickt besorgt auf den Brand des Frachters in der Nordsee Foto: Ingo Wagner/dpa
Gerold Conradi aus Greetsiel blickt besorgt auf den Brand des Frachters in der Nordsee Foto: Ingo Wagner/dpa

Fischer aus Greetsiel wären als erstes betroffen

Ausgetretenes Öl könnte im Katastrophenfall in die Deutsche Bucht getrieben werden. Laut Dirk Sander, Vorsitzender des Landesfischereiverbands und Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft der Deutschen Krabbenfischer, käme es dann zuerst in Borkum an und würde dann in Richtung Emsmündung treiben. „Unsere Emsfischer aus Greetsiel wären also als erstes davon betroffen“, sagt Sander im Gespräch mit dieser Zeitung. Die ostfriesischen Nordseefischer sind nämlich genau dort unterwegs, um Krabben zu fangen. „Wir betreiben ja Küstenfischerei und könnten nicht einfach 40 Meilen weiter raus fahren, das könnten unsere Kutter auch gar nicht“, so Conradi.

Dirk Sander ist der Vorsitzende des Landesfischereiverbands und Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft der Deutschen Krabbenfischer. Foto: Archiv/Wagenaar
Dirk Sander ist der Vorsitzende des Landesfischereiverbands und Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft der Deutschen Krabbenfischer. Foto: Archiv/Wagenaar

Ist das Öl erst einmal im Wasser, wären die Fänge der Fischer unbrauchbar. Schweröl bildet Klümpchen, die dann in den Fischernetzen hängen bleiben und somit die Krabben verunreinigen. „Da können wir den gesamten Fang vergessen, der ließe sich nicht mehr verkaufen“, sagt Conradi. Die Fischer kochen die Krabben zudem an Bord ihrer Kutter, Schweröl würde die Geräte und Maschinen beschädigen. Dabei ist noch nicht einmal die Überlegung eingeschlossen, dass durch ein mögliches Artensterben als Folge der befürchteten Naturkatastrophe das Fischen sowieso vor dem Aus stehen könnte.

Die Greetsieler Fischer sind in Sorge wegen des brennenden Frachters in der Nordsee. Auslaufendes Öl würde ihre Fänge unbrauchbar machen. Foto: Archiv/Wagenaar
Die Greetsieler Fischer sind in Sorge wegen des brennenden Frachters in der Nordsee. Auslaufendes Öl würde ihre Fänge unbrauchbar machen. Foto: Archiv/Wagenaar

Saison läuft durchwachsen

Die beiden Fachmänner hoffen nun, dass es gelingt, den Frachter abzuschleppen und eine Naturkatastrophe zu verhindern. „Wir hoffen, dass sie das Schiff nach Rotterdam schleppen können und möglichst nicht nach Bremerhaven oder Emden“, sagt Dirk Sander. Gerold Conradi sagt: „Am besten schleppen sie das Schiff an einen Ort, wo es vernünftig geborgen werden kann und wo sie die Stoffe abpumpen können.“ Dazu müsste der Brand aber erst einmal gelöscht werden, wonach es zurzeit noch nicht aussieht.

Projekt „Zukunft Nordsee“

Dieser Beitrag ist Teil des Projekts „Zukunft Nordsee“ von Ostfriesen-Zeitung, General-Anzeiger, Borkumer Zeitung, Nordsee-Zeitung, Kreiszeitung Wesermarsch und Deutscher Presse-Agentur (DPA). In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen, die für die gesamte Küstenregion relevant sind – zum Beispiel mit dem Klimawandel, erneuerbaren Energien, der Entwicklung der Wirtschaft und dem Tourismus. Weitere Beiträge dazu finden Sie hier.

Generell verläuft die Saison für die Nordseefischer ohnehin bereits durchwachsen. Laut Gerold Conradi läuft es „nicht so gut, wie es eigentlich müsste“. Die Krabbenpreise wären zwar gut, passten aber nicht zum aktuell eher bescheidenen Fang. Und auch das geplante Verbot der Grundschleppnetze, das im März dieses Jahres für große Aufregung sorgte, macht den Fischern nach wie vor Sorge. Eine Umsetzung des möglichen Gesetzes für 2024 sei zwar zum Glück vom Tisch, aber die Einschränkung der Fanggebiete werde immer noch diskutiert, sagt Conradi.

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