Interview mit Kerstin Ott  „Ich mache Musik, wie ich sie fühle“

Werner Jürgens
|
Von Werner Jürgens
| 28.07.2023 17:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
„Ich brauche eine gute Geschichte, damit ich ein Lied geil finde“, sagt Kerstin Ott. Foto: Nona Studios
„Ich brauche eine gute Geschichte, damit ich ein Lied geil finde“, sagt Kerstin Ott. Foto: Nona Studios
Artikel teilen:

Kerstin Ott kommt am 5. August zur „1. Schlagernacht der Stars“ nach Wiesmoor. Mit uns sprach sie über ihre Musik, das neue Album und „Marmeladenglasmomente“.

Wiesmoor - Anfang 2016 bescherte ein Remix von „Die immer lacht“ ihr den Durchbruch. Den Song an sich hatte Kerstin Ott bereits gut zehn Jahre zuvor aufgenommen. Inzwischen hat die gebürtige Berlinerin vier Studioalben herausgebracht. Das fünfte ist gerade in Arbeit und soll im nächsten Jahr erscheinen. Am Sonnabend, 5. August, wird Kerstin Ott im Rahmen der „1. Schlagernacht der Stars“ auf der Freilichtbühne in Wiesmoor auftreten. Aus diesem Anlass stand sie in folgendem Interview Rede und Antwort.

Wo würden Sie sich musikalisch einordnen?

Kerstin Ott: Ich mache Musik, wie ich sie gerade fühle. Mir war immer wichtig, dass ich nicht nur in einer einzigen Schublade drin bin. Zum Glück verschwimmen die Stilrichtungen heutzutage mehr als früher. Das gibt einem mehr Freiheiten.

Das beinhaltet auch ein klares Bekenntnis zum Schlager.

Ott: Mir ist schon bewusst, dass Schlager lange Zeit als uncool galten. Aber das lag meiner Meinung nach hauptsächlich daran, dass solche Titel im Radio seltener gespielt und deswegen weniger gehört wurden. Mittlerweile hat der Schlager eine ganz schöne Wendung hingelegt. Es ist ja längst nicht mehr so, dass da nur Volkslieder stattfinden. Inzwischen sind eine Menge junger Leute nachgerückt, die modernere Einflüsse mit reinbringen. Deswegen hat sich die Zielgruppe verändert und auch vergrößert.

Welche Rolle spielen die Texte für Sie?

Ott: Die sind mir auf jeden Fall sehr wichtig, vor allem wegen der Botschaften, die ich darin verpacken kann. Ich brauche eine gute Geschichte, damit ich ein Lied geil finde. Gerade auf der Bühne gibt mir das was, wenn ich über etwas singen kann, das einen Sinn hat. Sonst würde es mir schwer fallen, die damit verbundenen Emotionen auszudrücken. Ich bin ja keine Künstlerin, die auf dem Trapez hin und her fliegt oder wo viele Raketen durch die Luft schwirren. Meine Stärke liegt vor allem darin, dass ich mich mit meinem Publikum verbinde.

Viele Ihrer Fans sagen tatsächlich, sie könnten sich sehr gut mit Ihren Songs identifizieren. Wie kriegen Sie das hin?

Ott: Ich vermeide die ganz großen Bilder und versuche stattdessen, lieber alltägliche Situationen zu beschreiben. Auch das ist mir wichtig, weil die meisten Menschen ihr normales Leben leben. Ich sage bewusst nicht „einfach“. Denn die meisten müssen von Montag bis Freitag in ihrem Job arbeiten. Und das sind die Menschen, denen ich etwas erzählen möchte, das auch bei ihnen passiert oder zumindest passieren könnte.

Sie haben die Arbeitswelt zunächst als Malerin und Lackiererin kennengelernt. Das ist kein leichter Job.

Ott: Welcher Job ist schon leicht? Wenn ich nur an die Leute in der Pflege denke, womit die sich tagtäglich abplagen müssen und wie die von der Politik im Stich gelassen werden. Da packt mich echt die kalte Wut.

Inwieweit sind Ihre Songs autobiographisch geprägt?

Ott: Sicher thematisiere ich in meinen Liedern auch eigene Erfahrungen. Aber nicht alle meine Texte sind autobiographisch. Manches kommt zustande durch Gespräche mit Freunden oder ich lese etwas in der Zeitung, was mich bewegt. Insofern würde ich sagen, das ist ein Mix aus eigenen Erfahrungen und dem, was um mich herum passiert.

Wie war das bei Ihrem ersten Hit „Die immer lacht“?

Ott: Das Lied war ursprünglich gar nicht für die Öffentlichkeit gedacht, sondern nur für meine beste Freundin, der es damals nicht gut ging. Ich habe es in einem kleinen privaten Tonstudio aufgenommen und ihr eine CD brennen lassen. In den nächsten paar Jahren habe ich vielleicht noch zehn weitere selbst gebrannte CDs mit dem Lied verschenkt. Ein Hit ist erst daraus geworden, nachdem jemand es bei Youtube reingestellt hat.

Ihr zweites Album trägt den Titel „Mut zur Katastrophe“.

Ott: Das kommt von dem Zitat „Wahre Liebe findest Du nur, wenn Du Mut zur Katastrophe hast“. Und genau darum geht es in dem Lied. Ich finde, an dem Zitat ist ganz viel dran. In einer Beziehung liegen ja nicht immer beide auf einer Linie. Es geht mal rauf und dann wieder runter. Deswegen fand ich den Titel spannend und auch passend als Titel für das komplette Album.

Auf dem Album ist ebenfalls das Lied „Regenbogenfarben“ enthalten. Darin bringen Sie Ihren Wunsch nach einer bunten und toleranten Gesellschaft zum Ausdruck. Wie und warum ist das Lied entstanden?

Ott: Der Text ist zustande gekommen, weil ich mich mit meinem Team immer darüber auseinandersetze, worauf die Leute gerade besonders ansprechen und welche Themen unbedingt behandelt werden müssten. Und wir fanden einfach, dass gerade dieses Thema leider Gottes nach wie vor Gehör finden muss.

„Regenbogenfarben“ gab es danach noch einmal mit Ihnen und Helene Fischer im Duett.

Ott: Das war ihre Idee. Ich war zu Gast in ihrer Weihnachtsshow, und sie hat sich den Song für ein Duett mit mir ausgesucht. Das Lied gab es damals ja schon ungefähr ein halbes Jahr. Weil das so prima funktioniert hat, haben wir das Ganze noch einmal neu aufgenommen und als Single herausgebracht. Das hat einen Mega-Spaß gemacht und ist für mich natürlich eine Riesenehre, zumal Helene Fischer den Song auf ihrer aktuellen Tour in einer Akustik-Version singt.

„Liebeskummer lohnt sich nicht“, meinte einst Siw Malmkvist. Kerstin Ott hingegen singt: „Liebeskummer lohnt sich doch“. Das müssen Sie uns näher erklären.

Ott: Den alten Schlager finde ich schon auch toll und die Überschrift war auch ein bisschen die Vorlage für mich. Ich mag es, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Jeder hat in seinem Leben schon einmal Liebeskummer gehabt. Vor allem beim ersten Mal ist das Gefühl besonders krass. Du glaubst, der Schmerz geht nie vorbei und dass es für immer so bleiben wird. Aber irgendwann kommt der Tag, an dem du aufwachst und die andere Person nicht mehr dein erster Gedanke ist. Ab da geht es wieder bergauf. Deswegen lohnt sich Liebeskummer eben doch, weil es sich lohnt nicht aufzugeben und weiterzukämpfen.

Ein schöner Titel allein schon wegen der Wortschöpfung ist „Marmeladenglasmomente“.

Ott: Ich finde auch, dass das ein sehr schönes weiches Wort ist. Dahinter steckt der Gedanke, wie sich schöne Erinnerungen am besten konservieren lassen. Das Marmeladenglas ist für mich ein passender Ausdruck, um diesen Gedanken zu transportieren. Denn selbst, wer das Wort nicht kennt, kann sich gut vorstellen, was es vielleicht bedeuten könnte.

Können Sie schon etwas über das neue Album sagen?

Ott: Ich bin gerade mitten im Schreibprozess und habe wieder jede Menge guter Geschichten im Kopf. Wie viele Titel es am Ende werden, kann ich jetzt aber noch nicht genau sagen. Es wird in diesem Jahr sicherlich noch eine neue Single geben. Das Album erscheint allerdings erst im nächsten Jahr. Heutzutage ist es ja nicht mehr so, dass erst ein Album kommt und dann einzelne Songs ausgekoppelt werden sondern eher umgekehrt.

Klingt, als wenn Sie das bedauern würden.

Ott: Ich bin nach wie vor ein totaler Fan von der physischen CD. Aber die Zeiten verändern sich. Und es nützt ja nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. Selbst wenn es mir manchmal schwer fällt, muss auch ich mich irgendwie damit arrangieren.

Ähnliche Artikel