Hamburg  Brennender Autofrachter in der Nordsee: Was wir wissen und was nicht

Karolina Meyer-Schilf, Maria Lentz
|
Von Karolina Meyer-Schilf, Maria Lentz
| 26.07.2023 23:12 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Der brennende Autofrachter „Fremantle Highway“ und der deutsche Notschlepper „Nordic“ vor der niederländischen Insel Ameland. Foto: Coast Guard Netherlands
Der brennende Autofrachter „Fremantle Highway“ und der deutsche Notschlepper „Nordic“ vor der niederländischen Insel Ameland. Foto: Coast Guard Netherlands
Artikel teilen:

Seit der Nacht zu Mittwoch brennt vor der niederländischen Insel Ameland ein mit fast 3000 Fahrzeugen beladener Autotransporter. Wenn er sinkt, droht eine Ölpest in der Nordsee. Das ist die Lage.

Die „Fremantle Highway“ hatte ihre Reise gerade erst angetreten: Sie war mit knapp 3000 Autos beladen auf dem Weg von Bremerhaven nach Port Said/Ägypten und dann weiter nach Singapur. Jetzt liegt sie brennend und manövrierunfähig mitten im Verkehrstrennungsgebiet (VTG) „Terschelling German Bight“.

VTG sind wie Autobahnen für Schiffe: Sie sollen die Sicherheit des Schiffsverkehrs in der Ansteuerung der Deutschen Bucht gewährleisten. Zwei solcher Verkehrstrennungsgebiete gibt es in der Deutschen Bucht: Eines dicht unter den ostfriesischen und westfriesischen Inseln – hier liegt der brennende Autofrachter nur rund 27 Kilometer vor der niederländischen Insel Ameland. Ein weiteres verläuft weiter draußen: Das VTG „German Bight Western Approach“ ist für besonders große Schiffe, Tanker und Frachter mit gefährlicher Ladung gedacht.

Organisationen wie etwa der Nabu fordern schon länger, den vielbefahrenen Hauptschifffahrtsweg weiter nach draußen zu verlegen. Auch die Havarien der „MSC Zoe“ und „Mumbai Maersk“ fanden im VTG nahe der Inseln statt. Sie haben anschließend die Folgen zu tragen: Container, Müll, Schadstoffe kommen dort durch Wind und Strömung an.

Was die Ursache des Feuers auf der „Fremantle Highway“ ist, ist derzeit noch unbekannt – das betont auch die niederländische Küstenwache, die vor Ort die Einsatzleitung innehat. Spekulationen über Akkus von an Bord befindlichen E-Autos als Ursache sind bislang genau das: Spekulationen.

Weiterlesen: Brennender Frachter vor Ameland: Funkverkehr gibt Hinweis auf Brandursache

Den ganzen Tag über waren Schlepper und weitere Spezialschiffe vor Ort, um den brennenden Frachter von außen zu kühlen. Ein Besatzungsmitglied starb, sieben weitere wurden beim Sprung über Bord verletzt. Sie wurden abgeborgen und in Krankenhäuser gebracht. Das Havariekommando in Cuxhaven schickte den Notschlepper „Nordic“: Er ist im Rahmen des Notschleppkonzepts in der Nordsee ständig auf Standby, um in großen Schadenslagen schnell vor Ort zu sein.

Die „Nordic“ wurde inzwischen durch den Schlepper „Fairplay 30“ abgelöst und hat sich nordwestlich von Borkum zurückgezogen, wo sie sich aber weiterhin bereithält. „Sie hat sich an der Grenze zum niederländischen Seegebiet positioniert und hält sich dort bereit, falls die niederländische Küstenwache sie anfordert“, sagte Benedikt Spangardt vom Havariekommando auf Anfrage unserer Redaktion.

Das Feuer ist nach wie vor nicht gelöscht, der Frachter wird vor Ort gesichert. Ihn in einen Hafen zu schleppen, um den Brand dort zu bekämpfen, kommt derzeit offenbar nicht in Frage – auch, weil das Feuer viel zu stark ist und giftige Dämpfe die Gesundheit der Menschen an Land beeinträchtigen würde.

Lesen Sie auch: Brand auf Auto-Frachter vor Ameland: Was beim Löschen jetzt wichtig ist

Der Autofrachter befand sich auf dem Weg von Bremerhaven nach Port Said und dann weiter nach Singapur und hatte seine Fahrt erst angetreten. Es dürften daher mehrere hundert Tonnen Treibstoff in den Tanks sein. Sinkt der Frachter oder bricht er auseinander, könnten sowohl die niederländische als auch die deutsche Nordseeküste von einer schweren Ölpest betroffen sein. Mit der „MS Arca“ ist auch ein Ölbekämpfungsschiff vor Ort für den Fall, dass Öl austritt.

Der Meeresbiologe Thilo Maack von Greenpeace sagte etwa im ZDF, dass von einer Ölpest rund „eine Million Eider-Enten und Brandgänse“ betroffen sein könnten, die derzeit in der Mauser und damit flugunfähig seien. Aber auch zahlreiche andere Tiere und Organismen wären davon betroffen. Das ist derzeit ein Worst-Case-Szenario – ob der Frachter sinkt und das Öl wirklich austritt, werden die nächsten Stunden oder Tage zeigen.

Ähnliche Artikel