Bayreuth  Bayreuther Festspiele 2023: AR-Brille schießt „Parsifal“ in die dritte Dimension - oder?

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 26.07.2023 15:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Bereit zum Happy End: Alle sind erlöst von den Schrecken der Vergangenheit in diesem Schlussbild des neuen Bayreuther „Parsifal“. Foto: Enrico Nawrath
Bereit zum Happy End: Alle sind erlöst von den Schrecken der Vergangenheit in diesem Schlussbild des neuen Bayreuther „Parsifal“. Foto: Enrico Nawrath
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Exakt 330 Gäste sitzen bei der Eröffnung der Bayreuther Festspiele mit dicken schwarzen Brillen auf der Nase im Festspielhaus: Sie sehen die Neuinszenierung des „Parsifal“ in „Augmented Reality“. Doch was heißt „erweiterte Realität“? Und vor allem: Was bringt es?

Es fliegt allerhand durch den Zuschauerraum: Sterne, Glühwürmchen, Schmetterlinge, später Totenköpfe, noch später Zivilisationsmüll, Handgranaten, Maschinengewehre. Allerdings nur für die 330 AR-Brillenträger im Bayreuther Festspielhaus. Die anderen gut 1600 Gäste sehen eine bunte, aber letztlich kreuzbrave Inszenierung des „Parsifal“.

Nun ist der Einsatz von „Augmented Reality“, kurz AR, der Clou zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele. Die dunklen Brillen werden zur Abspielfläche vorproduzierter Videoeffekte, die – in der Theorie – präzise mit der Musik abgespielt werden und das Bühnengeschehen optisch ergänzen. Da fliegen Pfeile durch den virtuellen Raum, dass man in Deckung gehen möchte, und wenn Titelheld Parsifal seinem Widersacher Klingsor den Speer abnimmt und der dann vor dem eigenen Gesicht schwebt, ist das schon beeindruckend. Wenn am Ende des zweiten Aktes das Bayreuther Festspielhaus in sich zusammenstürzt, wirkt das eher kitschig.

Die eigene Handlungsebene, die Regisseur Jay Scheib verspricht, bleibt allerdings sehr vage. Tatsächlich blinkt und flattert es unablässig, und das ästhetisch angesiedelt in den Gründerzeiten der Animationstechnik, angereichert mit Zitaten aus Videospielen. Das geschieht oft aber nur dem Blinken und Flattern zuliebe. Schon nach kurzer Zeit fühlt man sich vom visuellen Dauer-Feuerwerk überflutet, bei überschaubarem Erkenntnisgewinn, dafür maximal von der Musik abgelenkt.

Etliche AR-Brillenträger ziehen die Konsequenz und setzen die Brille ab und konzentrieren sich auf die Bühne. Die zeigt ein Endzeitszenario, das schließlich in einer kargen Wüstenlandschaft landet mit einer rostigen Baumaschine und einem giftig schillernden See (Bühne: Mimi Lien). Hier wurden seltene Erden abgebaut, also die unverzichtbaren Elemente, ohne die unsere moderne Welt, unsere E-Autos, Mobiltelefone und eben die AR-Brillen nicht funktionieren würden. Hier unterstützt die AR-Technik tatsächlich die Intention und den Regieansatz von Jay Scheib – aber auch hier reicht es, die Brille für Momente aufzusetzen. Das Wesentliche passiert an diesem Abend sowieso in der Musik. Und die macht alle Widrigkeiten der Regie mehr als wett.

Pablo Heras-Casado gibt mit dieser Produktion sein Debüt am Grünen Hügel. Der an der historischen Aufführungspraxis geschulte Dirigent leuchtet Wagners letzte Opernpartitur tiefgründig aus, folgt ihrem Klangsinn, ihrer Binnenspannung, ihrer Energie und schafft so eine Emotionalität, wie man sie selten erleben darf. Gleichzeitig hat er alle klanglichen Komponenten sicher in der Hand; es gibt an diesem Abend keine Wackler, keine Unschärfen, keine Unklarheiten. Dieser „Parsifal“ zählt zu den schnellsten der Bayreuth-Geschichte, und trotzdem strahlt das Dirigat eine unglaubliche Ruhe aus, kurz: was Pablo Heras-Casado hier schafft, ist epochal.

Dazu hat er ein Ensemble, wie man es in dieser Stimmigkeit und auf diesem Niveau selten in Bayreuth und anderswo erleben darf. Andreas Schager zähmt in der Titelrolle den Kraftmeier in sich und geht seine Partie wunderbar differenziert an. Er zeigt den testosteron-gesteuerten Haudrauf im ersten Akt, den leidenschaftlichen Adoleszenten im zweiten und den reflektierten Weltenretter im dritten Akt. Von innig-lyrisch bis strahlend hat Schager alles drauf, was den perfekten Wagner-Sänger ausmacht, vorbildliche Textverständlichkeit inklusive.

Das gilt genauso für Georg Zeppenfeld, der den Gurnemanz mit eleganter Autorität seines Basses ausstattet. Derek Welton ist ein feiner Amfortas; bei ihm flammt der Schmerz an einer unheilbaren Wunde auf, und trotzdem bleibt sein Bass herrlich distinguiert. Seinen Widersacher Klingsor singt Jordan Shanahan mit brutaler Wucht, Amfortas’s Vater Titurel verkörpert Tobias Kehrer mit tiefschwarzem, metallisch glänzenden Bass. Elīna Garanča schließlich lässt miterleben, wie zerrissen Kundry zwischen der erstarrten Welt der Gralsritter und der zerstörerischen ihres „Meisters“ Klingsor dem Tod entgegenfiebert. Die Chöre, einstudiert von Eberhard Friedrich, runden das Ensemble ab – auch sie singen mit umwerfender Klangsinnigkeit und Präzision.

Heras-Casado kombiniert all das zur eigentlichen, stimmigen und packenden Erzählung voller magischer Momente – wenn Kundry versucht, Parsifal zu verführen, lodert es auf musikalischer Ebene weitaus heißer als auf der Bühne oder in der erweiterten Realität. Und Erlösung wird der Welt vor allem musikalisch zuteil.

Ist damit das Experiment der „Augmented Reality“ gescheitert? Einerseits ja, weil Jay Scheib keine wirkliche Erzählebene gefunden hat – was wiederum auch dem Umstand geschuldet ist, dass ja nur ein kleiner Teil des Publikums mit den Brillen ausgestattet wurde, aus Spargründen. Das schließt ein driftige Verschränkung der Erzählebenen aus, weil ja das Bühnengeschehen für sich funktionieren muss.

Da hat Scheib ein paar Ideen, etwa die einer zweiten Kundry, die offensichtlich eine Beziehung mit Gurnemanz hat. Die zweite, erweiterte Realität kann das aber nur bebildern, ausschmücken – mit christlicher Symbolik vom Apfel bis zur Schlange und zur Taube des Heiligen Geistes. Doch all das bleibt verzichtbares Ornament.

Trotzdem ist das Experiment nicht völlig gescheitert. Scheib hat Möglichkeiten der Augmented Reality aufgezeigt – und gleichzeitig die Herausforderungen: Wenn unterschiedliche Realitäten sich nicht nur aufeinander beziehen, sondern sich gegenseitig bedingen, kann die AR-Brille eine Option fürs Theater sein. Jedenfalls aber bleibt dieser „Parsifal“ eine euphorisch bejubelte musikalische Sternstunde, wie sie Bayreuth lange, lange nicht erlebt hat.

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