Wende um 180 Grad  Wie das Nein zum Tempolimit dem Moorschutz hilft

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 25.07.2023 19:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Unterwegs im Hochmoor: Michael Diekamp ist seit gut einem Jahr Leiter der Staatlichen Moorverwaltung Weser-Ems in Meppen. Foto: Böning
Unterwegs im Hochmoor: Michael Diekamp ist seit gut einem Jahr Leiter der Staatlichen Moorverwaltung Weser-Ems in Meppen. Foto: Böning
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Ein Spaziergang durch das Hochmoor am Ewigen Meer in Aurich: Michael Diekamp von der Staatlichen Moorverwaltung erzählt, wie man mit gestautem Wasser das Klima schützt und was auf die Moore zukommt.

Aurich/Wiesmoor - Noch schluckt der fast schwarze Boden das ganze Licht. So frisch ist der Eingriff noch. Erst in diesem Jahr wurde auf der ehemaligen Moorweide in Aurich-Tannenhausen die obere Bodenschicht abgetragen. Michael Diekamp steht an ihrem Rand auf einem frisch aufgeschütteten Wall. Der soll verhindern, dass das Wasser von dieser Moorfläche abläuft. Diekamp ist Leiter der Staatlichen Moorverwaltung Weser-Ems in Meppen.

Was und warum

Darum geht es: Während woanders Pläne zum Wiedervernässen von Moorflächen – wie zum Beispiel am Ottermeer – hohe Wellen schlagen, arbeitet die Staatliche Moorverwaltung Weser-Ems in Tannenhausen Fläche für Fläche ab. Mit dem Niedersächsischen Moorschutzprogramm ist bei ihnen 1981 nach Jahren der Ausbeutung von Moorflächen ein neuer Geist eingezogen. Beim Spaziergang über die Wiedervernässungsflächen spricht der neue Leiter Michael Diekamp darüber, was die Moorverwaltung inzwischen für das Klima tut.

Vor allem interessant für: Naturfreunde und Klimaschützer

Deshalb berichten wir: Wer rund um das Ewige Meer in Tannenhausen oder im Naturschutzgebiet Wiesmoor-Klinge unterwegs ist, trifft dort auf Flächen, die von der Staatlichen Moorverwaltung entwickelt werden. Die Redaktion wollte wissen: Was genau machen ihre Mitarbeiter dort?

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

Er blickt auf die aufgeräumten Rechtecke der vernässten Flächen und nickt in ihre Richtung: „Der Natur ist es egal, ob es konstruiert aussieht. Sie interessiert nur das Ergebnis.“ Das sieht im Optimalfall so aus, dass das Moor hier wieder wächst, irgendwann die Dämme verschluckt und sich selbst erhält. Das dauert Jahrtausende. Bis dahin hat die Moorverwaltung noch viel zu tun.

Es geht um 345 Hektar Hochmoorgrünland

Auf diesen Flächen wurden mit dem Oberboden die Pflanzen und Samen entfernt, die eher zu einer Weide, nicht aber zu einer Moorfläche passen, erklärt Diekamp. Es wird ein paar Jahre dauern, bis sich die typischen Pflanzen den tiefschwarzen Boden zurückerobern. Torfmoose sollen wieder unbegrenzt wachsen und die Böden zu natürlichen Kohlenstoffsenken machen.

Während am Ottermeer in Wiesmoor Pläne zum Wiedervernässen von Moorflächen hohe Wellen schlagen, arbeitet die Staatliche Moorverwaltung in Tannenhausen bereits Fläche für Fläche ab. Sogar im größeren Stil. Eine Projektfläche von etwa 345 Hektar Hochmoorgrünland wurde südlich des Ewigen Meeres durch ein Flurbereinigungsverfahren in Landeseigentum zusammengefasst. Zuständig ist die Moorverwaltung am Ewigen Meer für eine viel größere Fläche. Insgesamt befinden sich hier 610 Hektar in Landeseigentum.

Die Rechnung mit dem Kohlendioxid

Die Flächen werden seit dem ersten Dammbau im Jahr 2020 Stück für Stück wiedervernässt. Auch auf der Fläche vor Michael Diekamp steht das Wasser. In den großen, tiefschwarzen Pfützen spiegelt sich der Himmel. „So soll es sein“, sagt er und nickt zufrieden. Es ist ein langfristig angelegtes Projekt und soll bis ins Jahr 2042 laufen. Nutzen soll es der Artenvielfalt und vor allem dem Klima.

Die Rechnung ist einfach: Torfmoose nehmen wie alle Pflanzen Kohlendioxid aus der Luft auf. Gesunde Moorböden wachsen jährlich einen Millimeter und das tiefer liegende organische Material wird mit dem Kohlenstoff langfristig in den sauerstoffarmen Schichten des feuchten Bodens gespeichert.

Viele Moorflächen sind eine Gefahr für das Klima

Diekamp unterbricht seinen Gedankengang – das Hauptziel sei eigentlich ein anderes, sagt er. Denn die Wiedervernässung soll erst einmal dafür sorgen, dass diese Flächen nicht weiterhin das Klimagas freisetzen. Denn das passiert, wenn Moorstandorte trockengelegt werden. Dann läuft der Kreislauf andersherum. Auch diese Moorflächen in Tannenhausen wurden dadurch eher zu einer Gefahr für das Klima, als zu seinem Retter.

Auf den wiedervernässten Flächen kann sich der jahrzehntelang trockengelegte Moorboden wieder mit Wasser vollsaugen. Feuchte Sommer sind für ihn ein Segen. Foto: Böning
Auf den wiedervernässten Flächen kann sich der jahrzehntelang trockengelegte Moorboden wieder mit Wasser vollsaugen. Feuchte Sommer sind für ihn ein Segen. Foto: Böning

Der Wall, auf dem Diekamp steht, ist breit und flach, damit die Spezialfahrzeuge der Moorverwaltung darauf fahren können. „Wir verwalten so viel Fläche, dass wir sie nicht unterhalten könnten, wenn wir überall Hand anlegen müssten“, sagt Diekamp. 18.000 Hektar sind es allein in der Region Weser-Ems. Auch dem Steuerzahler sei nicht zu vermitteln, wenn hier nicht effizient gearbeitet würde, ergänzt Diekamp.

Eine Wende um 180 Grad

Ursprünglich wurde der Geschäftsbereich beim Amt für regionale Landesentwicklung Weser-Ems dafür eingerichtet, Moorstandorte nutzbar zu machen. „Auch damals gab es Stimmen, die vor den Folgen gewarnt haben“, sagt Michael Diekamp. Aber sie konnten das Trockenlegen und die Nutzung der Moorflächen nicht verhindern.

„Die Moorverwaltung hat seitdem eine 180-Grad-Wende vollzogen“, sagt der Diplom-Forstwirt, der die Leitung vor gut einem Jahr übernommen hat. Heute gehören etwa 40 Mitarbeiter und jede Menge Spezialmaschinen für die Bewirtschaftung der feuchten Moorböden zur Moorverwaltung Weser-Ems – verteilt auf vier Außenstellen. Eine davon in Wiesmoor. Eine ihrer Hauptaufgaben ist inzwischen die Wiedervernässung von Mooren.

Vom Abseits ins Rampenlicht

Die Flächen, für die seine Behörde zuständig ist, gehören dem Landwirtschaftsministerium und dem Umweltministerium des Landes Niedersachsen. „Das Gute ist, dass bei uns alles in einer Hand liegt“, sagt der Leiter. Was er damit meint: Sein Geschäftsbereich hat die Flächen, die Mitarbeiter und die Maschinen, um ganze Projekte selbst umzusetzen. Nur die Vorgaben machen andere: „Wir arbeiten so, wie die Politik es vorgibt.“

Infotafel am Projektgebiet: Der darauf abgebildete Vogel Neuntöter gehört zu den Leitarten der Moorflächen. Er ist vor allem durch sein Verhalten bekannt, Beutetiere auf Dornen aufzuspießen. Foto: Böning
Infotafel am Projektgebiet: Der darauf abgebildete Vogel Neuntöter gehört zu den Leitarten der Moorflächen. Er ist vor allem durch sein Verhalten bekannt, Beutetiere auf Dornen aufzuspießen. Foto: Böning

Er grinst: „Bis vor etwa fünf Jahren waren die Staatliche Moorverwaltung und der Moorschutz eher Nischenthemen“, sagt er. Dann sind die Moore als Klimaretter in den Fokus der Politik geraten. Die Moorverwaltung rückte mit ihnen ins Rampenlicht. Der Diplom-Forstwirt hat sich schon mit Torfmoosen als Kohlenstoffspeicher beschäftigt, da waren Moore noch nicht in Mode – und ihnen 2009 seine Diplomarbeit gewidmet. Jetzt kann er vorne mit dabei sein, wenn der Moorschutz Fahrt aufnimmt.

Ein großes Potenzial

Denn das Klimaschutz-Potenzial ist groß. Niedersachsen kommt mit fast 400.000 Hektar auf ein Drittel aller Moorflächen Deutschlands. Bei den Hochmooren liegt das Bundesland bei zwei Drittel aller bundesdeutschen Flächen. Der größte Teil wurde durch Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Torfabbau über viele Jahrzehnte stark entwässert – viel Arbeit also für die Moorverwaltung.

Nicht überall sind die Voraussetzungen so gut, wie auf den an das Ewige Meer angrenzenden Flächen in Tannenhausen. Hier gibt es noch die mächtige Torfschicht, das Werk von Jahrtausenden. „Auf diesem Hochmoorgrünland wurde Torf nie industriell abgebaut“, sagt Diekamp. „Höchstens der obere Weißtorf fehlt.“ Unter seinen Füßen liegt eine drei Meter mächtige Schicht. Die kann sich jetzt wieder mit dem aufgestauten Wasser vollsaugen. Feuchte Sommer, wie dieser, sind für sie ein Segen.

Auch andere Moorflächen brauchen Wasser

Nicht überall geht die Wiedervernässung so reibungslos wie in Tannenhausen. Wie es zum Beispiel am Ottermeer weitergeht, verfolgt Diekamp gespannt. Hier hatte der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) beim Landkreis Aurich und der Stadt Wiesmoor angefragt, ob sie Interesse an einem von seinem Klimafonds finanzierten Klimaschutzprojekt zur Wiedervernässung von Flächen im Landschaftsschutzgebiet „Am Ottermeer“ haben. Dort sind seitens der Moorverwaltung nur benachbarte Fläche betroffen. Diekamp war deshalb bisher nicht in die Planungen eingebunden. Anders sieht es im Naturschutzgebiet Wiesmoor-Klinge aus. Große Teile befinden sich in Landeseigentum und werden durch die Staatliche Moorverwaltung eingerichtet, entwickelt und gepflegt.

Wie genau es in Tannenhausen weitergeht, steht noch nicht bis ins Detail fest. Für einige Flächen sei das Ziel, extensiv bewirtschaftetes, feuchtes Grünland zu entwickeln, schreibt Diekamp nach dem Treffen im Moor in einer Mail. Was hier auch am Ende entstehen soll, er rechnet damit, dass es in Zukunft alles ein wenig schneller gehen wird. Denn wiedervernässte Moorflächen gelten als schnelle und wirksame Lösung, um den Klimawandel aufzuhalten. „Je schwerer es wird, andere schnelle Wege zu gehen, desto mehr rücken sie in den Fokus“, sagt Diekamp. Solange zum Beispiel das Tempolimit auf sich warten lässt, ist es also noch wichtiger, mit der Wiedervernässung von Mooren zu punkten.

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