120 Marathons in 140 Tagen  Wahnsinnstour führt auch nach Ostfriesland

Maren Stritzke
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Von Maren Stritzke
| 24.07.2023 16:52 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Marathons durch die Berge waren extrem kräftezehrend. Dennoch behielt Joyce Hübner ihre gute Laune. Foto: Uptothetop.de
Die Marathons durch die Berge waren extrem kräftezehrend. Dennoch behielt Joyce Hübner ihre gute Laune. Foto: Uptothetop.de
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Joyce Hübner befindet sich auf der Reise ihres Lebens. Die Extremsportlerin aus Berlin läuft die deutsche Grenze ab. Wie entstand die Idee und warum wurde sie zweitweise von Polizisten begleitet?

Ostfriesland - Zwölf Paar Schuhe hat Joyce Hübner eingepackt und im Auto liegt so viel Kleidung, dass sie im Notfall 25 Tage ohne Waschmaschine auskommen könnte. „Bislang haben wir es aber geschafft, alle zwei Wochen zu waschen“, sagt Hübner, die sich gerade auf der Reise ihres Lebens befindet. Denn die 35-jährige Extremsportlerin will mit 120 Marathons in 140 Tagen einmal Deutschland umrunden. Sie läuft dabei im Uhrzeigersinn die deutsche Grenze ab, wodurch ihre Wahnsinnstour auch durch Ostfriesland führt.

„Ich war noch nie an der Nordsee“, sagt Hübner und freut sich schon darauf, „stundenlang am Wattenmeer“ entlangzulaufen. Momentan befindet sie sich noch in Nordrhein-Westfalen. Wenn alles wie bislang nach Plan verläuft, wird sie am Dienstag, 1. August, erstmals ostfriesischen Boden betreten. Ihr Marathon Nummer 78 wird sie von Rütenbrock (Stadt Haren) nach Wymeer lotsen. Nach einem Ruhetag am Mittwoch geht es dann am Donnerstag vom Rheiderland nach Twixlum. Einen Tag später läuft sie von dort aus weiter nach Neuwesteel (Stadt Norden). Der Marathon Nummer 81 führt sie weiter in Richtung Esens, ehe sie am Sonntag, 6. August, Ostfriesland verlässt und sich nach Hooksiel aufmacht.

Idee entstand im Biergarten

Die flachen Strecken im Nordwesten werden Hübners Füßen sicherlich guttun. Denn auf ihrer Tour, die am 1. Mai in Frankfurt an der Oder begann, hat sie bereits 58.000 Höhenmeter bewältigt. Ihre Marathons im Erzgebirge und in den bayrischen Alpen waren extrem kräftezehrend. Doch die atemberaubende Berg-Kulisse und die netten Menschen, die Hübner auf ihren Strecken begleiten, entschädigten für all die Strapazen.

Wunderschöne Natur: Joyce Hübner und ihre Mitläufer in den Bergen. Foto: Uptothetop.de
Wunderschöne Natur: Joyce Hübner und ihre Mitläufer in den Bergen. Foto: Uptothetop.de
Doch wie kommt eine 35-jährige Frau, die 2016 ihren ersten Halbmarathon in Berlin lief, überhaupt auf die Idee, die deutsche Grenze in 120 Marathons abzulaufen? „Die Idee entstand mit Freunden im Biergarten“, erinnert sich Hübner und lächelt. Und je mehr sich die Berlinerin mit dem Gedanken beschäftigte, desto konkreter wurden die Pläne für die Welt-Premiere. Denn laut Hübner ist bislang noch kein Sportler die deutsche Grenze abgelaufen. Monatelang hat sie dann nach Feierabend die Routen geplant: In insgesamt 5200 Kilometern wird sie Deutschland umrunden. „Auf der Tour will ich auch zeigen, wie schön es vor der eigenen Haustür sein kann“, erklärt Hübner, die für ihr Projekt bei ihrem Arbeitgeber unbezahlten Urlaub genommen hat. Die Berlinerin arbeitet bei einem Wohnungsbauträger im Kundencenter.

Oma und Opa gucken Tiktok-Videos

Auf ihrer Abenteuerreise wird sie von ihrem Freund Sven begleitet. Er kümmert sich um das Drumherum – also unter anderem um Verpflegung, Unterkünfte und Social-Media-Beiträge. Denn auf Instagram und Tiktok berichten die beiden umfangreich von der Deutschlandumrundung. „Nach den Marathons bin ich noch rund acht Stunden mit den Beiträgen auf Social Media beschäftigt“, sagt Hübner, die auch während ihres Laufs immer mal wieder kurze Videos dreht. Gespannt sitzen dann auch Hübners Großeltern vor dem Smartphone. „Oma und Opa gucken sich bei Tiktok meine Beiträge an“, sagt Hübner, die am 20. September ihre letzte Etappe zurück nach Frankfurt/Oder absolvieren will und sich nach dem Projekt vor allem auf ihre Familie freut.

Ihre „Ersatzfamilie“ ist derzeit ihre Läufergemeinschaft. Täglich wird die Extremsportlerin von vielen Laufbegeisterten begleitet. „Ich lerne so viele tolle Menschen kennen – von der zehnjährigen Laufanfängerin bis hin zum 71-jährigen Ultraläufer“, freut sich Hübner, die in Sachsen sogar von mehreren Bundespolizisten begleitet wurde. Denn ein Foto von Joyce Hübner und ihrem Freund kursierte im Intranet der Polizei. „In Sachsen sind wir in eine Verkehrskontrolle geraten. Ein Polizist aus der Presseabteilung hatte von uns ein Foto gemacht und ins Intranet geschrieben, dass man mich auf den Strecken begleiten kann.“ Und so schlossen sich vor beziehungsweise nach Dienstbeginn immer mal wieder Beamte der Marathonläuferin an.

Auch schon bei Wildfremden übernachtet

Es sind eben auch die vielen spannenden Menschen, die Hübner motivieren. „Wenn ich morgens um 7 Uhr die Mitläufer am Start sehe, die sich extra für mich aus dem Bett gequält haben, komme auch ich in Schwung“, sagt Hübner und lächelt. Manche Läufer begleiten sie dann nur einige Kilometer, andere sind 30 oder gar die gesamten 42 Kilometer an ihrer Seite. „Ich gehe die Strecken auch ganz entspannt an“, sagt die Berlinerin. Auf flacher Strecke mit Pausen zwischendrin schließt sie einen Marathon in rund fünf Stunden ab.

Täglich wird Joyce Hübner von Mitläufern begleitet. Einige laufen nur ein paar Kilometer mit, andere sind 42 Kilometer an Hübners Seite. Foto: Privat
Täglich wird Joyce Hübner von Mitläufern begleitet. Einige laufen nur ein paar Kilometer mit, andere sind 42 Kilometer an Hübners Seite. Foto: Privat
Täglich müssen Hübner und ihr Freund sich neue Unterkünfte buchen. Sie schlafen in Hotels, Ferienwohnungen oder übernachten auch mal privat. „Wir haben auch schon bei Wildfremden auf der Coach geschlafen“, sagt Hübner, die auf ihrer Tour auf Spenden angewiesen ist. Die eine Hälfte der Beiträge fließt in die laufenden Kosten, die andere Hälfte wird Hübner an den Bundesverband Kinderhospiz spenden.

Verbrauch von 5000 Kalorien am Tag

Nach den Marathons müssen sich die beiden Reisenden auch ums Essen kümmern – und landen meist in einem Restaurant. 3000 Kalorien verbraucht Joyce Hübner während eines Marathons, hinzu kommt der Grundumsatz von 2000 Kalorien. „Manchmal fällt es mir schwer, überhaupt etwas zu essen. Vor allem nach den Bergetappen hatte ich keinen großen Hunger“, sagt sie. Auf ihrer Reise isst sie aber alles, auf was sie Lust hat. „Wir versuchen auch, regional zu essen. In Bayern gab es zum Beispiel Schnitzel, an der belgischen Grenze Pommes.“

Über ihre bisherigen Erlebnisse könnte Joyce Hübner schon jetzt ein Buch schreiben. „Ich mache mir auch regelmäßig Notizen“, sagt sie. Und nächste Woche beginnt das Kapitel Ostfriesland.

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