Achtung, Verbrennungsgefahr Quallen verderben Badegästen den Spaß
Wärmeres Wasser, mehr Nahrung, weniger Fressfeinde: Die Lebensbedingungen von Quallen haben sich verändert. Das hat auch Folgen für Badegäste an Ostfrieslands Badestränden.
Langeoog/Ostfriesland - Wer derzeit eine Abkühlung in den Wellen der Nordsee sucht, sollte Vorsicht walten lassen: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich unter den „Badegästen“ auch Quallen befinden, ist hoch. Immer wieder stranden die Tiere, nachdem sie in den Brandungsstrudel geraten sind. Fotos von teils großen Exemplaren von beispielsweise den Inseln Langeoog oder Baltrum machen aktuell in den sozialen Medien die Runde. Dass die Tiere gerade jetzt vermehrt in Erscheinung treten, ist kein Zufall: Im Moment pflanzen sie sich fort, erklärt Dr. Benedikt Wiggering auf Nachfrage. Der Biologe ist Mitarbeiter der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, zuständig für Monitoring und Biodiversität. „Jetzt sind die meisten unterwegs. Im August ist die Hochphase und dann flaut es wieder ab.“ Wer sich also beim Schwimmen nicht versehentlich mit einer sogenannten Feuerqualle anlegen will, sollte jetzt aufmerksam sein.
Was und warum
Darum geht es: Quallen haben gerade Hochkonjunktur. In den kommenden Wochen werden Badegäste auf dem Festland und auf den Inseln vermehrt auf Exemplare treffen. Bei einigen ist Vorsicht angebracht.
Vor allem interessant für: jeden, der sich gern in den Nordseefluten abkühlt oder bei Strandspaziergängen entspannt
Deshalb berichten wir: In den sozialen Medien kursieren derzeit Fotos von Quallen mit teils immensen Ausmaßen von mindestens einem halben Meter Durchmesser. Die Redaktion wollte wissen, ob diese Schnappschüsse echt sind. Und ob der Eindruck stimmt, dass Quallen sich mittlerweile öfter als noch vor einigen Jahren unter Ostfrieslands Strandbesucher mischen. Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de
Als Feuerquallen werden im Volksmund die Quallenarten zusammengefasst, die bei Berührungen ihrer Nesselfäden mit der Haut ernsthafte Schmerzen verursachen können. Sie bewirken Rötungen, Schwellungen und Juckreiz. Darüber hinaus können sie zu Übelkeit, Erbrechen oder sogar Bewusstlosigkeit und Herz-Kreislauf-Problemen führen. Welche Qualle unangenehm werden kann und welche nicht, das sei oft schwer bis unmöglich einzuschätzen, warnt Wiggering. Er rät: „Wenn man keine Ahnung hat: Finger weg.“ Darüber hinaus mache es durchaus Sinn, sich mit den für ihn absolut faszinierenden Tieren genauer auseinanderzusetzen. Die nämlich werden seit Jahrzehnten stetig mehr. Ein Grund für diese Entwicklung ist auch der Klimawandel. „Im Endeffekt bedeutet das, dass wir mit mehr Quallen leben müssen.“
Bei Verbrennungen schnell aktiv werden
Dr. Joachim Koller hat als ehemaliger Inselarzt auf Langeoog in den zurückliegenden Jahren häufig mit Verbrennungen nach Kontakten mit den Meeresbewohnern zu tun gehabt, teilt er auf Nachfrage mit. Ende vergangenen Jahres ging er in den Ruhestand. Künftig können sich Inselgäste in Not an seine Nachfolger wenden. Aktiv werden sollten die Badegäste direkt nach dem Kontakt mit einem gallertartigen Lebewesen, rät der erfahrene Mediziner. Als erste Maßnahme sei Rasierschaum auf die betroffene Hautstelle aufzutragen. Alternativ sollte die Stelle mit Strandsand abgerieben und danach gründlich mit Meerwasser und keinesfalls Süßwasser abgespült werden. Meist bleiben nach einem Kontakt mit einer Qualle nämlich Rückstände auf der Haut zurück: In den Tentakeln befinden sich Nesselkapseln mit Gift, die bei der Berührung der Haut nur zum Teil aufplatzen. Normalerweise hält die Qualle damit ihre Beute in Schach.
Nicht jede Quallenart hat diese Wirkung, beispielsweise die Kompassqualle, Ohrenqualle oder Blaue Nesselqualle. Die Nesselkraft von Letzterer ist vergleichbar mit der von Brennnesseln. In den zurückliegenden Jahren aber sorgten zudem immer mehr Feuerquallen für Irritationen bei Ostfrieslands Strandbesuchern. „Weil es insgesamt mehr Quallen gibt, gibt es auch mehr von denen“, erläutert Wiggering die Zunahme dieser hautirritierenden Arten. Durch den voranschreitenden Klimawandel hat sich das Wasser in der Nordsee erwärmt. „Arten, die es kühler mögen, wandern nördlich.“ Dafür kämen andere Arten, die hier früher nicht heimisch waren, aus dem Süden zu uns. Beispielsweise die Gelbe Nesselqualle oder rote Arten, die für den Menschen bei Berührung äußerst unangenehm werden könnten.
Quallen sorgen für sauberes Wasser
Höhere Wassertemperaturen, dazu milde Winter, ein Überangebot an Nahrung und das Wegfischen natürlicher Fressfeinde der Qualle durch den Menschen: Das und mehr führt wissenschaftlichen Studien zufolge seit Jahrzehnten zu immer mehr Quallen. Plankton als Lebensgrundlage gibt es mehr als genug. Und auch der Lebensraum für das wandlungsfähige Tier mit einem Körper aus 98 Prozent Wasser ist deutlich größer: Durch immer größere Häfen mit meterlangen Mauern, sonstige Seebauwerke und Offshore-Anlagen finden Polypen gute Bedingungen. Mit denen fängt alles an. Die nämlich bevorzugten feste Untergründe. „Quallen sind der mobile Reproduktionsstatus eines Polypen“, erklärt der Biologe.
Und so sind es die durch den Menschen verursachten Veränderungen, die immer mehr Medusen wachsen lassen: Obwohl Wissenschaftlern zufolge flächendeckende Studien fehlen, ist eines doch klar: Je mehr der Mensch in die Ozeane eingreift, desto besser können sich einige Arten entwickeln. Die Medusen allerdings nur als Unruhestifter am Badestrand wahrzunehmen, werde ihnen nicht gerecht, meint Benedikt Wiggering: „Die Qualle ist ein wunderschönes Tier.“ Er sagt: Die Schönheit der Tiere trete für den Menschen allzu oft in den Hintergrund. Vielmehr werde immer wieder nach ihrem Nutzen gefragt. Doch auch der ist groß bei den kleinen Tieren: „Sie reinigen Teile der Wassersäule.“ Doch das sei längst nicht alles: Jedes Tier hat seinen Platz in einem Ökosystem wie dem Meer. Verschwindet eines oder breitet sich massiv aus, entsteht ein Ungleichgewicht.
Projekt „Zukunft Nordsee“
Dieser Beitrag ist Teil des Projekts „Zukunft Nordsee“ von Ostfriesen-Zeitung, General-Anzeiger, Borkumer Zeitung, Nordsee-Zeitung, Kreiszeitung Wesermarsch und Deutscher Presse-Agentur (DPA). In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen, die für die gesamte Küstenregion relevant sind – zum Beispiel mit dem Klimawandel, erneuerbaren Energien, der Entwicklung der Wirtschaft und dem Tourismus. Weitere Beiträge dazu finden Sie hier.
Dieses Ungleichgewicht gibt es längst: Einzelne Exemplare erreichen neuerdings einen Durchmesser von bis zu einem Meter. Es fehlen die kalten Winter, die dies verhindern. Haben die Medusen erst einmal eine bestimmte Größe erreicht, haben sie keine natürlichen Fressfeinde mehr. Es gibt auch aufgrund der Überfischung der Meere kaum noch Fische, die es mit ihnen aufnehmen könnten. Einzig die Strömung kann der Qualle ab einer bestimmten Größe dann noch zum Verhängnis werden, denn: „Sie kann nicht eigenständig gegen die Strömung ankämpfen.“ Werden sie angespült, trocknen sie aus, so der Biologe. Doch selbst mit ihrem Tod erfülle sie noch einen wichtigen Zweck. Sie diene manchem Küstenbewohner als Nahrung.