Wyong Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg: Wie ein Fisch im Wasser
Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg will und soll die Nationalmannschaft der Frauen bei ihrem dritten WM-Turnier in Australien zum dritten Stern führen. Aber wer ist die Frau, auf der gleichermaßen Hoffnungen und Erwartungen ruhen.
Jeder Morgen beginnt mit einem Lächeln. Gegen 6.15 Uhr geht Martina Voss-Tecklenburg mutterseelenallein durch die Anlage des Mercure Kooindah Waters Hotel. Die meisten schlafen in den Apartments zwischen Mangroven- und Eukalyptusbäumen ja noch, wenn sie in den Swimmingpool steigt. Einmal tief Luft geholt, dann zieht die Bundestrainerin im Wasser ihre Bahnen. Sie braucht das als Ausgleich. Um den Druck abzuschütteln. Und den Kopf freizubekommen.
Eine Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen ist inzwischen in vielerlei Hinsicht so groß – die DFB-Delegation umfasst 70 Personen - ,dass sie sonst bis zum Einschlafen nicht mehr abschalten kann. „Gestern war das Wasser ein bisschen kalt“, verriet sie am Freitag, nachdem sie am Wyong Race Club von den Fernsehinterviews gekommen war.
Ein kurzer Smalltalk mit der 55-Jährigen ist trotz des deutlich größeren Medientrosses bei den deutschen Fußballerinnen mitunter noch drin. Und wenn ein Fotograf sie bittet, sich vor der Rennbahn aufzustellen, erfüllt sie mit einem Lächeln auch diese Bitte. Gerade sie will zeigen, dass man sich an der Central Coast wohlfühlt, obwohl die maßgeblich von ihr mit ausgesuchte Herberge sich eher an ältere Golfer als junge Sportlerinnen richtet.
Wenn die Mission zum dritten Stern früh scheitert, werden viele sagen, dass die Frauen in Australien denselben Fehler wie die Männer in Katar gemacht haben, sich so weit ab vom richtigen Leben einzuquartieren. Doch Voss-Tecklenburg hat ihre Argumente genannt: Für dieses Großevent auf dem fünften Kontinent unter logistisch und klimatisch völlig anderen Bedingungen sei gewisse Ruhe unerlässlich.
Ihr Team greift erst am Montag gegen Marokko ins Turnier ein, wenn alle Topteams schon gespielt haben. Das ZDF wird live berichten. Aber wie sehr der zweifache Weltmeister wertgeschätzt wird, zeigt das offenbar ausverkaufte Stadion in Melbourne. Voss-Tecklenburg weiß, dass der dritte WM-Titel nach 2003 und 2007 angesichts der wachsenden Konkurrenz ein sehr ambitioniertes Ziel ist. Die Partien sind deutlich körperbetonter geworden.
Hinzu kommt der tückische Spielplan. Ein Achtelfinale gegen Brasilien oder Frankreich kann leicht verloren werden, ohne ganz viel falsch zu machen. Die hohe Erwartungshaltung bekämpft die Trainerin nur ganz leise. Schließlich ist sie selbst extrem ehrgeizig – und doch „entspannter als früher“, wie Co-Trainerin Britta Carlson verrät, die auf dem einem weißen Gartenzaun umgebenen Trainingsplatz fast immer an Seite der Bundestrainerin ist. Die beiden sind befreundet, sprechen alles ab, wobei die Chefin diejenige ist, die mit einem herüber geschossenen Ball die Betreuer-Crew erschreckt. Spaß muss in diesem Job auch mal sein.
Sie ist erst die sechste Person auf diesem Posten. Nachdem das Experiment mit Steffi Jones krachend gescheitert war und Horst Hrubesch eine Übergangsphase gesteuert hatte, holte der Deutsche Fußball-Bund seine mittlerweile bis 2025 gebundene Bundestrainerin. Sie hat noch keine Erfolgsbilanz wie Gero Bisanz mit drei Titeln, Tina Theune oder Silvia Neid mit vier Titeln vorzuweisen, trotzdem gilt sie längst als die perfekte Lösung für den krisengeplagten Verband.
Voss-Tecklenburg hat großen Anteil daran, dass die DFB-Frauen durch ihre authentischen Auftritte als Vize-Europameisterinnen als Aushängeschild mit positiver Strahlkraft gelten. Sie vermittelt Fachkompetenz und Führungsstärke. Und eine bessere Moderatorin selbst für die gesellschaftlichen Statements kann sich keiner vorstellen.
Die meinungsstarke Voss-Tecklenburg lässt sich auch nicht vor jeden Karren spannen: Equal Pay bei den Prämien kann Bundeskanzler Olaf Scholz gerne fordern – die Bundestrainerin folgt da nicht. „Wir wissen, wo wir herkommen.“ Sie selbst stammt aus Duisburg. Aufgewachsen im rauen Ruhrgebiet mit vier Geschwistern. Der Vater hat bei Thyssen in Wechselschicht gearbeitet, die Mutter in einem Kindergarten geputzt.
Die Mutter wollte erst nicht, dass die Tochter Fußball spielt, die daher erstmal Handball, Leichtathletik und Tischtennis probieren musste. Erst mit 15 Jahren konnte sie im Verein kicken. Es folgten 125 Länderspiele, vier Siege bei Europameisterschaften (1989, 1991, 1995 und 1997) - aber sie war nie Weltmeisterin. Als sie bei der WM 2015 mit der Schweiz das erste Mal als Trainerin diese Bühne betrat, leuchteten ihre Augen. Auf Kunstrasen in Kanada genügte trotz zweier Niederlagen ein einziger Kantersieg gegen Ecuador, um das Achtelfinalticket zu lösen. Zum Dank wartete für den Gruppendritten der Gastgeber. Riesige Kulisse in Vancouver, tolle Atmosphäre. Und ein achtbarer Abschied. Niemand war sauer.
Als sie vor der WM 2019 in Frankreich erst kurz zuvor die deutsche Nationalelf übernommen hatte, riefen ihre besten Spielerinnen – Alexandra Popp, Dzsenifer Marozsan und Melanie Leupolz in einem Werbespot: „Wir spielen für eine Nation, die unsere Namen nicht kennt“. Das Aus im Viertelfinale gegen Schweden war trotzdem vermeidbar. Voss-Tecklenburg hat Fehler eingeräumt – und bei der EM in England fast alles besser gemacht.
Früh legte sie sich auf ein festes Gerüst und definierte Rollen fest. Ausgeklügelte Matchpläne gingen wie selbsterfüllende Prophezeiungen auf. Und wer hätte die Tür für die lange verletzte Popp überhaupt so lange offengehalten? Das Vertrauensverhältnis zwischen der Torjägerin und Trainerin geht auf gemeinsame Erfahrungen zurück, als der noch amateurhaft strukturierte Frauenfußball gegen viele Klischees ankämpfte.
In dieser Zeit gab es große Brüche in ihrem Privatleben. Schwierige Jahre als alleinerziehende Mutter, nachdem sie ungeplant schwanger geworden war. Immer wieder weg von ihrer Tochter Dina, die sie inzwischen zur Oma gemacht hat. Ein Spagat zwischen Berufsleben und Leistungssport. Und ein Rauswurf aus der DFB-Auswahl vor den Olympischen Spielen 2000 in Sydney, weil Trainerin Tina Theune auf das öffentliche Zerwürfnis mit Inka Grings reagierte. Ihre ehemalige Partnerin ist jetzt Nationaltrainerin der Schweiz. Zufälle gibt’s.
Der Fußball ist der rote Faden in ihrem Leben. Ihren heutigen Ehemann Hermann Tecklenburg lernte sie kennen, als sie sich 2003 mit einem Eigentor im Pokalfinale des FCR 2001 Duisburg von der aktiven Bühne verabschiedete. Ihre Rede beim Bankett geriet so mitreißend, dass der Bauunternehmer danach mit einem Kugelschreiber auf ihren Oberarm „Ich werde Dich heiraten“ geschrieben hat, wie die Bundestrainerin selbst in der TV-Sendung „Inas Nacht“ erzählte.
Die große Liebe hält bis heute –vor einem Monat haben beide ihr Eheversprechen erneuert. Die Tausendsasserin Voss-Tecklenburg zeigt allen, dass die Welt bunter ist als viele denken. Sie hat Bürokauffrau gelernt, Diplom-Sozialarbeiterin gemacht, als Chefredakteurin des Frauenfußballmagazins FF gearbeitet. Die vielen Perspektiven helfen ihr, alle Strömungen einzuordnen.
Sie beharrt längst nicht auf ihrer Meinung, hört sich vieles an. Wenn sie als Expertin im ZDF die Champions League der Männer analysiert, kommt sie fast zu nüchtern rüber, weil sie sich dann nur auf den Fußball beschränkt. Sie hat viel mehr zu sagen.
Aus dem DFB-Präsidium erklangen kürzlich einige (weibliche) Stimmen, doch mal zu überlegen, ob nicht Voss-Tecklenburg die Heim-EM 2024 retten solle. Als Verantwortliche der Männer-Nationalmannschaft. Für sie ist das „überhaupt kein Thema“. Eigentlich müsste sie als Frau mit so vielen Facetten nichts ausschließen, aber das wirkt jetzt so weit weg wie Wyong von ihrem Wohnort Straelen. Gerade fühlt sie mit ihrer Rolle wohl wie ein Fisch im Wasser. Es soll nur bloß keiner den Pool im Quartier trockenlegen.