Osnabrück Lindenberg, Kunze, Grönemeyer: Wie Rockmusiker die verunsicherte Mitte abholen
Jung, progressiv, links? Das war einmal – in der Geschichte der Rockmusik. Jetzt holt der Rock die verunsicherte Mitte bei ihren Existenzängsten ab. Ein Essay über Lindenberg, Grönemeyer und Kunze.
Von Großen Koalitionen hat das Publikum eigentlich die Nase voll – wenn es um Politik geht. In der Musik funktioniert das Modell gerade prächtig. Der „Komet“ von Udo Lindenberg und Rapper Apache 207 degradiert mit seinem Licht selbst eine Helene Fischer zum blass blinkenden Sternchen am Himmel des Pop. 17 Wochen auf Platz eins – das gab es noch nie. Udo und Apache werden dazu wohl nur lässig grinsen und noch einmal an der Zigarre ziehen, die sie sich im Video zum Hit auf dem Balkon des Hamburger „Atlantic“ genehmigen.
Alles nur Zahlen, alles nur Statistik – so wie bei Herbert Grönemeyer, der 2024 noch ein paar Auftritte dazulegt, weil die Karten zu seinen Jubiläumskonzerten in Bochum und Berlin nach 16 Minuten weg waren? Herbert feiert im nächsten Jahr den 40. Geburtstag seines Albums „4630 Bochum“. Das große Publikum feiert mit, weil es Grönemeyer mag und gerade in kollektiver Nostalgie versinkt. Udo liefert den Text dazu. „Lass uns nochmal aufdreh´n“: Der Refrain aus „Komet“ wirkt wie die Grußadresse an Grönemeyers Bochum-Sause.
Politiker gehen immer wieder einmal gern die Große Koalition ein. Denn sie suchen, was sie unablässig beschwören, aber nie zu Gesicht bekommen: die Mitte. Dabei versammelt sich diese Mitte gerade gut sichtbar – rund um die Altstars der deutschen Rockmusik. Udo Lindenberg, Herbert Grönemeyer, Heinz Rudolf Kunze: Es sind die Boomer, ja die Rentner des Rock, die gerade artikulieren, was die Mitte fühlt: Nostalgie als Rettung aus dem Würgegriff von Verunsicherung und Zukunftsangst.
„Halt mich fest“: Heinz Rudolf Kunzes Appell aus dem ersten Song seines neuen Albums „Können vor Lachen“ gilt keinem Liebesglück, sondern letzter Rückversicherung. „Der Schrecken nicht mehr ein Gespenst“: Zu solch apokalyptischen Textzeilen gibt es irrlichternde Klänge. Erinnern wir uns noch an Kunzes Kracher „Dein ist mein ganzes Herz“? 1985 hieß es: „Wir werden wie Riesen sein, uns wird die Welt zu klein“. Dahin soll es wieder gehen, zumindest als Nostalgietrip mit den Oldies des Rock als Reiseführern.
Klaus Lage verhandelt 1982 unter dem Titel „Halt mich fest“ noch eine Beziehungsfrage. Heinz Rudolf Kunze malt mit seinem „Halt mich fest“ 2023 einen mittleren Weltuntergang an die Wand. Die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts sind nicht ohne Grund in Mode. „Das ist wie ein Jungbrunnen, in den man eintaucht“, kommentiert Historiker Sascha Lange den Charterfolg von „Depeche Mode“. Die Band dominiert 2023 bei den Alben, Udo Lindenberg und Apache 207 mit „Komet“ bei den Singles.
Was waren das noch für Zeiten, in denen Rockmusik für Aufbruch und Abenteuer, für ungebrochenes Selbstbewusstsein stand. Jetzt artikuliert diese Musik Gefühle der Überforderung, die wohl nur noch mit Gesten der Großspurigkeit zu beruhigen sind. Im Video zu „Komet“ fährt Udo im Porsche am Landgericht vor, singt seinen Song als Plädoyer für Apache 207, der in orangefarbener Häftlingskluft in den Saal geführt wird. Männer auf der Anklagebank, von Frauen mit ihren Delikten konfrontiert: Es sind feine Signale, die zeigen, welche Welt hier gerade zusammenbricht: nämlich auch die der klar definierten Geschlechterrollen. Natürlich kann Anwalt Udo seinen Mandanten Apache 207 raushauen. Hausarrest? Die großen, ungezogenen Jungs verbringen ihn im Luxushotel mit einer guten Havanna.
Die Mitte steht, politisch gesprochen, derzeit leicht rechts von der Mitte. Diesen Eindruck gewinnt, wer den Sinnangeboten der Altstars folgt. Mit „Bochum 4630“ feiert Herbert Grönemeyer noch einmal die Welt der alten Industriearbeit, 2024, mitten im digitalen Datenrausch. Heinz Rudolf Kunze wettert in Interviews gegen das Gendern in der Sprache oder fordert eine neue Anstrengungskultur in der Bildung. Und Udo Lindenberg zieht sich in verrauchte Clubs zurück.
Das klingt alles reichlich resignativ. Abbas Wiederkehr in Gestalt von vier Avataren: Das war das zuletzt stärkste Zeichen einer Nostalgie, die bezeichnenderweise mit den technischen Mitteln jener Welt verwirklicht wird, der viele entfliehen möchten. Auf den großen Rausch von Party und Konsum folgt mit der Ernüchterung die eine Frage: Und was bleibt von mir?
Udo Lindenberg nuschelt sich zwar wieder in gewohnter Weise durch seinen Song, gibt aber die klügste Antwort auf das Problem des Generationenwechsels und der verrinnenden Zeit: Er verbündet sich mit der Jugend. Rapper Apache 207 ist ein halbes Jahrhundert jünger als der Lokführer des Sonderzugs nach Pankow.
Steht der Rock rechts? Das klingt nach einer allzu schlichten Formel, trifft aber einen Aspekt. Altstars der Rockmusik bilden jedenfalls jene Befürchtungslagen ab, die in der zerbröselnden gesellschaftlichen Mitte grassieren. Ob Kunze, Grönemeyer oder Lindenberg – sie sind Sprachrohre dieser Stimmungszustände und der leisen Furcht, als Generation ohne Signatur abtreten zu müssen.
Udo weiß immerhin, was hilft: Haltung. Was steht da im „Komet“-Video auf der Einstiegsleiste seines Porsche, klein, dafür aber knallrot? No Panic.