Lingen Heiner Schepers: „Kunst trifft auf Emsland. Das war unser Anfang“
„Das war schon fast größenwahnsinnig“: So erinnert sich Heiner Schepers an den Beginn des Kunstvereins Lingen vor 40 Jahren. Gemeinsam mit Meike Behm hat den Rückblick als Zeitreise inszeniert.
Wie fing für Meike Behm alles an? „Ich habe meine ersten Ausstellungen 1995 in meinem Frankfurter Wohnzimmer gemacht“, erinnert sie sich. Da hatte Heiner Schepers schon zwölf Jahre lang Ausstellungen für den Lingener Kunstverein gestaltet, erst im Theater an der Wilhelmshöhe, ab 1997 in der Kunsthalle. Behm löst Schepers 2009 ab. Jetzt stehen sie gemeinsam in der Kunsthalle Lingen. Betonboden, Sprossenfenster und ein Dach, das so hoch oben ist, dass es zu schweben scheint: Der ideale Ort, um 40 Kunstwerke aus 40 Jahren zu zeigen.
Ein bloßer Nostalgietrip? Nein, diese Schau ist eine veritable Zeitreise. Wie war für Heiner Schepers der Start? „Kunst trifft auf Emsland. Das war unser Anfang“, sagt er so versonnen, als ginge er in Gedanken noch einmal alles durch. Den Aufbruch. Und die Kämpfe um eine Kunst, die für viele Menschen ungewohnt war.
„Wir mussten uns ja überhaupt erst einmal platzieren. Informel und Pop Art – das war schon fast größenwahnsinnig“, verweist Schepers auf den Start in den frühen achtziger Jahren. Jetzt sind in der Kunsthalle als Erinnerung ein Farbwirbel von Karl Otto Götz zu sehen und von Mel Ramos das „Martini Girl“, eine Nackte im Cocktailglas.
Schepers hat 20 Künstlernamen für den Rückblick ausgewählt, Meike Behm auch, Schepers mehr Bilder und mehr Männer, Behm dafür mehr Objekte und Installationen – mit einem Plus für die Frauen. Die Quote zeigt schon den Wandel des Zeitgeistes, der sich in dieser Auswahl abbildet.
Pioniere sind sie beide. Kunst zeigen, die einen auch persönlich beschäftigt, ja herausfordert, in den Bildern die eigene Zeit zu reflektieren – dieses Interesse hat beide Kuratoren angetrieben, über 40 Jahre lang. „Die Kunst hat sich mit der Zeit verändert, sie zeigt immer die Zeitläufte“, sagt Meike Behm und schiebt gleich ihr Bekenntnis nach: „Bildung und Aufklärung, das ist unser Credo“. Heiner Schepers nickt still dazu.
Er hat ein Faible für Künstler, die anecken. Schepers brachte den Lingener Documenta-Künstler Harry Kramer groß heraus. Jetzt zeigt er drei schimmelige „Brotköpfe“, Kramers bissig-ironisches Spiel mit der eigenen Vergänglichkeit. „Ich habe aber keinen Künstler so intensiv erlebt wie Daniel Spoerri“, erzählt Schepers. Er zeigte 2002 Spoerris „Fallenbilder“, aufgeklebte Reste von Festessen. Eine Legende der internationalen Objektkunst im Emsland – nicht der einzige Coup, den Schepers in Lingen landete.
Jetzt haben sich Schepers und Behm die Areale in der Kunsthalle sauber aufgeteilt. „Ich habe ja selbst Malerei studiert und mich deshalb vor allem für dieses Medium interessiert“, verweist Schepers auf eine Reihe mit Bildern von Künstlern wie Ulrich Erben, Ina Lindemann oder Heike Kati Barath. Meike Behm dagegen favorisiert Themen und Fragestellungen. Sie startet 2009 mit einer Arbeit von Marjetica Potrc, der Nachbildung eines Hauses aus Jordanien. „Diese Leute bauen viel improvisierter“, verweist Behm auf einen ganzen Themenkomplex von Migration bis Klimawandel.
„Wenn ich etwas zeige, muss ich auch dahinterstehen“, kommentiert Meike Behm rückblickend. Schepers nickt auch dazu. Beide wissen, was es heißt, das Programm einer Kunsthalle zu gestalten. Es geht um keinen Museumskanon, um keine Hierarchie der Kuratoren – Behm wie Schepers kennen das Leben als Einzelkämpfer, die sich um alles kümmern, von der Kunst bis zum Geld der Sponsoren, ohne die in der Kunsthalle nichts läuft.
Ein Kunstverein in der Kunsthalle: Diese Konstellation darf als repräsentativ für die Szene der Kunstvereine in Deutschland gelten. Schepers steht der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Kunstvereine jahrelang vor. Meike Behm ist ihre aktuelle Vorsitzende.
Ihre Position prägt ihre Arbeitshaltung. „Die Kunst geht der Zeit voraus, folgt ihr aber auch“, sagen Behm und Schepers unisono. „40 Jahre – 40 Arbeiten“: In Lingen inszenieren sie ihren ganz persönlichen Rückblick als aufregende Zeitreise. Früher gab es noch Stile, heute laufen in der Kunst viele Tendenzen parallel – Schepers wie Behm sehen Kunst als Trendbarometer und Abenteuertrip.
Liz Bachhubers Wandobjekt wirkt wie das Zeitzeichen dazu. Die Künstlerin hat eine Astgabel und einem Plastikschlauch montiert. Der Schlauch windet sich als Lemniskate, als liegende Acht. Das Symbol der Unendlichkeit passt. In der Kunst nährt sich alles aus allem. In Lingen auch. Wann hat er diese Künstlerin ausgestellt? Heiner Schepers erinnert sich nicht mehr. Egal. Das kleine Wandobjekt ist auch heute noch ein starkes Stück Kunst.
Lingen, Kunsthalle: 40 Jahre – 40 Künstler:Innen. Bis 20. August 2023. Di.-Fr., 10-17 Uhr, Sa., So., 11-17 Uhr.