Kolumne „Artikel 1, GG“  Achtsamkeit beim Lesen und Schreiben

Canan Topçu
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Eine Kolumne von Canan Topçu
| 19.07.2023 10:43 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Canan Topcu
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Wie beeinflussen uns Vorurteile gegenüber anderen Kulturen, wenn wir einen Text lesen? Dieser Frage geht unsere Kolumnistin heute anhand des Beispiels eines aus Syrien stammenden Autors nach.

Wenn man möchte, kann man einen Text so verstehen, wie es einem „in den Kragen“ passt; Pardon, besser so: dass er die eigene politische Haltung bestätigt. Aktuelles Beispiel: ein Artikel aus der „Süddeutschen Zeitung“ vom Sonnabend. Verfasst hat ihn Mohamad Alkhalaf. Der 39-jährige Journalist floh 2015 aus Syrien und hat in der SZ eine Kolumne, die „Typisch deutsch“ heißt.

Im neuen Beitrag erzählt Alkhalaf davon, wie sein jüngst aus Syrien angekommener „Kumpane“ beim Anblick von Eis essenden Frauen errötete. Diese Situation nimmt der Autor zum Anlass, über Konventionen in seinem Herkunftsland zu berichten – davon, dass auch er dort „wie jeder Mann und jede Frau“ vermied, in der Öffentlichkeit Eis zu essen, vor allem nicht in der Waffel. Es gilt als vulgäres, obszönes Verhalten“.

Etliche Menschen empörten sich und unterstellten ihm, er meine, dass auch hierzulande Frauen kein Eis im öffentlichen Raum schlecken sollten. Solch eine Aussage gibt’s in dem Text aber nicht. Die kritischen Kommentare über den Autor im Besonderen und Geflüchtete aus muslimischen Ländern verdeutlichen vor allem, wie sehr ideologisches Denken das Lesen lenkt.

Ich habe die Kolumne, in der sich Alkhalaf mit dem seit kurzem hier lebenden Freund aus Syrien vergleicht und feststellt, wie sehr sich seine Einstellungen seit der Flucht geändert haben, ganz anders gelesen: Sie gibt einen Einblick in die Gedankenwelt von Männern aus patriarchalen Gesellschaften und verdeutlicht, dass sie ihre Einstellungen durchaus ändern können.

Der Text verdeutlicht aber noch etwas: Dass Alkhalaf aus einem religiösen Milieu mit konservativen Ansichten stammt, in dem Eis schleckende Frauen als obszön gelten. So denken aber mitnichten alle Menschen in Syrien. Verallgemeinerungen wie „jede Frau und jeder Mann in Syrien“ tragen zu Vorurteilen über Geflüchtete aus muslimischen Ländern bei. Achtsam Schreiben und Lesen kann helfen, Fehlschlüsse zu vermeiden.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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