Berlin  Netzbetreiber: Windkraft-Widerstand gefährdet Jobs in Meck-Pomm

Tobias Schmidt
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Von Tobias Schmidt
| 19.07.2023 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Vergangenes Jahr wurden in Mecklenburg-Vorpommern nur 15 neue Windräder in Betrieb genommen. Foto: Imago Images
Vergangenes Jahr wurden in Mecklenburg-Vorpommern nur 15 neue Windräder in Betrieb genommen. Foto: Imago Images
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Der Ausbau der Windkraft ist in Mecklenburg-Vorpommern fast zum Erliegen gekommen. Der für die Stromversorgung zuständige Netzbetreiber 50Herzt warnt: Wenn das so bleibt, riskiert das Bundesland seine wirtschaftliche Zukunft.

„Mecklenburg-Vorpommern ist trotz dünner Besiedelung quasi Schlusslicht beim Ausbau der Windkraft“, beklagt der Chef des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz, Stefan Kapferer, im Interview mit unserer Redaktion. Er kritisierte den Widerstand in der Bevölkerung und bei Behörden und wirft auch der rot-roten Landesregierung von Manueala Schwesig (SPD) vor, das große Wind-Potenzial nicht zu nutzen.

Kapferers Appell: „Die Energiewende bringt Jobs ins Land, das sollte man nicht verspielen!“

Frage: Herr Kapferer, Daten der Bundesnetzagentur zeigen: Der Erneuerbaren-Ausbau hat sich in Teilen Ostdeutschlands verlangsamt. Warum?

Antwort: Es bereitet uns Sorge, dass der Standortvorteil auf der ostdeutschen Seite, gerade auch in Mecklenburg-Vorpommern, in Gefahr gerät. Bei den Ausbauzahlen der vergangenen Jahre für Solar und Wind fällt Mecklenburg-Vorpommern im Ranking der 16 Bundesländer zurück.

Frage: Weil schon vorher so viele Wind- und Solaranlagen aufgestellt wurden?

Antwort: Das könnte man meinen. Aber warum geht es dann in Niedersachsen und Schleswig-Holstein weiter zügig voran? Und in Bayern und Baden-Württemberg, wo schon viele Solaranlagen installiert wurden, beobachten wir ebenfalls eine deutliche Beschleunigung. Es muss also andere Gründe geben.

Frage: Welche?

Antwort: Es gab und gibt einen Genehmigungsstau. Da will die Landesregierung in Schwerin ran und hat neue Stellen geschaffen, gut so! Wir beobachten aber auch eine sehr restriktive Flächenausweisung. Hier liegt das Bundesland nur auf Platz elf, dahinter kommen vor allem noch die kaum vergleichbaren drei Stadtstaaten. Von den Flächenländern ist Mecklenburg-Vorpommern, trotz dünner Besiedelung, quasi Schlusslicht. Unser Eindruck ist: Es werden leider längst nicht alle Potenziale genutzt. Auf der anderen Seite bekommen sowohl die Verteilnetzbetreiber als auch wir in großem Umfang Anfragen und Anträge auf Netzanschlüsse für Wind- und PV-Parks. Das Interesse der Investoren ist also da.

Frage: Die Behörden bremsen?

Antwort: Man kann nicht alles bei den Behörden abladen. Es herrscht häufig leider auch eine eher ablehnende Stimmung vor Ort. Es gibt Bürgerinitiativen, die keinen Ausbau wollen. In der Folge stimmen Gemeinderäte der Ausweisung dringend benötigter Flächen nicht zu. Zugleich sehen wir im benachbarten Brandenburg einen steilen Anstieg bei Solar und Wind. Beide Bundesländer sind vergleichbar – und doch scheint es in Brandenburg ein anderes Mindset zu geben. Es kann sich für Mecklenburg-Vorpommern zum Standortnachteil entwickeln, wenn nicht ausreichend grüner Strom zur Verfügung steht. Bei der Ansiedelung von Infineon bei Dresden, von Intel bei Magdeburg und Tesla in Brandenburg haben die Investoren stets klar gemacht, dass preiswerter grüner Strom ein wichtiger Grund für die langfristig angelegte Investitionsentscheidung war. Wer vor Ort meint, mit Widerstand gegen die Erneuerbaren seiner Region zu nützen, der täuscht sich. Das kommt als Boomerang zurück.

Frage: Hat das auch die Landesregierung um SPD-Politikerin Manuela Schwesig verstanden?

Antwort: Bei den Genehmigungen für Offshorenetzanbindungen, aber auch Leitungsprojekte an Land, läuft es sehr gut. Aber die Erkenntnis, wie wichtig auch der Erneuerbaren-Ausbau an Land ist, scheint noch nicht auf allen Ebenen angekommen zu sein. Da müsste vielleicht vor Ort mehr dafür geworben und das Positive herausgestellt werden. 50Hertz ist in Zukunft auch für Offshore-Netzanbindungen und Stromleitungen in Schleswig-Holstein zuständig. Es ist schon erstaunlich, wie offen und pragmatisch dort Gespräche mit Kommunalvertretern geführt werden. Die sehen natürlich auch die Beeinträchtigung des Landschaftsbildes – aber die sehen auch ganz klar die wirtschaftlichen Vorteile. Die Energiewende bringt Jobs ins Land, das sollte man nicht verspielen. Zumal der Süden Deutschlands aufgewacht ist und der Osten seinen Vorsprung einzubüßen droht. Investoren schauen da genau hin.

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