Kolumne „Alles Kultur“ Eine neue Hymne braucht das Land
Am Montag geht es an dieser Stelle immer um Kultur. Heute widmet sich unsere Kolumnistin passend zur bald startenden Fußball-WM der Frauen den Nationalhymnen – und den Problemen, die sie damit hat.
Wenn Mittelstürmer zu Chartstürmern werden – sieben Alben, 14 Singles, ausgezeichnet mit Gold und Platin – eine beachtliche Diskographie. Doch ob das Team der Fußballnationalmannschaft singen kann, wissen wir nicht nach Beckenbauers und Heynckes’ Exkursen in das Musikbusiness, sondern von diesem einen wiederkehrenden Moment: wenn die TV-Kamera beim Anstimmen der Nationalhymne am Team vorbeifährt. Von leidlichem Gebrummel bis zu aus voller Brust geschmettert ist die Textsicherheit meist gegeben, doch anders als die Waden haben die Stimmbänder der Spielenden selten ein Stretch-Training genossen.
Zur Person
Annie Heger (40), geboren in Aurich und heute hauptsächlich in Berlin lebend, singt, ist Schauspielerin und moderiert Shows, Festivals, Varietés und Galas. Außerdem ist sie Plattdeutsch-Aktivistin.
Die Hymnen sind Ausdruck von Heimatstolz, Zusammenhalt und auch politischem Statement. Italien tremoliert stets laut mit glänzenden Augen und ohne Rücksicht auf tonale Verluste, die iranische Männer-Elf schwieg vergangenes Jahr mutig und unter Protest.
Donnerstag ist das erste Spiel der Fußball-WM in Australien zwischen Neuseeland und Norwegen. Am Sonnabend darf England gegen Haiti zum ersten Mal bei einem großen Turnier „God Save the King“ anstimmen und ist wahrscheinlich froh, dass nur „Queen“ mit „King“ ausgetauscht werden muss – und nicht die Namen der wechselnden Premierminister*innen.
Am 24. Juli kickt dann Deutschland gegen Marokko und singt vorher die Kaiserhymne von Haydn. Es erklingen starke Worte des Dichters von Fallersleben mit noch stärkerem Inhalt und zeitloser Wichtigkeit: „Einigkeit und Recht und Freiheit.“ Aber dann „Vaterland“, ein historisch betrachtet sicherlich verständlicher Begriff, doch stellen sich da meine feministisch-friedensbewegten, Patriotismus mit Argwohn betrachtenden Nackenhaare auf. Dann noch „brüderlich“, auch was Schönes, aber ich fühle mich da einfach nicht mitgemeint. „Unterpfand“, ein bisschen sperrig, „blüh im Glanze“, ein bisschen zu erhaben. Ich finde Nationalhymnen eigentlich immer schwierig, doch wenn wir schon eine haben, warum dann nicht mit der Wiedervereinigung eine neue? Eine, die uns eint und nicht nur alle „mitmeint“.
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