Osnabrück  Neuer Lebensstil: Wieso sind alle so scharf auf die große Faulheit?

Marion Trimborn
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Von Marion Trimborn
| 17.07.2023 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Das „Recht auf Faulheit“ ersetzt das „Recht auf Arbeit“. Foto: dpa/Britta Pedersen
Das „Recht auf Faulheit“ ersetzt das „Recht auf Arbeit“. Foto: dpa/Britta Pedersen
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Es sind Ferien und die Arbeit darf endlich ruhen. Allgemein sinkt sowieso die Wertschätzung von Arbeit. Chillen wird als Lebensform zum Ideal stilisiert. Das „Recht auf Faulheit“ löst das „Recht auf Arbeit“ ab. Wie kann eine Gesellschaft so funktionieren?

Als ich Abitur gemacht habe, hat mein Vater mir einen Bausparvertrag geschenkt. Er hatte darauf 50 D-Mark als Startkapital eingezahlt. Es war das typische Geschenk einer kleinbürgerlichen Nachkriegsgeneration, die es zu etwas gebracht hatte, an ihre Kinder. Versehen mit der Botschaft: Arbeit lohnt sich! Sparen lohnt sich! 

Was unsere Eltern uns aus dem 20. Jahrhundert mitgegeben haben, ist der unbedingte Glaube daran, dass man aus eigener Kraft und mit einer ordentlichen Ausbildung etwas aus sich machen kann. Dass man für ein Haus spart („Schaffe, schaffe, Häusle baue”), sich anstrengt – und dass Arbeit einen Wert hat.

Doch nun? Die Wertschätzung der Arbeit ist in den vergangenen Jahren gesunken. Laut einer Umfrage des Umfrage-Instituts Yougov für den Versicherer HDI sagten jüngst nur noch 58 Prozent der Unter-25-Jährigen, dass sie sich ein Leben ohne Beruf nicht vorstellen könnten – im Jahr 2020 waren es noch fast 70 Prozent gewesen. Mehr als die Hälfte (!) aller befragten Arbeitnehmer aller Altersgruppen würde am liebsten ihren Job an den Nagel hängen, wenn sie es sich finanziell leisten könnten. 

Da liegt schon der Denkfehler. Der Job ist dafür da, um sich sein Leben finanzieren zu können. Wie auch sonst? Die große Erbschaft, der Lottogewinn – das alles bleibt in der Regel ein Wunschtraum. 

Doch die große Faulheit hat Einzug in unsere Gesellschaft gehalten. Motivationsverlust, Müdigkeit, verbunden mit einer Schwächung der emotionalen Stabilität, denn die Zahl der Besuche beim Psychiater ist sprunghaft gestiegen. Statt ins Kino zu gehen, wird gestreamt. Statt zu kochen, wird der Lieferdienst bestellt. Chillen ist die oberste Maxime und „Quiet Quitting”, also nur das Nötigste arbeiten, wird zum Volkssport.

Diese wachsende Unlust ist dabei nicht (nur) eine Folge der Corona-Pandemie, sondern des Konflikts zwischen Arbeit und freier Zeit. Dem „Recht auf Arbeit”, für das unsere Väter gekämpft haben, wird verstärkt das „Recht auf Faulheit” entgegengesetzt. Ein Gewerkschafter erzählte mir jüngst: „In Berlin gilt man schon als rechts, wenn man morgens aufsteht und mit Hemd und Sakko ins Büro geht.“

Im Ausland ist bis heute das Bild verbreitet, dass die Deutschen gut organisiert sind, zielorientiert arbeiten und schnell zu Ergebnissen kommen. Das ist aber längst nicht mehr so. Inzwischen dauert alles extrem lange: Die Wartezeit auf einen Facharzt-Termin. Das Beantragen eines Reisepasses. Ein schnelles Internet an jedem Ort. Der Corona-Lockdown.

Das alles führt dazu, dass die Gesellschaft an vielen Punkten nicht mehr funktioniert. Wenn man schnell zum Arzt muss. Wenn man Fiebersaft für sein Kind braucht. Wenn Überstunden gemacht werden müssen. Wenn es gerade kein Geld vom Staat gibt.

Ich wünsche mir, dass Arbeit und das „Sich-Anstrengen” wieder den Wert bekommen, der ihnen zusteht. Denn das Recht auf Arbeit bedeutet gleichzeitig auch, das Recht auf Selbstverwirklichung zu haben, auf Anerkennung und auf einen Sinn im Leben – ist das etwa nichts?

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