Hamburg Wie die Deutsche Bahn meinen Familienurlaub an der Nordsee verbockt
Ist die Bahn eine Alternative zum Urlaub mit dem Auto? Unser Autor hat es geglaubt. Bis er mit seiner Familie eine Bahnfahrt an die See geplant hat. Ein Erfahrungsbericht aus der Eisenbahn-Hölle.
Meine Familie und ich, wir reisen gern mit der Bahn, nicht nur wegen der Umwelt. Im letzten Jahr haben wir für den Amrum-Urlaub das Auto genommen. Die Autobahnen waren voll, alles dauerte viel länger und die Kinder haben sich fünfmal übergeben. Warum bloß haben wir uns nicht für den Zug entschieden?
Das dachten wir damals. Diesmal haben wir wirklich bei der Bahn gebucht und fragen uns, ob das Auto – trotz Reiseübelkeit – am Ende das kleinere Übel ist.
Eigentlich fährt von uns in Berlin aus ein durchgehender Zug bis Dagebüll (Mole). Erste Enttäuschung: Diesmal gilt das nur auf dem Rückweg; auf der Hinfahrt steigen wir dreimal um. Na, gut – da wird wahrscheinlich gebaut. Ziemlich teuer ist die Fahrkarte auch noch. Unsere Kinder fahren noch frei, wir Erwachsenen haben eine Bahncard 25. Für das Flexticket mit Reservierung zahlen wir alle zusammen dann trotzdem 449,32 Euro, Hin- und Rückfahrt. Immerhin: Die Fähre ist inklusive.
Zwei Monate vor Reiseantritt buchen wir, zwei Tage danach schickt die Bahn eine Mail mit Fahrplanänderungen. Alles harmlos: Geändert haben sich nur die Zugnummern, An- und Abfahrten sind gleich. Vier Tage später kommt die nächste Änderung. Hier finden wir gar keine Abweichung mehr.
Auf die dritte Fahrplanänderung reagieren wir dann lässig. Zu Unrecht, denn die hat es in sich. Unser Zug kommt nun präzis 100 Minuten später an. Immer noch haben wir schreckliche drei Umstiege; nun aber wechseln wir nicht mehr zwischen Regionalzügen von Gleis zu Gleis. In Hamburg müssen mit der S-Bahn vom Hauptbahnhof nach Altona; in Husum steigen wir in einen Bus, der uns auch nicht mehr nach Dagebüll bringen wird, sondern – nach Nordstrand?
Möchte man mit Kindern, Gepäck samt zwei großen Strandschaufeln Bus und S-Bahn fahren? Reicht uns am unbekannten Fähranleger die Umstiegszeit von acht Minuten? Und wieso überhaupt kommen wir auf einmal so viel später an?
Auf die letzte Frage, die nach den 100 Minuten Verspätung, gibt es zwei Antworten. Die erste ist erwartbar: Im Großraum Hamburg wird tatsächlich gebaut, teilt die Deutsche Bahn auf Anfrage mit: „In Ihrem Fall verkehrt der ursprünglich geplante Nahverkehrszug RE 7 ab Hamburg Hbf nicht, sondern abweichend ab Hamburg-Altona.“
Tatsächlich war unser Zug schon bei der Ticket-Buchung mit einer Fußnote versehen, die vor einer abweichenden Fahrt ab Altona sprach. Wir hatten sicherheitshalber die Hotline der Bahn angerufen. Auskunft: Eine Verbindung, die angezeigt wird, wird auch bedient; die Fußnote dürfe man ignorieren. Hätte der folgende Ärger sich schon hier vermeiden lassen? „Leider lässt sich der Grund für diese Fußnote nicht mehr nachvollziehen“, heißt es von der Bahn. Grundsätzlich stimme die Auskunft vom Kundentelefon: „Wenn eine Verbindung angezeigt und verkauft wird, dann entspricht das in der Regel auch dem zu diesem Zeitpunkt aktuellen Planungsstand.“ In der Regel?
Die Bahnsprecherin betont, dass man Fahrplanänderungen so schnell wie möglich in die Auskunftssysteme einarbeiten wolle, hier scheine es erst kurz nach unserer Buchung passiert zu sein.
So schicksalsergeben ist der Fahrgastverband Pro Bahn ist dieser Frage nicht: „Wenn die DB Fahrkarten sechs Monate im Voraus verkauft, können Fahrgäste erwarten, dass Bauarbeiten, die in der Regel langfristig geplant sind, dann auch in der Auskunft enthalten sind“, sagt der Experte. „Es ist ein Unding, wenn Urlaubsreisende sich frühzeitig für die Bahn entscheiden und dann kurz vor der Reise erfahren, dass die Reise anders verlaufen wird – wie mit Umwegen, häufigerem Umsteigen oder längeren Fahrzeiten.“
In meiner Reiseempfehlung verstreichen zwischen der Ankunft am Hamburger Hauptbahnhof bis zur Abfahrt in Altona volle 110 Minuten. Tatsächlich ist die lange Wartezeit sinnlos. Wie ich selbst mit zwei Klicks auf dem Bahn-Portal rausfinde, erreichen wir den Anschluss auch, wenn wir in Berlin einfach eine Stunde später starten.
Die zweite Antwort auf die 100 Minuten Verspätung lautet also: Die „Reiseempfehlung“ der Bahn lässt uns mitsamt unseren zwei Grundschulkindern eine Extra-Stunde in Altona rumsitzen. Die Bahn-Sprecherin weist mich auf das Positive hin: Wenn wir den ursprünglich gebuchten Zug nehmen, bliebe uns immerhin unsere Reservierung erhalten.
Der Pro-Bahn-Experten kritisiert noch etwas, auf das ich nie gekommen wäre: Bahn-Reisende, sagt er, müssen sich darauf verlassen können, „dass ihre bereits gekaufte Fahrkarte auch für die neue Route gilt“. Gemeint ist: Von unserem neuen Ziel Nordstrand aus fährt eine andere Reederei nach Amrum. Gilt mein Fährticket da etwa nicht? Das kann doch nicht wahr sein! Doch!
„Eine kostenlose Mitnahme in dem Schiff ab Nordstrand wird nicht möglich sein. In diesem Fall muss ein Aufpreis gezahlt werden.“ Das steht nicht etwa in meiner DB-Reiseempfehlung; das erfahre ich erst auf Nachfrage bei der Pressestelle. Aufpreis klingt erschwinglich. Wieviel wird‘s? Laut Adler-Reederei kostet ein Familienticket – 89 Euro! Zwei, drei Tage im Voraus gebucht, müsste man online nur 36 Euro zahlen, neun pro Person. Aber dafür müsste man gewarnt sein. Und selbst dann bliebe es dabei: Die Bahn empfiehlt uns eine Route, auf der das bei der Bahn gekaufte Ticket gar nicht gilt.
Zum Glück komme ich nicht in die Verlegenheit. Wenn ich einen Zug früher oder später als den ursprünglich geplanten nehme, spare ich mir nicht nur die sinnlose Stunde in Altona; ich kann auch wie geplant über Dagebüll fahren und kriege die Fähre, für die ich bezahlt habe. Und auch das erfahre ich nicht aus meiner Reiseempfehlung, sondern im Gespräch mit dem Fahrgastverband.
Bei Verspätungen von mehr als einer Stunde muss die Deutsche Bahn 25 Prozent des Fahrpreises erstatten, bei mehr als 120 Minuten sind es 50 Prozent. Gute Nachricht: Das gilt auch, wenn die Verspätung vor Antritt der Reise schon per Fahrplanänderung feststeht, so die Sprecherin. Gemessen werde an der Ankunftszeit, die auf der gebuchten Verbindung steht. Das allerdings nur bis zum „letzten Bahnhof auf der Schiene“ Es zählt also nicht die Ankunft auf der Insel, sondern die am Fähranleger.
Und jetzt wird’s kompliziert: Entweder starten wir eine Stunde früher, als geplant, oder eine Stunde später. In beiden Fällen brauchen wir genau 60 Minuten mehr, schippern dafür aber mit gültigem Fährticket via Dagebüll. Oder, dritte Möglichkeit, wir folgen der wahnsinnigen Reiseempfehlung, die 100 Minuten länger braucht und auch noch ein zusätzliches Fährticket erfordert.
Jede Version wirft neue Fragen auf: Besteht der Anspruch auf Erstattung auch, wenn man zwar rechtzeitig ankommt, dafür aber eine Stunde früher starten muss? Wird eine Verspätung auch dann am letzten Bahnhof gemessen, wenn der jetzt nicht mehr Dagebüll, Nordstrand heißt? Erstattet uns jemand das verfallende Fährticket? Ich verliere den Überblick und frage noch mal die Pressestelle: Was kriegen wir denn nun in jeder der drei Versionen erstattet? Auch nach mehreren Tagen Bedenkzeit kann die Pressestelle auf diese Frage keine konkreten Euro-Beträge nennen.
Mit der Bahn an die Nordsee zu fahren, ist offenbar schwierig. Stört das die Amrumer, die von Urlaubern wie uns leben? Frank Timpe, Chef der Amrum-Touristik, nennt die Bahnanbindung „grundsätzlich gut“ – zumindest „soweit der Schienenverkehr planmäßig verläuft“.
Dass gerade das Nadelöhr Fährbetrieb „zu Verunsicherung und innerer Unruhe“ führen kann, sieht er auch. Aber Timpe versichert: Die Reeder lassen keinen zurück und bemühen sich, auch auf Verspätungen der Bahn zu reagieren. Trotzdem kämen nur rund 19 Prozent der Gäste mit der Bahn auf die Insel. Mehr als 70 Prozent seien Autofahrer – und das, obwohl auf Amrum alles per Rad oder Bus zu erreichen sei.
An der alternativen Schiffahrtsroute ab Nordstrand sieht Timpe übrigens auch etwas Gutes. Die dortige Adler-Reederei ist kein Fähr-, sondern ein Ausflugsbetrieb und die Fahrt lohne sich. Stimmt. Ich habe mir das Angebot nachgeguckt. Seebestattungen bietet das Unternehmen auch an. Wenn die Bahn die Verkehrswende nicht auf die Reihe kriegt, kann sie ihre Ambitionen hier fachgerecht zu Grabe tragen.