Kiel Protesttraining der „Letzten Generation“: Hier werden die Aktivisten ausgebildet
Wie geht eine Straßenblockade durch? Was tun Aktivisten, wenn die Polizei sie wegschleppen will? Und wie gehen sie mit aggressiven Autofahrern um? Im Kieler Schlossgarten versammeln sich angehende Aktivisten der „Letzten Generation“ und trainieren den Klimaprotest.
Mit lauter, klagender Stimme setzt Moritz an: „Aua, das tut weh. Sie tun mir weh. Bitte, tun Sie mir nicht weh. Ich habe Angst. Sie müssen das nicht tun. Das tut weh. Bitte, tun Sie mir nicht weh.“ Er hält einen Moment inne, dann schiebt er in ruhigem Tonfall hinterher: „Solche Dinge könnt ihr sagen.“ Augenkontakt halten und lautstark die eigenen Schmerzen kommunizieren. Das ist die Devise.
„Es kann sein, dass ihr getreten werdet. Damit das nicht so einfach ist, könnt ihr eine Tasche vor euch stellen“, doziert Moritz. „Wichtig ist, dass ihr Schmuck, vor allem Ohrringe, zu Hause lasst. Und die Haare tragt ihr besser offen.“ Immer wieder würden Aktivisten am Pferdeschwanz gepackt und von der Straße gezerrt. Nicht von den Polizisti – so gendert Moritz das Wort Polizisten –, sondern von wütenden Autofahrern. „Das ist bei offenen Haaren schwieriger“, klärt Moritz die Gruppe auf.
Es ist ein sonniger Sonntagnachmittag im Kieler Schlossgarten. Auf der Wiese, zwischen Wilhelmstatue und Kriegerdenkmal, hat sich eine 15-köpfige Gruppe eingerichtet. Sechs Stunden verbringen sie hier. Und lassen sich von Moritz beibringen, wie sie „Klimakleber“ werden.
Moritz, 26 Jahre alt, ist extra aus Stuttgart angereist. Regelmäßig tourt er durch ganz Deutschland, um in Protesttrainings junge wie ältere Menschen für den „Widerstand“ zu rekrutieren und auszubilden.
Moritz selbst hat in der Szene zweifelhafte Berühmtheit erlangt. Er ist einer der ersten Aktivisten der „Letzten Generation“, der für seine Klebeaktionen zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Vier Monate ohne Bewährung. Wegen Nötigung. Moritz hat Berufung eingelegt, doch ihm stehen noch weitere Verfahren ins Haus. Moritz hat sich nicht nur einmal auf die Straße geklebt. „Ich zähl’ da schon gar nicht mehr genau mit“, sagt er. Dann überlegt er kurz und schiebt hinterher: „Das müsste jetzt so 30-mal gewesen sein.“ Auch wenn er tatsächlich ins Gefängnis muss – er will weiter zur Klebetube greifen. „Bis die Regierung endlich was tut“, wie er sagt. Und meint damit den Kampf gegen den Klimawandel.
Die Gruppe im Schlossgarten will das auch und probt damit das, was auch regelmäßig ein Verstoß gegen geltende Gesetze ist. Die Gruppe steckt mitten in der Übung „Wegtragen“. Zwei Varianten werden durchgespielt. Den Start macht der nasse Sack. Gerrit legt sich ins Gras, macht sich lang und streckt seine Arme nach oben. Mona und Alex treten heran, packen den kräftig gebauten Gerrit an den Händen und ziehen. Ohne Erfolg. Gerrit bewegt sich nicht. Er grinst. „Noch eine helfende Hand vielleicht?“, schlägt er seinen „Polizisten“ vor. „Das fragst du die Polizei dann aber nicht“, wirft jemand von der Seite ein. Die Gruppe lacht.
„So, jetzt hat jeder mal die Möglichkeit, ein Päckchen zu machen“, kündigt Coach Moritz an. Die zweite Variante. Alex setzt sich und macht sich bereit: Beine anwinkeln, Oberkörper nach vorn, Arme unter den Kniekehlen verschränken. Mona, diesmal unterstützt von ihrem „Kollegen“ Philipp, beugt sich hinunter und packt zu. Eine Hand unters Bein, eine unter die Schulter. Alex ist in der Luft. Ein paar Schritte tragen sie ihn, setzen ihn schnell wieder ab. Mona richtet sich auf, checkt, dass ihre Sonnenbrille richtig sitzt, und blickt in die Runde. „Wer ist als nächstes dran?“
Mona ist 31 Jahre alt, arbeitet in der Kunstvermittlung, so sagt sie es. Auf ihrem Namensschild hat Mona ihre Pronomen notiert („sie/ihr“). Sie ist nicht die Einzige. Über die Pronomen drückt sie aus, welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlt.
Wie für viele hier begann auch für Mona der Klimaprotest bei Fridays for Future. Seit Jahren ist sie bei jeder Demo dabei. Doch sie fühlt sich hilflos. „Ich hab das Gefühl, dass das hier, was die ,Letzte Generation‘ macht, das Einzige ist, was noch was bringt“, sagt sie. Dass sich die Aktivsten mit ihren Aktionen strafbar machen und in der Bevölkerung auf breite Ablehnung stoßen? Einkalkuliert. „Fridays for Future wurde so weggekuschelt. Die stören zu wenig“, sagt Mona. Die „Letzte Generation“ dagegen bringe die Klimakrise wieder auf die Agenda.
Doch ob sie selbst den Mut aufbringen wird, sich auf die Straße zu kleben, das weiß sie noch nicht. Die rechtlichen Konsequenzen und die Gewalt auf der Straße: „Das macht mir auch Angst“, sagt sie.
Die Gewalt auf der Straße kann sie an diesem Sonntag üben. So zumindest ist die Idee. Es werden Eskalationsszenarien durchgespielt. Aktivisten versus Autofahrer. Moritz kramt in seiner Tasche, zieht orangene Warnwesten hervor. Eine drückt er Alex in die Hand. Es folgt ein ebenso orangenes Banner. „Art. 20A GG = Leben schützen“ steht darauf. „So, kann los gehen“, verkündet Moritz.
Zögerlich tritt Alex ein paar Schritte vor. Ein kurzer Blick zu Moritz, dann setzt er sich hin, das Banner vor sich ausgebreitet. „Können wir jetzt?“, fragt Gerrit, der den Autofahrer mimt. Langsam tritt er auf Alex zu, bleibt einige Schritte vor ihm stehen. „Ey, was soll das?“, setzt er an. „Was macht ihr da?“ Alex blickt auf. Und kann sich sein Lachen nicht verkneifen. Auch Gerrit muss schmunzeln. „Ich muss zur Arbeit“, versucht er es noch einmal. Doch das Rollenspiel funktioniert nicht. Gerrit wendet sich ab, wirft die Arme nach oben. „Das ist voll schwer, das so authentisch zu spielen.“
Es liege einfach nicht in seiner Natur, aggressiv zu sein, sagt Gerrit. 24 Jahre ist er alt, macht eine Ausbildung zur Pflegekraft. Er ist hier, weil er etwas bewirken, das Gefühl haben will, etwas zu tun. „Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als einmal eine Familie zu haben“, erzählt er. Liebe – für ihn das Schönste auf der Welt. „Aber wie kann ich in diese Welt Kinder setzen? Ich kann das für mich nicht verantworten.“ Sich deshalb auf die Straße kleben – für Gerrit wäre das riskant: Mit einem Eintrag im Führungszeugnis könne er seine Ausbildung wohl nicht abschließen, sagt er.
„Jetzt drehen wir die Eskalationsspirale hoch“, kündigt Moritz an. „Bitte nicht hochaggressiv, nur aggressiv.“ Schmunzeln in der Gruppe. „Gerrit, du bist nur Zuschauer, oder?“, sagt Alex. „Hast schon Angst, was?“, entgegnet Gerrit ironisch. Im Hintergrund munitioniert sich Mona auf. „Braucht noch jemand einen Schal? Ich hab zwei.“ Sie blickt in die Runde. Gerrit nimmt einen.
Energisch geht er auf Alex zu. Der hat es sich im Gras gemütlich gemacht. Diesmal bleibt Gerrit nicht stehen. Und er hat Verstärkung. Gemeinsam mit seinen „Mit-Autofahrern“ packt er zu. Alex faltet sich zum Päckchen – und wird abtransportiert. Ein paar Meter entfernt kommt der Trupp zum Stehen. Mit einem breiten Lächeln steht Alex auf und eilt auf seinen Platz zurück. „Hast du noch nicht genug?“, schlägt es ihm entgegen. „Verpiss dich hier!“ Alex grinst und macht sich bereit für den erneuten Abtransport.
Kurz darauf ist Abpfiff. Nächste Runde. Alex steht auf, geht ein paar Schritte auf Gerrit zu und raunt: „Jetzt ist die Rache mein.“ Gerrit lacht. Auch Alex kann sich sein Schmunzeln nicht verkneifen. Gerrit wirft sich die Weste um, packt das Banner und macht sich bereit.
Ob er sich künftig nicht nur ins Gras, sondern auch auf den Asphalt der Straße setzen wird, das weiß Gerrit noch nicht. Vielleicht erstmal bei einer Klebeaktion zugucken. Sich das Ganze mal anschauen.